Bejubelt, verlacht, geläutert, tot

Mit Guido Westerwelle ist einer der prägendsten und umstrittensten Politiker Deutschlands früh gestorben. Ein Nachruf.

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«Zwischen zwei Leben» hiess das Buch, das Guido Westerwelle vergangenen November über sein Leben und seinen Kampf gegen die Leukämie veröffentlichte. Es hätte gut auch den Titel «zwischen vielen Leben» tragen können: Kaum ein Politiker hat in den vergangenen drei Jahrzehnten die Bonner und die Berliner Republik derart geprägt und polarisiert wie der rasende Guido. Keiner war jünger, ehrgeiziger, frecher, schriller. Seine FDP, die er sich restlos aneignete, führte er erst zum grössten Erfolg und kurz darauf in die schlimmste Demütigung. Und wie kein anderer deutscher Politiker wurde er in dieser Zeit bejubelt, verlacht, angefeindet und gehasst.

«Spasswahlkampf» mit «Guido-Mobil»

Mit 39 war der messerscharf argumentierende Sohn eines Anwalts und einer Richterin 2001 der jüngste Chef geworden, den die Liberalen je hatten. Alsbald überzog er die Republik mit einem «Spasswahlkampf», der seinen Ruf nachhaltig vergiftete: Westerwelle tourte im «Guido-Mobil» durchs Land, checkte im «Big Brother»-Container ein, gab das illusionäre Ziel «18 Prozent» aus und klebte es sich gelb auf die Schuhsohlen. Die Partei der Besserverdiener verjüngte sich dadurch nicht, sondern machte sich nur lächerlich.

Respekt holte sich der Parteichef zurück, als er ab 2005 aus der Opposition im Bundestag die Versäumnisse der ersten Grossen Koalition von Angela Merkel in brillanten Reden geisselte. Auf einmal begann man ihm und seiner Partei Kompetenz und Gestaltungskraft zuzubilligen. Zur Belohnung gab es 2009 nahezu 15 Prozent – ein Resultat, wie es die FDP in ihrer Geschichte noch nicht erreicht hatte.

Gravierende Fehler im Triumph

Im Triumph machte Westerwelle gleich auf Anhieb den Fehler, der schliesslich zum Absturz führen sollte. Statt in Merkels zweitem Kabinett das Finanzministerium zu übernehmen, liess er sich aus Gründen der parteigeschichtlichen Nostalgie ins Aussenministerium verlocken, für das er miserabel vorbereitet war. Er brauchte Jahre, um sich überhaupt die Achtung seiner eigenen Diplomaten zu verschaffen, geschweige denn die der restlichen Welt. In der Zwischenzeit hatte seine Partei ihre neuen Wähler längst bitter enttäuscht. Rivalen verdrängten Westerwelle vom Vorsitz, was den Niedergang nicht stoppte, sondern noch beschleunigte. 2013 verlor die FDP nicht nur die Wahl, sondern flog mit verheerenden 4,8 Prozent sogar aus dem Bundestag.

Mit 52 Jahren war Westerwelle unversehens ein Elder Statesman, freilich einer, von dem die meisten Bürger die Nase gestrichen voll hatten. Ein halbes Jahr später blickte der Frührentner direkt in den Abgrund: Ärzte diagnostizierten eine aggressive Form von Blutkrebs. Westerwelle überlebte nur dank Chemotherapie und einer Knochenmarktransplantation.

«Westerwelles Tod ist schwer zu akzeptieren»: Kanzlerin Angela Merkel. (Video: Reuters)

Seine Wiederauferstehung feierte er im vergangenen November wie üblich in aller Öffentlichkeit, aber mit ausgesprochen leisen Tönen. Im «Spiegel» und in der Talkshow von Günther Jauch sprach er bewegend über die Liebe, das Ende des Lebens und das Leben des Endes. Dem Neoliberalen, der einmal mit dem Satz «Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, der lädt zu spätrömischer Dekadenz ein» den Hartz-IV-Sozialstaat beschimpft hatte, flog nun die Sympathie vieler Menschen zu, die ihn zuvor verspottet oder verachtet hatten.

Guido Westerwelle, so schien es, musste in dieser Gesellschaft erst Krebs bekommen, um von ihr wieder aufgenommen zu werden. Lange hielt die Gnade freilich nicht an, im Grunde kaum zwei Wochen. Ende November musste der Wiederauferstandene in Köln wieder ins Spital. Heute Freitag ist er dort gestorben, 54 Jahre alt erst. Westerwelle hinterlässt seinen Lebenspartner Michael Mronz, aber, zu seinem grossen Bedauern, keine Kinder.

Erstellt: 18.03.2016, 20:21 Uhr

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