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Autor flüchtet vor Mafia ins Ausland

Roberto Saviano sehnt sich nach einem normalen Leben. Die Drohungen der Mafia gegen ihn sind so konkret, dass er Italien verlassen will.

Seit genau zwei Jahren kann der junge italienische Autor und Journalist Roberto Saviano kein normales Leben mehr führen. 2006 erschien sein fast apokalyptisches Buch über die brutalen, menschenverachtenden Machenschaften der Camorra. Seitdem wechselt der Neapolitaner ständig seinen Wohnsitz und erscheint in der Öffentlichkeit nur mit Begleitschutz.

Dass sein Leben nach der Veröffentlichung von «Gomorrha» in Gefahr sein würde, wusste er, denn der 29-Jährige beging eine Todsünde: Er schrieb nicht nur mit dem Furor von einem, der sein Sujet aus nächster Nähe kennt, sondern er nannte auch Namen, reihenweise. Namen vor allem jener aus dem Clan der Casalesi, die mit schmutzigen Geschäften und Schutzgelderpressung Milliarden verdienen und einen ganzen Landstrich in ihrem Würgegriff halten.

Saviano wurde damit, für ihn selbst gänzlich unerwartet, weltberühmt. In 42 Sprachen ist das Buch übersetzt worden, seine Verfilmung wurde in Cannes preisgekrönt und läuft nächste Woche auch in der Schweiz an.

Bisher hat sich Saviano geweigert, sein Land, seine Heimatstadt Neapel zu verlassen. Doch nachdem jetzt ganz konkrete Mordpläne gegen ihn bekannt geworden sind, hat er es sich anders überlegt, wie er in der Tageszeitung «La Repubblica» verriet.

In einem ganzseitigen Artikel legte er in der gestrigen Ausgabe seine Beweggründe dar. Er brauche eine Denkpause, weil er unter diesen Lebensumständen nicht mehr kreativ sein könne, sagt er. «Ich werde Italien verlassen, zumindest für einige Zeit. Dann sehen wir weiter.» Spürbar wird seine Sehnsucht nach einem normalen Leben, wo man einfach in einer Bar ein Bier trinken, normale Beziehungen führen, seine Mutter treffen kann, ohne ständig Angst zu haben. «Um zu schreiben, muss ich die Wirklichkeit erleben und nicht steril in einer Polizeikaserne wohnen, heute hier, morgen woanders, ohne zu wissen, was geschehen kann», sagt Saviano.

Sprengstoffattentat geplant?

Ausgelöst wurde dieser Sinneswandel durch das Bekenntnis eines Angehörigen des Casalesi-Clans, der seit Jahren als Kronzeuge mit einer neuen Identität in Mittelitalien lebt. Noch vor Weihnachten, so soll Carmine Schiavone laut italienischen Medienberichten behauptet haben, sei ein Mordkomplott gegen den missliebigen Autor geplant.

Schiavone bestritt das zwar gestern gegenüber der Anti-Mafia-Kommission von Neapel. Ein weiterer Informant aber hatte zuvor Ähnliches behauptet. Demzufolge planen die Casalesi-Bosse ein Sprengstoffattentat auf Saviano auf der Autobahn zwischen Neapel und Rom, die er häufig mit seiner Eskorte befährt.

Obwohl Saviano schon zahlreiche Morddrohungen erhalten hat, nehmen die Behörden die Hinweise sehr ernst, und Politiker jeglicher Couleur versicherten Saviano ihrer Solidarität. Denn die Drohungen wecken Erinnerungen an einen der schlimmsten Mafia-Morde: Am 23. Mai 1992 jagte die sizilianische Cosa Nostra in der Nähe von Palermo den Richter Giovanni Falcone, seine Frau und drei Leibwächter mit einer halben Tonne Sprengstoff in die Luft. Falcone, der sich dem Kampf gegen die Mafia verschrieben hatte, wird seither als Held verehrt. Für den italienischen Staat aber war es eine seiner grössten Niederlagen im Kampf gegen die organisierte Kriminalität.

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