Auf der Prachtstrasse wütet der Mob

In Paris sind die Proteste der Gelbwesten erneut eskaliert. Der Zeitpunkt hat symbolische Kraft: Präsident Macrons «grand débat» endete am Wochenende.

Polizisten vor dem Pariser Nobelrestaurant Fouquet’s, das verwüstet und angezündet wurde. Foto: Yoan Valat (Epa)

Polizisten vor dem Pariser Nobelrestaurant Fouquet’s, das verwüstet und angezündet wurde. Foto: Yoan Valat (Epa)

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Am Samstagnachmittag wirkt es kurz so, als hätten die Sicherheitskräfte die Prachtstrasse Champs-Elysées aufgegeben. Die Markise des Edelrestaurants Fouquet’s steht in Flammen, das Mobiliar ist zerstört, und die Einzigen, die es zu interessieren scheint, sind filmende Demonstranten, die sich vor dem Spektakel versammeln. Schliesslich öffnet sich ein Fenster im ersten Stock, und aus einer Wohnung heraus versucht jemand mit einem Feuerlöscher, den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Die «gilets jaunes» begingen am Samstag den «Akt 18». Seit 18 Wochen demonstrieren sie in ganz Frankreich gegen Präsident Emmanuel Macron. Die Zahl der protestierenden Gelbwesten geht seit Beginn der Bewegung kontinuierlich zurück.

Die Bereitschaft zur Gewalt ist geblieben. Am Samstagabend resümiert die Polizei: 24 verwüstete Geschäfte, ein zerstörter Kiosk, brennende Barrikaden aus Stühlen, Motorrädern und allem, was sonst noch zu finden war, sowie ein Brandanschlag auf eine Bank, der dazu führt, dass 11 Menschen in den darüber liegenden Wohnungen verletzt werden. 185 Personen werden festgenommen.

Krise nicht überwunden

Der Tag, an dem die Gewalt zurückkehrte, hat symbolische Kraft. Am Wochenende endete der «grand débat», mit dem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Krise überwinden wollte. Tatsächlich sind seine Zustimmungswerte wieder gestiegen, nachdem er zwei Monate lang auf einem Diskussionsmarathon durch Frankreich getourt war. Doch seine entschiedenen Gegner konnte der Präsident nicht umstimmen. Statt im Triumph endet der «grand débat» nun mit Bildern der Zerstörung, die deutlich machen, dass der innere Frieden nicht wiederhergestellt ist.

Die Randalierer auf den Champs-Elysées stellten dabei nur eine Minderheit der Menschen, die am Samstag gegen Macron auf die Strasse gingen. Während bei der Demonstration am Triumphbogen, die schnell eskalierte, von der Polizei 10'000 Menschen gezählt wurden, nahmen an einer parallelen Kundgebung im Osten der Hauptstadt 36'000 Menschen teil. Ein Zusammenschluss von Umweltgruppen und sozialen Verbänden hatte zum «marche du siècle» aufgerufen, zum Marsch des Jahrhunderts, dem sich in Frankreich Zehntausende anschlossen. Bei der Pariser Abschlusskundgebung auf der Place de la République fanden sich viele Menschen in gelben Warnwesten ein.

Friedliche Klimademo

Die Organisatoren, zu denen unter anderem Oxfam, Greenpeace und Attac zählten, riefen dazu auf, für Klimaschutz und für soziale Gerechtigkeit zu protestieren. Während an den Klimastreiks der Schüler am Freitag auch Vertreter der Regierung wie der Staatssekretär Gabriel Attal teilgenommen hatten, richtete sich die Demo am Samstag gegen «die Inaktivität der Regierung» angesichts des Klimawandels. Die teilnehmerstärkere Klimademo am Samstag verlief friedlich, wurde jedoch von den Ausschreitungen auf den Champs-Elysées überlagert.

Die Gewalt führte dazu, dass erneut darüber diskutiert wurde, wer überhaupt zu den «gilets jaunes» gehöre. Die rechtsradikale Marine Le Pen teilte am Samstag auf Twitter ein Foto der Ausschreitungen, auf denen ausschliesslich schwarz gekleidete Menschen zu sehen sind. «In Paris haben die schwarzen Kapuzen die gelben Westen abgelöst», schrieb Le Pen. Die Politikerin betont stets ihre Nähe zur Bewegung der «gilets jaunes».

Frankreichs Präsident sah sich gezwungen, sein Skiwochenende in den Alpen abzubrechen.

Auch während der Liveübertragung von den Demos durch den Fernsehsender BFM kommentierten Journalisten, dass es sich bei den Protestierenden um Autonome handle, die sich einfach nur eine gelbe Weste übergezogen hätten.

Tatsächlich liegt jedoch die Stärke der Bewegung der «gilets jaunes» eben darin, dass sie von Anfang an allen offenstand, ungeachtet der politischen Überzeugungen. In der Bewegung finden Linke und Rechte Platz, sie nimmt sowohl Demonstranten auf, die nur friedlich am Kreisverkehr Kaffee trinken wollen, als auch solche, die Gewalt als legitimes Mittel sehen, politischen Druck aufzubauen.

«Sehr grosse Wut»

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron sah sich am Samstag gezwungen, sein Skiwochenende in den Alpen abzubrechen, um nach Paris in den Elysée-Palast zurückzukehren. Macron sagte am Samstagabend: «Was heute auf den Champs-­Elysées passiert ist, nennt man nicht mehr eine Demonstration. Das sind Menschen, die die Republik zerstören wollen, selbst wenn dabei jemand ums Leben kommt. Alle, die dort waren, haben sich zu Komplizen gemacht.» Es müssten «starke Entscheidungen» getroffen werden. Premierminister Edouard Philippe sagte, er empfinde «wie eine riesige Mehrheit der Franzosen eine sehr grosse Wut». Kein politisches Ziel rechtfertige die Gewalt, die Paris am Samstag erlebte.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.03.2019, 20:46 Uhr

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