Wie ein 78 Jahre altes Manifest zum Urdokument der EU wurde

Drei Antifaschisten schrieben 1941 auf einer Gefängnisinsel das «Manifest von Ventotene». Es wurde in einem gebratenen Poulet versteckt aus dem Gefängnis geschmuggelt.

Altiero Spinelli, linker Politiker, und Alberto Rossi, der sich vom rechten Journalisten zum Antifaschisten wandelte. Foto: Archivio, A3, Contrasto, Laif

Altiero Spinelli, linker Politiker, und Alberto Rossi, der sich vom rechten Journalisten zum Antifaschisten wandelte. Foto: Archivio, A3, Contrasto, Laif

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Drangsal macht süchtig. Václav Havel ist in diversen Haftjahren als politischer Gefangener zum Kettenraucher geworden. Für den legendären tschechischen Präsidenten hatten drei Italiener, ebenfalls haftbedingte Kettenraucher, beinahe den Rang von Heiligen. Tschechiens «Rückkehr nach Europa», die Rückkehr in den Wertekanon eines Kontinents, der frei und einig sein solle, das war Havels Postulat und Vermächtnis. Altiero Spinelli, Ernesto Rossi und Eugenio Colorni verkörperten für ihn dieses existenzielle Ziel: Sie haben das «Manifest von Ventotene» verfasst, haben schon im Jahr 1941 fundamentale, konkrete und praktische Vorschläge «für ein freies und vereinigtes Europa» fixiert; einen ersten Entwurf für Regeln und Institutionen, die heute als Kern dessen gelten, was Europa bislang an Einigung bewerkstelligt hat. Und als Partitur dessen, was die EU zu bilden und zu entwickeln bislang versäumt hat.

Das «Manifest von Ventotene» liest sich wie ein Gegengift gegen die Niedertracht und die populistischen Irritationen unserer Tage. Es skizziert die epochalen Stärken der Einigung. Und es behandelt dort gültig, was an institutioneller Schwäche, an sozialen Defiziten, an mangelnder Akzeptanz unter den Bürgern auch heute debattiert wird. Havel hatte den Totalitarismus als den unerbittlichen Zugriff des Stalinismus erlebt. Die drei von Ventotene lehnten sich gegen den italienischen und den deutschen Faschismus auf. Sie taten dies in schwärzester Zeit mit einem unerschütterlichen Optimismus. Heute vermiesen Kleinlichkeit, Verdruss und Mäkelei die immensen Vorteile und Segnungen des holpernden, aber vielfach gelungenen Einigungs- und Friedenswerks. Die drei Männer damals verbreiteten inmitten einer Weltkatastrophe beinahe übermenschliche Zuversicht.

Das Manifest wurde heimlich geschrieben, mit dem Russ abgebrannter Streichhölzer.

Das «Manifest von Ventotene» ist in einem erstaunlich kühlen, eher analytischen Duktus verfasst. Es umreisst zunächst die Krise der Demokratie und des politischen Humanismus; es identifiziert Nationalismus als Brutkammer von Überlegenheitsmythen und rassistischem Hierarchiedenken, von Verachtung und Hass. Es fordert als Konsequenz nichts weniger als das Ende der nationalstaatlichen Ordnung und die Bildung übernationaler europäischer Institutionen, um die ethischen und zivilisatorischen Verheerungen von Faschismus, Stalinismus und Krieg zu heilen und in einer neuen kontinentalen Ordnung zu überwinden. Dies sogar unter der Prämisse, den Hauptübeltäter Deutschland vollwertig und befriedend in die neue Ordnung einzubeziehen.

Als die drei Widersacher des Mussolini-Regimes ihr friedfertiges Europa entwarfen, sassen sie als politische Gefangene auf der Mittelmeerinsel Ventotene, etwa 60 Kilometer vom Festland entfernt. Spinelli, Rossi und Colorni waren mit Hunderten anderer dort interniert, auf dieser kargsten der Pontinischen Inseln im Tyrrhenischen Meer.

Auf den abgelegenen Pontinischen Inseln sperrten Italiens Faschisten politische Gegner ein. Foto: iStock

Spaltung überwunden

Im alten Italien war die tiefe Spaltung der Linken, die Feindschaft zwischen Sozialisten und Kommunisten, auch einer der Gründe für Mussolinis Erfolg in den frühen Zwanzigerjahren. Der dreistimmige Chor der Gefangenen bewies im politischen Isolierraum Ventotene, dass auch das Gegenteil zu schaffen war. Die Männer kamen aus verfeindeten politischen Lagern, deren Protagonisten sonst oft einander das Leben zu vergiften trachteten, selbst unter der Knute faschistischer Verfolgung: Eugenio Colorni, der eher sozialreformerisch engagierte Philosoph und sozialistische Politiker; Ernesto Rossi, der einst national gesinnte Journalist, der sich zum liberalen Antifaschisten wandelte, nachdem er zunächst für Mussolinis Blatt «Il Popolo d’Italia» gearbeitet hatte; Altiero Spinelli, der einst kommunistische Widerständler, der zu einem aufgeklärten, antidogmatischen Linken wurde.

Was sie einte, war eine Überzeugung: Um wirklich friedfertig zu werden, müsse Europa den Nationalstaat überwinden und für ein respektables Mass an sozialer Gerechtigkeit sorgen.

Schreibzeug hatten die Faschisten den Verbannten bei Strafe untersagt. Die Legende erzählt, dass die drei Kettenraucher ihr «Manifest von Ventotene», ein immerhin 14-seitiges Manuskript, mit dem Russ abgebrannter Streichhölzer auf winziges Zigarettenpapier geschrieben haben. Ursula Hirschmann, Colornis jüdische deutsche Ehefrau, hat als Besucherin die Kassiber aufs Festland geschmuggelt.

