Das Boot ist voll

Norbert Hofer verlor die Wahl zum österreichischen Präsidenten. Beliebt ist der Rechtspopulist trotzdem. Seine Fans begleiten ihn auf einer eigenartigen Reise.

«Unser lieber Norbert Hofer», wird der Politiker vom FPÖ-Seniorenring genannt. Foto: Roland Esterer

«Unser lieber Norbert Hofer», wird der Politiker vom FPÖ-Seniorenring genannt. Foto: Roland Esterer

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Erwischt. Norbert Hofer schwänzt die Seenotrettungsübung. Alle Passagiere, die im italienischen Savona das Kreuzfahrtschiff besteigen, müssen ihre Rettungswesten anziehen, unförmige Teile, die am Kinn kratzen und am Hals würgen, müssen über die Treppen zu Sammelpunkten stürzen und einen Notfallvortrag über sich ergehen lassen: im Gänsemarsch zu den Booten gehen, Pass mitnehmen, solche Sachen. Hofer sitzt derweil in Turnschuhen und Jeans auf dem Balkon in der Sonne, die Augen ­geniesserisch geschlossen. Obwohl er doch gerade als FPÖ-Politiker in Sicherheitsfragen ein Vorbild sein sollte.

Auch zum Begrüssungscocktail kommt der Stargast mit einer halben Stunde Verzug in den Salon Desirée, wo er entsprechend sehnsüchtig von seiner Reisegruppe, dem FPÖ-Seniorenring (ÖSR), erwartet wird. Aber das war jetzt ein Versehen, die Verspätung wird verziehen, schliesslich ist man unter Freunden, in den Ferien und nicht auf der Flucht. Der Kellner serviert Schampus, und dann ist er doch da, «unser lieber Norbert Hofer», Gott sei Dank.

Und bleibt für sieben Tage das, was von ihm erwartet wird: ein Politiker zum Anfassen, inklusive Hunderter Gruppenfotos an der Reling im Sonnenuntergang, Frühstück auf Plastikgeschirr in der Poolbar und Abendessen im Restaurant, samt tanzenden Kellnern und Polonaise. Nicht zu vergessen das Highlight: der Vortrag in der schummrigen Um­gebung einer Pianobar. Vortragsräume sind nicht vorgesehen auf einem Traumschiff. Reden soll der Rechtspopulist zwischen Mallorca und Civitavecchia, damit das FPÖ-Gruppengefühl nicht zu kurz kommt: über das Superjahr 2016, in dem Hofer erst Kandidat für das Bundespräsidentenamt wurde, dann, zum eigenen Erstaunen, in die Stichwahl kam – und nach einem epischen Wahlkampf gegen den grünen Kandidaten Alexander Van der Bellen verlor.

Ein Mann mit Zukunft

Ein halbes Jahr ist das her, seither ist er in Österreich ein populärer Mann. 46 Jahre alt, ein Mann mit Zukunft, umgeben von Reisenden mit eher mehr Vergangenheit. Die meisten sind über 60. Quasi zum Durchatmen vor dem nächsten Wahlkampf, der die FPÖ im Herbst endlich in die Regierung katapultieren soll, macht Hofer nun also Ferien nicht von, sondern mit der Partei: eine Woche Kreuzfahrt im westlichen Mittelmeer.

An Bord sind mehr als 1000 Kellner, Wäscher, Putzfrauen, Köche von den Philippinen, aus Malaysia, China, Vietnam, Bangladesh, Indien. Die Stewards, ständig in Rufbereitschaft und für die Kabinen zuständig, arbeiten vom Morgengrauen bis in den späten Abend, mit drei Stunden Pause, sieben Tage die Woche, acht Monate im Jahr. Landgang zwei-, dreimal im Monat. Wanderarbeiter der Kreuzschifffahrt. Wirtschafts­migranten – in der Diktion der FPÖ. Sie schuften bis zum Umfallen. Müssen sie auch, denn das Boot ist voll.

