Auf Entzug

China hat ein Zugnetz, von dem Europa noch lange träumen muss.

Ab die Post: Chinesische Hochgeschwindigkeitszüge gehören zu den schnellsten der Welt. Dieser hier schaffte über 394 Kilometer pro Stunde. Foto: Jason Lee (Reuters)

Ab die Post: Chinesische Hochgeschwindigkeitszüge gehören zu den schnellsten der Welt. Dieser hier schaffte über 394 Kilometer pro Stunde. Foto: Jason Lee (Reuters)

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Anhänger des Zugfahrens befinden sich in einer verzwickten Lage. Der Staat, der ihre Träume verwirklicht, ist ein brutales Regime.

China setzt Jahr für Jahr Zug-Rekorde. Der neuste: eine vollautomatische Verbindung, welche die Hauptstadt Peking mit dem Wintersportort Zhangjiakou verbindet. Der Roboterzug schafft die rund 174 Kilometer lange Strecke (was etwa der Distanz Zürich–Lausanne (Luftlinie) entspricht) gemäss dem «Guardian» in 45 Minuten.

Das Hochgeschwindigkeitsnetz, das China in den letzten zehn Jahren gelegt hat, erstreckt sich auf gut 25'000 Kilometer Länge. Es hat das riesige Land schrumpfen lassen. Für die 2700 Kilometer lange Strecke von Kunming im Süden nach Peking braucht man noch knapp elf Stunden. Europa ist längst abgehängt. Mit Schienen à la China würde man Städte wie Lissabon, Oslo oder Kiew von Zürich aus in weniger als einer Tagesreise erreichen. Ohne umzusteigen. Das ist heute schwer vorstellbar.

Man kann das chinesische Zugwunder als Ansporn sehen, ohne in Bewunderung für autoritäres Durchgreifen abzusinken.

China baute das Highspeed-Netz so zügig und günstig, wie das noch kein Land geschafft hat. Das klappte dank billigen Arbeitskräften, dank billigem Land. Und dadurch, dass kaum jemand Enteignungen oder Grossbaustellen verhindern kann. Was die Obrigkeit bestimmt, geschieht. Laut einem Bericht der Weltbank nutzte China aber nicht nur diesen autoritären Vorteil. Die Staatsbahn habe langfristig geplant, nach seriellen Standards gearbeitet und dank den grossen Materialmengen gespart. Doch es gibt auch kritische Stimmen. Sie sagen, die Bahn habe sich übernommen. Manche Linien rentierten nicht. Eine Bahn-Schuldenkrise drohe.

Zugfahren geht gut gemächlich. Dann bietet es tolle Ausblicke, ein Gefühl für die Distanz. Aber wenn die Bahn ernsthaft gegen Flugzeug und Auto antreten will (was für eine CO2-Wende nötig ist), darf die Fahrt nach München nicht fast fünf Stunden dauern.

Man kann das chinesische Zugwunder als Ansporn sehen, ohne in Bewunderung für autoritäres Durchgreifen abzusinken. Auch Demokratien sind fähig, Hochgeschwindigkeitszugnetze zu bauen, das beweist etwa der TGV. Sie müssen nur richtig wollen.

Erstellt: 12.01.2020, 19:57 Uhr

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