Assanges Kampf gegen das Vergessen

Niemand spricht mehr von Wikileaks. Das Verdikt der UNO-Prüfungskommission zugunsten von Julian Assange bietet diesem nun eine Chance, aus der Isolation auszubrechen.

Julian Assange gestern vor der ecuadorianischen Botschaft in London. Foto: Getty

Julian Assange gestern vor der ecuadorianischen Botschaft in London. Foto: Getty

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Zum Ende der Woche ist wieder Polizei aufgezogen vor No. 3 Hans Crescent im Stadtteil Knightsbridge in London. Monatelang hatte man dort, vor der ecuadorianischen Botschaft, keine Uniformen und auch keine neugierigen Touristen mehr gesehen. Gestern Freitag aber drängten sich wieder Reporter und Kamerateams, um über den prominenten «Insassen» der diplomatischen Vertretung, Wikileaks-Gründer Julian Assange, zu berichten. Der 44-jährige Australier, trat am Freitag zwar nicht auf die Strasse, aber immerhin auf den Balkon und damit entschlossen zurück ins Rampenlicht, als er einen «Sieg von historischer Bedeutung» verkündete.

Assange verlangt kategorisch seinen Pass zurück und freien Abzug, nachdem eine UNO-Arbeitsgruppe dem 44-jährigen Australier bestätigt hat, dass er von britischer Seite «unrechtmässig festgehalten» werde. Assange sei seit 2010 «auf mehrfache Weise seiner Freiheit beraubt» worden, befand das UNO-Gremium: erst mit Einzelhaft, dann mit Hausarrest und seit dem Sommer 2012 durch den Aufenthalt in der Botschaft, die er nicht verlassen könne. Die Arbeitsgruppe verlangte sogar Schaden­ersatz für den «Inhaftierten».

An einer Pressekonferenz im Frontline-Club in London dankte Assange über Videolink den UNO-Experten für ihren Spruch, der «einen wirklich bedeutenden Sieg» für ihn darstelle. Grossbritannien und Schweden, folgerte er, fänden sich nun am Pranger der Welt­öffentlichkeit. Sanktionen gegen beide Staaten wären angebracht.

«Lächerliches Verdikt»

Die beiden Länder zeigten sich unbeeindruckt. Der britische Aussenminister Philip Hammond bezeichnete das Verdikt als «lächerlich». Auch in Schweden, wo Assange von einer Stockholmerin der Vergewaltigung bezichtigt wird, besteht man weiter auf einer Auslieferung. «Die Ansichten der UNO-Arbeitsgruppe sind nicht die der schwedischen Behörden», erklärte das Aussenministerium kühl. Blass, aber mit adrett gestutztem Bart und befreit von seiner weissen Mähne der letzten Monate, suchte sich Assange neu in Szene zu setzen.

«Könnt ihr mich alle hören?», fragt er zu Beginn seiner Stellungnahme unsicher. Nach über 1300 Tagen in der Botschaft hat Assange Mühe, sich noch Gehör zu verschaffen und nicht vergessen zu werden. Die Plakate vor der Botschaft, die seinen freien Abzug fordern, sind jedenfalls rar geworden. Im Sommer 2012 zogen seine Anhänger noch in Massen und mit bunten Ballons zu Protesten vor der Botschaft auf. Nun gehen die Londoner ihrer Wege, ohne dem Rummel um ihn viel Beachtung zu schenken. Niemand spricht mehr von Wikileaks. Assange selbst leidet unter der Isolation und der Enge. Viel Platz steht ihm nicht zur Verfügung: Das Botschaftspersonal erwartet, dass er sich hauptsächlich in seinem Zimmer aufhält. Es enthält ein Bett, ein Bücherregal, ein rundes Tischlein mit Stühlen und eine Höhensonne, die ihm seine Mutter hat zukommen lassen. Der Filmemacher Ken Loach hat ihm ein Laufgerät besorgt, damit er sich fit halten kann. «Ein bisschen wie in einer Raumkapsel» komme er sich vor, hat Julian Assange seine Situation einmal beschrieben. Er würde «ganz gern mal wieder einen Waldspaziergang machen». In physischer Topverfassung ist er offensichtlich nicht.

Der Aussenwelt ist Assange über Fernsehen, Telefon, Internet und Essenslieferungen aus nahen Restaurants verbunden. Abends empfängt er die spärlichen Besucher, die ihm bis heute die Treue halten. Etliche frühere Freunde hat er verprellt. Mit Videolinks zu diversen Veranstaltungen sucht Assange sich im Gespräch zu halten. Am Hollywoodfilm «The Fifth Estate» über Wikileaks, der vor zwei Jahren in den Kinos lief, fand er allerdings keinen Gefallen. Er hielt ihn für eine «massive Propagandaattacke gegen meine Person» und suchte Benedict Cumberbatch, der Darsteller seiner Person – ohne Erfolg – von der Übernahme der Rolle abzubringen. Probleme bereitet hat ihm auch ein früherer Helfer, der Schriftsteller Andrew O’Hagan. Er hat Assange als couragierten, aber selbstverliebten, paranoiden und manipulationshungrigen Zeitgenossen charakterisiert.

Erstellt: 05.02.2016, 19:35 Uhr

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