Etwa 3700 Menschen reisen mit auf der Costa Diadema, dem Flaggschiff der Costa-Reederei, die nicht erst seit der Katastrophe mit der Costa Concordia 2012 um ihr Image besorgt ist. Andeutungen im Vorfeld hatten deutlich gemacht, dass man bei Costa nicht wahnsinnig glücklich sei über eine Truppe freiheitlicher Senioren und Politiker, die einen unerwünschten ideologischen Touch in eine reine Vergnügungsfahrt bringen könnten. Aber ach, das Schiff ist mit mehr als 300 Metern Länge und 133'000 Bruttoregistertonnen so gross wie eine Stadt, die FPÖ-Gruppe macht ein Siebzigstel der Belegung aus. Da verliert man sich eher, als dass man politische Botschaften loswürde.

Tote vor Libyens Küste

Die Truppe, die mit dem Bus anreist aus Österreich, will Spass haben. Es sind umgängliche Menschen, die kaum über Politik reden. Ärger mit der Politik hat man daheim schon genug. Harald zum Beispiel findet die USA toll. Edith findet, eine Mutter gehört zu ihren Kindern, nicht ins Büro. Lucia ist in der FPÖ eine Berühmtheit, seit sie mal auf einem Wahlplakat mit Parteichef Christian Strache zu sehen war. Sie hat ihren Sohn verloren, 46 war er erst; jeden Sonntag fährt sie nun zur gleichen Zeit zum Wiener Zentralfriedhof, weil er doch auf sie wartet. «Albern, nicht?», fragt sie mit einem schrägen Lächeln, während ihr Tränen über die Wangen laufen.

Überhaupt die Einsamkeit: Jede Reisegruppe ist erst einmal Familienersatz. FPÖ-Seniorenring, SPÖ-Pensionistenverband, ÖVP-Seniorenbund, sie alle machen, wie Wandervereine oder Kegelklubs, Ausflüge und bunte Abende. Bei Tisch auf Deck 4, zum 5-Gang-Menü, werden ganze Leben erzählt. Auch die Gesinnungsgemeinschaft FPÖ soll nicht nur Kampfgemeinschaft sein, sondern Gemeinschaft bieten. Zwei Mitreisende, Witwen beide, sind nicht mal in der ­Partei. Sind mitgefahren, weil es daheim so still ist. Eine gesteht, sie sei eine Schwarze, die andere ist eine Rote. Nur soll das niemand wissen.

Wer auf Reisen geht, sucht auch unterwegs nach Heimat. Das kann eine Daunendecke sein – oder eine Partei.

Die Costa nimmt Kurs auf Marseille. Vom Meer bläst der Mistral, das Bord­magazin hatte vor dem scharfen Wind gewarnt, der an der südfranzösischen Küste üblich sei, und selbst das gigantische Schiff gerät ins Schlingern. Ob sich im Dunkel der Nacht mancher Passagier in seiner warmen Innenkabine vorstellt, wie existenziell bedroht sich Zehntausende Flüchtlinge in ihren seeuntauglichen Booten fühlen, die von der nord­afrikanischen Küste nach Norden schippern? Gerade war im Bordfernsehen der Bericht über ein gekentertes Boot und mehr als 30 Tote vor der libyschen Küste zu sehen.

Aber Flüchtlingsboote kommen nicht bis nach Marseille. Kommentar der FPÖ zur Flüchtlingskrise: «Abendland in Christenhand». Der aggressive Ton der FPÖ im Kampf gegen die «Völkerwanderung» über das Mare nostrum, das bitte nostrum bleiben soll, war es auch gewesen, der Österreichs Medien zu Schlagzeilen bewegte, als die Werbung des ÖSR für die Kreuzfahrt mit Hofer publik wurde: Rechtspopulisten im Mittelmeer, da entstehen böse Bilder im Kopf. Was wollen die da? Eigenhändig «den ganzen NGO-Wahnsinn beenden», wie ÖVP-Aussenminister Sebastian Kurz gefordert hat? Gemäss dem Parteimotto: «Dein Vaterland braucht dich jetzt»?

