Auf die Angst folgt die Wut

Dem türkischen Präsidenten Erdogan kann kein Rivale etwas anhaben – nicht politisch und offensichtlich auch nicht militärisch. Der Putsch hat ihn unbesiegbar gemacht.

Polizisten entwaffnen Soldaten auf dem Taksim-Platz. Foto: Sedat Suna (EPA, Keystone)

Polizisten entwaffnen Soldaten auf dem Taksim-Platz. Foto: Sedat Suna (EPA, Keystone)

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Kaum zu glauben, aber da drinnen wird geputzt, der Mann ist die Ruhe selbst. Es ist Samstagnacht in Istanbul, kurz nach drei Uhr. Im Foyer des Marmara-Hotels am Taksim-Platz schiebt ein Putzmann seinen Lappen hin und her. Die Gäste haben sich in ihre Zimmer verkrochen. Die Bar? Längst geschlossen. Draussen vor dem Hotel, auf dem Platz, fangen die Leute wieder an zu rennen. Es hat geknallt, sehr laut hat es geknallt.

Drei junge Kerle haben sich hinter einer mannshohen Skulptur verkrochen. Sie drücken sich so eng aneinander, wie es nur geht. Verschwitzte Körper, die Köpfe eingezogen, wie Igel eingerollt, so kleben sie Mensch an Mensch. Einer hält sich die Hand vor den Mund und atmet schwer. Der Knall? Eine Bombe? Nein. Ein Kampfjet hat die Schallmauer durchbrochen. Das Flugzeug jagt so tief über Istanbul hinweg, dass reihenweise Fensterscheiben zu Bruch gehen. Alarmanlagen kreischen.

Schüsse und wieder Schüsse. Die Köpfe gehen runter. Wer sich noch nicht in Sicherheit gebracht hat, flüchtet nun vom Taksim. Ein Militärlaster steht einsam da. Ist das ein Zeichen dafür, wer hier als Verlierer vom Platz geht? Am Republik-Denkmal auf dem Taksim hatten zuvor einige Hundert Istanbuler, Zivilisten wie Polizisten, Soldaten eingekesselt und wüst beschimpft: «Verräter!»

Der 15. Juli 2016 wird in die Geschichte der Türkei eingehen. Als ein Tag, an dem sich das Militär wohl zum letzten Mal mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner islamisch-konservativen AKP angelegt hat. Als ein Tag, an dem mit viel Blutvergiessen die Entscheidung gesucht wurde, wem das Land gehört. Am Ende des Putschversuchs sind knapp 300 Menschen tot und weit mehr als 1000 Menschen verletzt. Tausende Militärangehörige werden verhaftet, einfache Soldaten, Offiziere und Generäle. Niemand weiss genau, was sie erwartet, denn die Regierung, offenbar überrumpelt und schwer getroffen von diesem Aufstand, sinnt auf Rache.

«Wir sind unter Beschuss», tippt der Abgeordnete Mustafa Yeneroglu um 2.48 Uhr in Ankara in sein Handy. Er sitzt im Parlament fest, die Putschisten greifen die Grosse Nationalversammlung an. CNN Türk berichtet live von den Explosionen. Der Sender zeigt verwackelte Handyvideos von Politikern, die vor den herumfliegenden Trümmern fliehen. Es ist erst ein paar Tage her, da ist man mit Yeneroglu durch dieses Parlament gelaufen, durch all die grosszügigen Flure, zum Garten der Abgeordneten, mit den Sonnenschirmen, Gartenbänken und Tischen. Der Politiker entschuldigte sich auch noch für die Taschen- und Ausweiskontrollen am Eingang des Parlaments, falls sie den Gast genervt haben sollten.

In der Nacht zum Samstag sind es aber keine Terroristen, die sich Zugang zum Parlament verschaffen wollen. Es sind Soldaten, die den Staat doch beschützen sollen mit ihrem Kriegsgerät. Wo in der vergangenen Woche die Abgeordneten noch in ihren rotbraunen, schweren Lederstühlen sassen, ist jetzt die Decke heruntergekommen. Flure und Zimmer sind verwüstet, man sieht das im Fernsehen. Und noch einmal meldet sich Yeneroglu. «Haben überlebt. Zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls.»

Kasernen besetzt

In Ankara ist der Putsch da immer noch im Gange. Der Sitz des Generalstabs liegt nur ein paar Hundert Meter vom Parlament entfernt. Das Gebäude bleibt auch am Samstag noch lange Zeit der am heftigsten umkämpfte Ort. «Wir können hier nicht weg», sagt Yeneroglu am Telefon. Erst am Samstagnachmittag verkündet Regierungschef Binali Yildirim, die Lage sei weitgehend unter Kontrolle und der Putschversuch abgewehrt. Aber auch danach ist das Ringen um die Macht offenbar noch nicht beendet, weil Soldaten Widerstand leisten und Kasernen besetzt halten. Der Luftwaffenstützpunkt Incirlik wird abgeriegelt und ist zeitweise ohne Strom.