Eugenio Colorni, Philosoph und sozialistischer Politiker. Seine Ehefrau schmuggelte das in vier Abschnitte aufgeteilte Manifest im Bauch eines gebratenen Poulets aus dem Gefängnis. Foto: PD

Die Idee dieses grossen Entwurfs der europäischen Einigung ist die des inneren und äusseren Friedens. Beides kann nur gelingen, indem das Machtstreben der Nationalstaaten begrenzt wird. Und wieder fühlt man sich in den Diskurs dieser Tage versetzt: «Im kritischen Moment werden sie (die reaktionären Kräfte, Anm. d. Red.) sich geschickt zu verstellen wissen und beteuern, wie sehr ihnen die Freiheit, der Friede, der allgemeine Wohlstand der benachteiligten Klassen am Herzen liege. Vor allen Dingen werden sie die Wiederherstellung des Nationalstaats ins Feld führen. Sie gewinnen so jenes Volksempfinden für sich, das am weitesten verbreitet ist und am leichtesten zur Beute reaktionärer Manipulationen wird: das patriotische Gefühl.»

Unfreiheit, Hoffnungslosigkeit, Terror und die Wut der Waffen prägten das Jahr 1941.

Das Manifest mutet an wie der Kommentar auf die Reden heutiger Autokraten wie Wladimir Putin, Xi Jinping, Jair Bolsonaro, Recep Tayyip Erdogan, Donald Trump, Matteo Salvini oder Viktor Orban. Wohin die Verherrlichung des Nationalen in letzter Konsequenz führt, daran lässt das Manifest keinen Zweifel: Die Folge sei, «dass der Staat sich vom Beschützer der Freiheit seiner Bürger zum Herrn über Untertanen entwickelt hat».

Die drei Autoren begnügen sich aber keinesfalls mit der kritischen Analyse, in dunkelster Zeit verkünden sie eine kraftvolle Vision. «Es gilt, einen Bundesstaat zu schaffen, der auf festen Füssen steht und anstelle nationaler Heere über eine europäische Streitmacht verfügt», fordern Spinelli, Rossi und Colorni. «Es braucht eine genügende Anzahl von Organen und Mitteln, um in den einzelnen Bundesstaaten die Beschlüsse durchzuführen, die zur Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung dienen.» Sowie, ganz entscheidend: «Gleichzeitig soll den Staaten jene Autonomie belassen werden, die eine plastische Gliederung und die Entwicklung eines politischen Lebens gemäss den besonderen Wesensmerkmalen der verschiedenen Völker gestattet.»

Was das europäische Friedensprojekt angeht, hat die Geschichte den Visionären von Ventotene recht gegeben. Weniger erfolgreich ist Europa jedoch darin, so etwas wie eine gemeinsame Identität zu begründen, ein europäisches Grundgefühl. Zu intransparent, zu kompliziert und manchmal auch zu abstrakt erscheinen vielen Bürgern die Entscheidungsprozesse in Brüssel und Strassburg.

Vision eines sozialen Europa

Was momentan oft zu kurz kommt, ist die Vision eines sozialen Europa, mit verpflichtenden Standards und einer umfassenden Solidarität auch in Krisenzeiten. Dabei hatten die drei Visionäre genau dieses Problem bereits im Auge. Sie erklären eine kraftvolle Sozialkomponente zur unentbehrlichen Säule des Einigungsprozesses. Allerdings unter Ausschluss aller staatsdoktrinären Vorgaben sowjetkommunistischer Prägung.

Colorni kam als Erster frei, sorgte noch 1941 für eine illegale Druckfassung des «Manifests von Ventotene» und von Rom aus für dessen Verbreitung. 1944 wurde er als Widerstandskämpfer in Rom erschossen, nur Tage vor der Befreiung der Stadt durch die Alliierten. Die beiden anderen haben noch erlebt, wie viele ihrer Vorschläge Wirklichkeit wurden. Spinelli war sogar an der Fortentwicklung der europäischen Idee nach dem Krieg wesentlich beteiligt. 1970 bis 1976 war er als Mitglied der Europäischen Kommission für Industriepolitik zuständig, 1979 wurde er ins Europäische Parlament gewählt. Die Bildung des Europäischen Rats der Staats- und Regierungschefs bekämpfte er als autoritär-rückschrittliche Gegenkraft zu den übernationalen demokratischen Institutionen wie dem Parlament in Strassburg. Ihm verdankt es seine heutigen Mitbestimmungsbefugnisse. Spinelli stritt früh für die Kompetenzen des Parlaments, um es aus den Hinterzimmern der Regierungschefs zu befreien, es näher am Volkswillen zu verankern und so den Einigungsprozess zu befeuern.

Altiero Spinelli liegt auf Ventotene begraben. Für Schulklassen aus ganz Italien gibt es heute Exkursionen auf die Verbannungsinsel mit dem Ziel, die europäische Idee weiterzugeben an die nächste Generation. Glühende Europäer rufen zu einer Neuauflage des «Manifests von Ventotene» auf. Hätte dieses Dokument die Popularität, wie sie sich Václav Havel einst gewünscht hat, müsste man sich keine Sorgen um Europa machen: «Blickt man über den alten Erdteil hinweg auf alle Völker der Menschheit, muss man zugeben, dass die Europäische Föderation die einzig denkbare Garantie bietet, um die Beziehungen mit den asiatischen und amerikanischen Völkern auf eine Basis friedlicher Zusammenarbeit zu stellen, bis es so weit ist, dass die politische Einheit aller Völker des Erdballs erreicht werden kann.»

Was für ein Bekenntnis aus einem Jahr, da die Welt im Krieg brannte.

Erstellt: 24.05.2019, 20:18 Uhr

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