2022 will er es noch mal wissen

ÖSR-Chef Werner Neubauer, Abgeordneter und energiegeladener Jung­senior, hat gerade mit 61 seinen Bachelor in Kunstwissenschaften gemacht. Thema: Fallbeispiele zum nationalen Gedanken bei der Biennale in Venedig. Er will mit der Reise vor allem Werbung machen. Senioren seien zahlenmässig eine immer wichtigere Wählergruppe in einer alternden Gesellschaft, rechnet Neubauer vor. Diese erste Kreuzfahrt des ÖSR mit seinen 50'000 Mitgliedern ist eine Art Versuchsballon: Sind die Leute zufrieden, sollen nächstes Jahr drei Reisen angeboten werden. Jetzt aber erst einmal Landausflug.

Norbert Hofer sagt, er finde Marseille «überraschend gemütlich». Dabei hatte Marine Le Pen vom befreundeten Front National hier vor der französischen Präsidentschaftswahl einen besonders radikalen Auftritt hingelegt und ihren Wählern für den Fall ihres Sieges einen «nationalen Aufstand gegen die Schatten­armee» versprochen, die Frankreich lehren wolle, in Angst zu leben. Sie hat die Wahl verloren.

Hofer hat ebenfalls schlechte Erfahrungen mit Drohungen. Im Wahlkampf hatte er angekündigt, er werde die Macht, die ein Präsident in Österreich hat, weitestmöglich nutzen. «Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist.» Die Niederlage im vergangenen Jahr schmerzt immer noch. Seine Scherze darüber klingen ein wenig resigniert. Bei einem Treffen auf Deck 11 dankt er Neubauer. Der Seniorenring sei mit ihm «stärker und grösser» geworden. «Ich weiss zwar nicht, welches Land deine Reisegruppe als Nächstes heimsuchen wird, aber sie werden sich dort fürchten. Die werden sich wundern, was alles möglich ist.» Dankbares Gelächter.

«Der ist ja Kopftuch»

Nächster Stop: Barcelona. Gerhard, der schon auf der Anreise durchprobiert hatte, wie viele Biersorten der Kühlschrank im Bus bereithält, ist beim Bier und an Bord geblieben. Er ist Hardcore-Hofer-Fan. Vergangenes Jahr war er mit dem Kandidaten im Wahlkampf mit dem Velo unterwegs, «lieber 70 Tage bei Regen mit Hofer als drei mit Van der Bellen», sagt er. Der linksliberale Wahlsieger, «der ist ja Kopftuch» – dann macht er eine Wischbewegung vor der Stirn, ballaballa, Ausländerfreund, heisst das.

Hofer sagt, er habe sich mit seinem Konkurrenten gut verstanden. Auch wenn er einiges ganz anders gemacht hätte in der jüngsten Regierungskrise. «Ich weiss nicht, ob ich so lange zugeschaut hätte. Bei mir wäre klar gewesen, dass ich bereit bin, die Regierung zu entlassen.» Nun hat sich die Regierung in Wien durch das vorzeitige Ende der Koalition quasi selbst entlassen. Und die FPÖ liegt in den Umfragen nur noch auf dem dritten Platz. Hofer sagt, beim Sodawasser auf Deck 3, er wolle es noch einmal wissen. 2022 will er wieder antreten – als Bundespräsident.

Die Costa Diadema nimmt Kurs auf Rom. Zeit, um über Weltpolitik zu reden. Christian, ein jovialer Wiener, bezeichnet sich als «Militaristen». Zur Armee habe er sich als junger Mann freiwillig gemeldet und sei gleich in Uniform in die Maturaprüfung marschiert. «Die haben geschaut.» Er ist alter Herr in der schlagenden Verbindung Bruna Sudetia. Die «Brunen» bekennen sich zur «Deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft». Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands stuft die Bruna Sudetia als rechtsextrem ein. Norbert Hofer, ein strammer Rechter, umgibt sich gern mit Burschenschaftlern.