Nach und nach wird das Ausmass des versuchten Staatsstreichs sichtbar, doch da hat der grosse Gegenschlag schon begonnen. Erdogan spricht von einer «Säuberung aller staatlichen Institutionen». Der Staat macht Jagd auf diejenigen, die er für Verräter hält. Die Regierung hat ihnen schon einen Namen gegeben: Gülenisten. Das sind die Anhänger des Predigers Fethullah Gülen und seiner islamischen Bewegung. Einst waren Erdogan und Gülen Weggefährten, zwei fromme Männer, die ganz nach oben wollten. Doch da ist nur Platz für einen. Heute ist Gülen Erdogans Erzfeind.

Der Präsident fürchtet das Netzwerk der Unterstützer, die Gülen bis heute in der Türkei hat. Seine Leute sassen früher an vielen Stellen der Verwaltung, in der Polizei, im Militär, und viele dachten, Erdogan hätte sie längst alle von ihren Posten entfernt. Gülen ist für ihn nicht mehr greifbar, denn der Prediger lebt im Exil in den USA, in Pennsylvania. Aber wen sich der Präsident in der Türkei noch greifen kann, den wird er sich nun wohl holen.

Nur, steckt Gülen wirklich hinter allem, hat er wirklich die Fäden gezogen? Erdogans Regierung sucht sofort im ganzen Land nach «Verrätern», stellt den Putschoffizieren mit Booten nach, verfolgt ihre Helikopter. Jetzt wird aufgeräumt, nicht nur in den Reihen der Streitkräfte. Auch rund 3000 Richter sind festgenommen oder von ihren Posten abberufen worden. Feinde findet Erdogan fast überall. Und auf den Strassen schreien seine Anhänger schon in der Putschnacht nach Rache. Sie verlangen die Todesstrafe. Manche wollen selbst bestrafen: hier und jetzt. Aufnahmen davon, wie sich Wut und Hass entladen, gibt es im Internet zuhauf.

«Eure Botschaft ist bei uns angekommen», sagt Premier Yildirim. Und Erdogan sagt, es sei Sache des Parlaments, über eine Änderung der Gesetze zu entscheiden. «Es ist nicht nötig, sich dafür von irgendwoher eine Erlaubnis einzuholen.» Das zielt wohl auf die EU, die mit Sicherheit protestieren würde, sollte die Türkei die Todesstrafe wieder einführen. Das Fernsehen zeigt auch Bilder von Soldaten, die wie Gepäckstücke nebeneinander auf dem Asphalt liegen, die Hände hinter dem Kopf gefaltet. Wer Glück hat, wird nicht geschlagen.

Wenn nicht Gülens Leute die Drahtzieher waren, war es dann der alte Kampf zwischen Erdogans frommen Anhängern und dem säkularen Militär, der jetzt noch einmal aufgeflammt ist? Die Armee wollte Erdogan nie an der Macht haben. Die Streitkräfte fühlen sich dem Erbe Atatürks verpflichtet. Der Republikgründer hatte in der Verfassung die Trennung von Staat und Religion verankert. Das Fromme? Es sollte allenfalls Privatsache sein.

Aber seitdem Erdogan mit seiner AKP im Jahr 2002 erstmals eine Wahl mit absoluter Mehrheit gewonnen hat, blüht der Islam im öffentlichen Leben auf. Mehr Moscheen, mehr Kopftücher sieht man im Strassenbild. Zum Ende des Ramadan trat erstmals seit der historischen Säkularisierung ein Muezzin unter die Kuppel der Hagia Sophia, um den muslimischen Gebetsruf anzustimmen. Im Parlament träumen AKP-Abgeordnete von einer islamischen Verfassung. Wer im Ramadan das neue Album der Band Radiohead hörte und die Songs mit Bier feierte, musste fürchten, von Eiferern verprügelt zu werden.

«Hier stimmt etwas nicht!»

Der Freitag war ein heisser Sommertag. Die zwei Bosporus-Brücken, die im Zentrum Istanbuls den asiatischen Teil der Stadt mit dem europäischen verbinden, leuchteten in den französischen Nationalfarben. In Nizza hatte an diesem Tag ein Attentäter mehr als 80 Menschen auf der Strandpromenade getötet. Natürlich trauerten die Türken mit.

Gegen 22 Uhr brummt plötzlich das Handy. «Bosporus-Brücke gesperrt.» Wieder Terror? Nein, dieses Mal ist es etwas anderes. Es sind nicht Polizisten, die die Brücken in Istanbul für Autos sperren, sondern schwer bewaffnete Soldaten. Militärlaster stehen quer auf den Fahrbahnen. Dann klingelt das Telefon, Freunde melden sich. «Hier stimmt etwas nicht!», sagen sie. In Ankara habe das Militär Truppen zusammengezogen und Panzer in Bewegung gesetzt, heisst es. Da donnern auch schon F-16-Kampfjets im Tiefflug über die Hauptstadt. Ein Reporter sagt im Fernsehen, dass er keine Ahnung habe, was da vor sich gehe. Dann geht es Schlag auf Schlag.

