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Attacke – aber mit Plan

SPD-Kanzleranwärter Martin Schulz will im morgigen TV-Duell zeigen, dass Angela Merkel keinen Plan für die nächsten vier Jahre hat.

Wahlplakate von Kanzlerin Angela Merkel und Kanzlerkandidat Martin Schulz in Berlin. Foto: Clemens Bilan (Keystone)
Wahlplakate von Kanzlerin Angela Merkel und Kanzlerkandidat Martin Schulz in Berlin. Foto: Clemens Bilan (Keystone)

Angela Merkel mag Streitgespräche am Fernsehen nicht. Wenn sie könnte, heisst es, würde sie ihre Berater hinschicken. Die Kanzlerin redet oft umständlich – grammatikalisch und argumentativ: Die Gabe der lebendigen, pointierten Rede geht ihr ab. Reine Interviews sind ihr weniger unangenehm. Zwar sprüht sie auch dort rhetorisch keine Funken. Aber es gelingt ihr meist, den Raum zwischen den Fragen mit kleinen Referaten zu füllen, die zumindest den Eindruck hinterlassen, dass da jemand weiss, wovon er spricht.

So ist es wenig verwunderlich, dass Merkel noch keines ihrer bisher vier TV-Kanzler-Duelle gewonnen hat. Selbst der 2013 weithin abgeschriebene Peer Steinbrück holte nach dem Duell mit Merkel zwei bis drei Prozentpunkte auf. Für die Kanzlerin hat das den Vorteil, dass die Erwartungen an sie eher gering sind. Kommt sie ohne Fehler, Rumpler oder Peinlichkeit durch die Sendung, können das ihre Trommler bereits als Erfolg verkaufen. Und dieses Minimum hat sie seit 2005 noch immer erfüllt.

Für Martin Schulz ist die Ausgangslage ganz anders. Wenn am Sonntagabend ab 20.15 Uhr in Berlin-Adlershof die Kameras von ARD, ZDF, RTL und Sat1 laufen, ist er zum Erfolg verdammt. Der Sozialdemokrat rackert sich im Wahlkampf ab, hat unzählige Pläne und Konzepte vorgestellt, aber das Publikum nimmt davon eher gelangweilt Notiz, wenn überhaupt. 15 Prozent beträgt der Rückstand seiner Partei, sein persönlicher in der Kanzlerfrage sogar 25.

Anders als sonst wird sie ihm im Studio nicht ausweichen können.

Das TV-Duell ermöglicht es Schulz nun wenigstens einmal, Merkel direkt zu stellen. Anders als sonst wird sie ihm im Studio nicht ausweichen können, anders als sonst kann er sie hier vielleicht in die Enge treiben, so die Hoffnung der SPD. Wahlforscher glauben, es sei Schulz’ letzte Chance, drei Wochen vor der Wahl noch einmal etwas Bewegung in die Umfragen zu bringen.

Schulz jedenfalls setzt auf Attacke. In den Wahlkampfreden der letzten beiden Wochen hat er bereits damit begonnen. Erheblich bissiger klang er da als zuvor. Merkel habe nicht nur keinen guten, sie habe gar keinen Plan, spottete er und schimpfte, sie kusche vor Figuren wie Recep Tayyip Erdogan und Donald Trump. Damit begeisterte er zumindest seine Anhänger. Angesichts der hervorragenden Sympathiewerte Merkels, das wissen seine Strategen genau, ist die scharfe Attacke indes ein zweischneidiges Schwert.

Schulz muss angreifen, darf dabei aber keinesfalls verbiestert oder frustriert wirken. Selbstbewusst und entschlossen soll er sein, Kampfeswillen zeigen. Der emotionale Rheinländer, so raten die Strategen, darf sich gegen die kühle Ostdeutsche auf keinen Fall gehen lassen. Beschimpft er Merkel als die prinzipienlose Opportunistin, für die er sie heimlich hält, hilft ihm das vielleicht bei seinen Fans, aber sicher nicht beim breiten Publikum.

Bildung statt Kanonen

Auch inhaltlich bietet sich für Attacke nur brüchiges Terrain. Schulz kann nicht auf einmal alles falsch finden, was seine Partei in Merkels Grosser Koalition zuletzt vier Jahre lang mitbestimmt und mitgetragen hat. Zumal die Mitverantwortung ja noch erheblich weiter zurückreicht: Seit 1998 hat die SPD in Berlin permanent regiert oder mitregiert, mit Ausnahme von vier Jahren ab 2009. Da fällt es schwer, zu behaupten, es müsse jetzt alles ganz anders werden.

Schulz’ Strategen haben gemäss «Spiegel» und «Zeit» drei Themen identifiziert, bei denen er angreifen kann, ohne sich selber zu sehr zu beschädigen: Rente, Bildung und Aufrüstung. Bei der Altersvorsorge legt die SPD ein neues Konzept vor, während CDU und CSU auf einen Gegenvorschlag rundweg verzichten. Er sei im Moment nicht nötig, sagte Merkel zur Begründung. Marode Schulen und riesige Unterschiede im Bildungswesen ärgern laut Demoskopen viele Bürger. Bildung ist in Deutschland aber nicht Sache des Bundes, sondern der Länder, deswegen schlägt Schulz nun vor, der Bund solle wieder mehr Verantwortung übernehmen – und findet damit Zustimmung weit über seine Partei hinaus.

Intensive Vorbereitung

Deutschland hat sich als Reaktion auf die Ukraine-Krise innerhalb der Nato verpflichtet, in den nächsten Jahren seine Verteidigungsausgaben deutlich zu erhöhen. Schulz, dessen Partei dies damals einträchtig mittrug, polemisiert nun dagegen unter dem Slogan «Keine Aufrüstung für Trump – Milliarden für Bildung statt für Kanonen». Er kann dabei auf die Trump-Allergie weiter Bevölkerungskreise zählen. Merkel wiederum weiss, dass sie mit dem ungeliebten US-Präsidenten wahrscheinlich weiter wird zusammenarbeiten müssen, und versagt sich alle unnötigen Spitzen.

Unterstützt von den PR-Profis Markus Peichl und Bela Anda, bereitet sich Schulz seit Tagen intensiv auf das TV- Duell vor. Merkel lässt sich von ihren Kommunikationsexperten Eva Christiansen und Steffen Seibert beraten. Regierungssprecher Seibert moderierte früher selber beim ZDF. Mit einer unverhüllten Drohung («so – oder gar nicht») haben die beiden Merkel-Vertrauten im Vorfeld auch dafür gesorgt, dass das Gesprächsformat im Studio so starr bleibt, wie es in der Vergangenheit war. Je weniger das Duell einem spontanen Streitgespräch gleicht, heisst es in Merkels Umfeld, desto besser für die Kanzlerin.

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