Verschwörer sind am Werk

Christian hat 1994 gegen den Beitritt Österreichs zur EU gestimmt, dennoch sei er ein «absoluter Europäer». Er ist überzeugt, dass Aussenminister Sebastian Kurz, der sich der Schliessung der Balkanroute rühmt, in Wirklichkeit «auf der Payroll von George Soros steht». Der ÖVP-Politiker im Dienst des US-Milliardärs und Philanthropen Soros, dem die FPÖ vorwirft, er wolle Europa durch eine von ihm finanzierte «Völkerwanderung» destabilisieren? «Klar. Es kommen immer noch zu viele Migranten. Das ist Absicht.» Lesen kann man das auf rechtsextremen Internetseiten.

Wochenmitte, Seetag. «Unser lieber Norbert Hofer» hat in der bunt ausgeleuchteten Pianobar auf einem Klavierhocker Platz genommen. Nach einem Flugunfall war er querschnittsgelähmt, er kann zwar wieder gehen, kämpft aber bis heute erkennbar mit den Folgen. Nun spricht er vor den dankbaren Senioren über Alter und Krankheit, über Akutbetten, 24-Stunden-Pflege, Betreuungskosten. Da kennt er sich aus, da kennen sich die meisten aus. Wer auf Reisen geht, sucht auch unterwegs ein Stückchen Heimat, das kann Schwarzbrot sein, eine Daunendecke, ein Gesprächsthema, eine Partei.

Haider hat es allen gezeigt

Die FPÖ-Senioren hatten fast alle anfangs wegen dem Jörgl – Gott hab ihn selig – ihr Kreuz bei den Blauen gemacht. Unter Jörg Haider wurde die FPÖ in den 80er-Jahren zu einer richtigen Massenbewegung. Er habe zwar später die Partei verraten, als er eine Konkurrenzpartei zur FPÖ gründete. Aber, da sind sich alle einig: Damals, als sie noch jung waren und der Jörgl auch, da hat er es allen gezeigt: den Roten und den Schwarzen, die alles im Land unter sich aufgeteilt hatten.

Barbara berichtet empört, ihr Sohn habe einen guten Job nicht bekommen, weil er kein rotes Parteibuch besass; FPÖ-Betriebsrat sei er gewesen und habe sich nicht kaufen lassen wollen. Edith sagt, dass sich viele Bekannte, Anwälte und Ärzte, nicht zu den Blauen bekennen würden, weil das die Kundschaft vertreibe, regelrecht stigmatisiert fühle man sich oft als Freiheitlicher. Anekdoten von Ausgrenzung und Heldentum können sie alle erzählen. Auch das eint.

Vorletzter Stop: Rom. Norbert Hofer bleibt lieber mit Familie und Referent im Hafen von Civitavecchia, wo man, wie er zerknirscht zugibt, in einem Restaurant «den ganzen Biervorrat ausgetrunken» habe. Schockierte Blicke, Hofer setzt entspannt die Pointe: «Sie hatten dort genau eine Flasche Bier.» Darauf ein Bierchen an der Poolbar.

Bei den Österreichern regen sich Heimatgefühle: Nach sieben Tagen ist Savona wieder in Sicht. Hofer, der die Reise selbst bezahlt hat, fliegt zurück. Seine Frau berichtet, er habe sich einen Hochdruckreiniger von Kärcher zum Putzen gekauft. Darauf freut er sich, und aufs Rasenmähen auch. Der Rest der Reisegruppe klettert in den Bus nach Österreich. Zwei Damen fehlen noch, man wartet. Geduldig. Ihre eigenen Leute lässt diese Gesinnungsgemeinschaft nicht zurück.

Erstellt: 31.05.2017, 18:23 Uhr

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