Premier Yildirim erklärt dem Sender NTV, was kaum einer für möglich gehalten hatte: Teile des Militärs hätten den Aufstand gegen die Regierung gewagt. Es muss so schnell gehen, dass für einen richtigen TV-Auftritt keine Zeit ist. Der Premier meldet sich per Telefon. Yildirim sagt, es wäre falsch, von einem «Putsch» zu reden. Soldaten rücken zu diesem Zeitpunkt in Istanbul schon auf den Flughafen Atatürk vor, und Truppen besetzen den Taksim. Andere Einheiten greifen nach dem Gouverneursamt.

Auch den Staatssender TRT bringen die Streitkräfte unter ihre Kontrolle. Soldaten treiben Anzugträger vor sich die Treppe hoch. Die Moderatorin Tijen Kara? ist an diesem Abend auf Sendung. Aber so verkrampft, wie die 41-Jährige später die Hände vor sich faltet, so starr wie sie dann in ihrem blauen Blazer dasitzt, wird schnell klar: Das sind nicht ihre Worte, die sie da vorträgt. Das Militär habe die Macht übernommen, sagt sie, es herrsche jetzt der Ausnahmezustand und bis auf weiteres eine Ausgangssperre. Nun regiere ein «Friedensrat». Die Putschisten berufen sich auf Kemal Atatürk. Erdogan und seine Regierung hätten das Land von seinen laizistischen Grundfesten weggeführt.

Etwa zehn Minuten dauert das gruselige Schauspiel. Tijen Karas hält sich wacker. Dass sie mit Waffengewalt zu diesem Auftritt gezwungen wurde, während ihre Kollegen als Geiseln gehalten wurden, erzählt sie erst Stunden später, als Polizisten das Studio zurückerobert haben und sie wieder auf Sendung ist.

Erdogan hatte derweil eine Zwangspause im Fernsehen. Sein erster TV-Auftritt in dieser Nacht erfolgt via iPhone, das in die Kamera gehalten wird. Der grosse Mann der Türkei spricht jetzt aus diesem kleinen Gerät zu seinem Volk. «Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln», sagt er. «Sollen die Putschisten mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen.»

Vom Flughafen Atatürk überträgt das Fernsehen in dieser Nacht minutenlang eine Szene, die die Verzweiflung der Putschisten kaum besser einfangen könnte. Umringt von wütenden Erdogan-Anhängern fummeln die aufständischen Soldaten an der kaputten Tür ihres Transporters herum, die schief herunterhängt. So sehr sich die Soldaten auch bemühen, sie bekommen sie nicht gerichtet. Für die Putschisten muss der Frust gross sein, es funktioniert vieles in dieser Nacht nicht. Stümperhaft ist ihr Umsturz vorbereitet, denn grosse Teile des Militärs unterstützen den Aufstand nicht. Im Fernsehen melden sich Offiziere zu Wort, die sagen, dass sie nicht mitmachten. Auch das TRT-Studio fällt bald zurück an die Erdogan-Anhänger, die jetzt vor laufender Kamera feiern. Das sieht aus wie der Moment, wenn nach grossen Fernsehshows das Publikum auf die Bühne darf und Luftballons von der Decke fallen.

Erdogans Hotel bombardiert

Und dann tritt Erdogan auf. Nein, er ist nicht ins Ausland geflohen, wie gemutmasst wurde. Gegen vier Uhr landet er auf dem Atatürk-Airport in Istanbul. Die Soldaten sind da längst abgerückt oder festgenommen worden. Für einen, der gerade einen Putschversuch erlebt, wirkt Erdogan ziemlich aufgeräumt. Die Verräter würden «schwer bezahlen», das Militär nun «gesäubert». Eine Viertelstunde dauert der Auftritt am Flughafen. Dann flüstert sein Schwiegersohn ihm vor laufenden Kameras etwas ins Ohr. Das Militär hat auch das Hotel in Marmaris an der Ägäisküste bombardiert, in dem Erdogan gerade ein paar Tage ausspannen wollte. Der Blick des Präsidenten verfinstert sich.

Samstagabend. Vor Erdogans Haus in Kisikli in Istanbul haben sich seine Anhänger versammelt. Auch einen Bühnenwagen haben sie herangefahren. Der Präsident klopft aufs Mikro, aber es dauert eine Weile, bis er sprechen kann, doch da ruft die Menge schon: «Iste ordu, iste Komutan!» Sinngemäss übersetzt heisst das: «Wir sind deine Armee, du bist unser Kommandant!» Die Verhältnisse sind geklärt. Es sieht so aus, als habe der Putsch Erdogan noch stärker gemacht, unbesiegbar. Politisch konnte ihm bislang keiner etwas anhaben, und mit Waffen offensichtlich auch nicht.

Porträt Fethullah Gülen Seite 10

Erstellt: 17.07.2016, 23:58 Uhr

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