Aussenministerium löschte Tweet zur Herkunft des Nervengifts

Der Fall Skripal entwickelt sich immer mehr zum Informationskrieg: London muss sich unangenehmen Fragen stellen.

Premierministerin Theresa May spricht während eines Besuches in Salisbury mit lokalen Sicherheitskräften.

Premierministerin Theresa May spricht während eines Besuches in Salisbury mit lokalen Sicherheitskräften. Bild: Toby Melville/Reuters

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Theresa May hat in den vergangenen Monaten immer wieder auf die lange Liste aggressiver Akte des russischen Staates verwiesen: von der Annexion der Krim und dem Krieg im Osten der Ukraine über den «Cyberwar» bis zur Unterstützung des syrischen Diktators Assad im Krieg gegen dessen Volk. Seit May auch den Angriff auf Sergei Skripal und dessen Tochter Julia auf Moskau zurückführt, ist immer häufiger die Rede von einem neuen Kalten Krieg.

Nun droht die Premierministerin womöglich selbst Opfer dieses Konflikts mit Russland zu werden: des Informationskriegs. In London ist nämlich Panik ausgebrochen, seitdem der Leiter des Chemiewaffenlabors in Porton Down, Gary Aitkenhead, am Dienstag erklärt hat, sein Labor könne nicht sagen, ob das gegen Skripal eingesetzte Gift definitiv in Russland hergestellt worden sei.

Noch vor wenigen Wochen hatte May mit ihrer Präsentation in Brüssel, bei der sie Laboranalysen und Geheimdienstinformationen vorlegte, die Unterstützung von mehr als 20 europäischen Ländern und der Nato gewonnen. Es war ihr grösster PR-Sieg seit Amtsantritt. Die Solidarität etlicher EU-Staaten war in den Medien als Freundschaftsangebot in Zeiten der gemeinsamen Bedrohung gewertet worden. May stand als Politikerin da, die in Sicherheitsfragen Gegner an einen Tisch bringen kann.

Verwirrung und Verdrehung

Nun sieht es plötzlich so aus, als breche ihr der Boden weg. Nach einem Etappensieg für die Briten ist der Kreml derzeit sehr erfolgreich darin, mit einer Mischung aus Drohungen, Sarkasmus und bohrenden Fragen neue Zweifel zu sähen. Sollte May diesen Wettlauf ver­lieren, wäre sie als Premierministerin nachhaltig geschwächt. Dabei sagen die Mitglieder der Regierung immer noch das Gleiche, und auch die Aussage des Laborchefs von Porton Down enthält, bei Lichte betrachtet, keine Überraschung. Aber ein Informationskrieg lebt von Verwirrung, Verweigerung, Verdrehung. Davon gibt es jetzt mehr als genug.

London bleibt dabei: Es gebe, sagte der Staatssekretär für Sicherheit, Ben Wallace, am Mittwoch, «keine andere plausible Erklärung» als jene, dass der Kreml einmal mehr seinem Muster gefolgt sei. Putin habe Verräter bedroht, die Duma habe die Eliminierung von Verrätern gutgeheissen, russische Agenten seien auf britischem Boden bereits getötet worden, Russland habe das Nervengift hergestellt und gelagert. Mehr Beweise, als derzeit vorlägen, werde es aber wohl nie geben, denn auch hier folge Moskau einem Muster: Es lasse keine seriösen Ermittlungen zu und habe schon in der Vergangenheit das Chemiewaffenverbot umgangen.

Bildstrecke: Skripal wurde offenbar zu Hause vergiftet

Wallace, den Downing Street anstelle des notorisch unzuverlässigen Aussenministers Boris Johnson zur Schadensbegrenzung an die mediale Front geschickt hatte, wertete die Argumente für die Schuldzuweisung an Moskau auf – und die akademischen ab: «Wissenschaftler sind eben Wissenschaftler», sagte er auf die Frage, warum Porton Down sich nicht auf einen Urheber des in Salisbury eingesetzten Kampfstoffes festlegen wolle. Dass Johnson erst unlängst den Laborchef mit dem Satz zitiert hatte, «ich habe den Mann gefragt, und er sagte, es gebe keinen Zweifel», mochte der Sicherheitsstaatssekretär aus dem Innenministerium vorsichts­halber nicht kommentieren.

Dann platzte die nächste Bombe, die ebenfalls Teil des Informationskriegs ist: Offenbar hat das Aussenministerium kürzlich einen Tweet vom 22. März gelöscht, in dem es heisst, Analysten des «weltberühmten Labors in Porton Down» hätten belegt, dass es sich um «militärisches Nowitschok-Nervengift handelt – produziert in Russland». Es war, pikanterweise, offenbar die russische Botschaft in London, die diesen Tweet jetzt ausgrub und ihm den neusten aus Porton Down gegenüberstellte: «Experten haben den Kampfstoff als Nowitschok identifiziert. Es ist nicht und war nicht unsere Aufgabe, zu bestätigen, wo der Kampfstoff herkommt.» London teilte mit, die Nachricht vom März sei eine verkürzte Darstellung gewesen, um die Öffentlichkeit über die Vorgänge auf dem Laufenden zu halten.

Downing Street geht derweil lieber in die Vorwärtsverteidigung: Gestern Mittag veröffentlichte die Regierung das Statement ihres Vertreters bei der OPCW, der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen. Der Kreml, heisst es, habe schon zuvor UNO-Untersuchungen zum Chemiewaffeneinsatz, etwa in Syrien, verhindert. Bisher seien die von London übermittelten Fragen nicht beantwortet worden. Nun müsse Russland endlich gezwungen werden, die Wahrheit über Nowitschok auf den Tisch zu legen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2018, 09:59 Uhr

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