Berlin zählt erstmals seine Obdachlosen

Bis zu 10'000 Menschen leben auf der Strasse, und es werden immer mehr. Nun will es die Stadt genau wissen und schickt tausende Freiwillige los.

Wer lebt in Berlin wie und wie lange schon auf der Strasse? 3700 Freiwillige suchen nach Antworten. Foto: Maja Hitij (Getty)

Wer lebt in Berlin wie und wie lange schon auf der Strasse? 3700 Freiwillige suchen nach Antworten. Foto: Maja Hitij (Getty)

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2500? 6000? 10'000? 25 000? Mehr als ein Bauchgefühl haben auch Experten und Hilfsorganisationen nicht, wenn sie die Zahl der Obdachlosen schätzen, die auf Berlins Strassen leben.

«Deswegen wollen wir sie ja zählen», sagt Klaus-Peter Licht, der das Projekt des Berliner Senats ­leitet. Sein Team hat rund 20'000 Fragebögen bereitgestellt, vorsichtshalber. Einen Eindruck teilen die Fachleute aber: Die Obdachlosen sind in der letzten Zeit immer mehr geworden.

3700 Freiwillige unterwegs

Am Mittwoch schwärmen deswegen erstmals Freiwillige in blauen Westen durch ganz Berlin und zählen die Menschen, ­die im Freien leben. Klaus-Peter Licht hat die 900 Quadratkilometer grosse 3,6-Millionen-Metropole dafür in 617 Zählräume aufgeteilt, die von ebenso vielen Teams abgedeckt werden. Je mehr Obdachlose erwartet werden, umso kleiner sind die ­Gebiete und umso grösser die Teams. Jede Gruppe erhält eine Karte, in der Einrichtungen hervorgehoben sind, die ­Obdachlose gerne nutzen.

3700 Freiwillige hat Berlin für die Arbeit gewonnen, in jedem Team ist mindestens jemand dabei, der mit Obdachlosen professionelle Erfahrung hat. Gezählt wird zwischen 22 Uhr und 1 Uhr. «Um diese Zeit haben die meisten Obdachlosen entschieden, ob sie die Nacht draussen oder drinnen verbringen», erklärt Licht den Zeitraum. «Nach 1 Uhr schlafen die meisten.»

Die Teilnahme an Zählung und Befragung ist freiwillig. «Wir suchen die Menschen nicht im Gebüsch, verfolgen niemanden, der sich entzieht, öffnen keine geschlossenen Zelte, leuchten niemandem ins Gesicht», sagt Licht. Journalisten ist die Begleitung untersagt.

«Heute sind die Menschen auf der Strasse internationaler, weiblicher, älter, viele sind behindert oder sitzen gar im Rollstuhl.»Elke Breitenbach, Berliner Sozialsenatorin der Linkspartei

Der Fragebogen passt auf eine A4-Seite. In 14 Sprachen fragt er nach Alter, Geschlecht, Nationalität, Dauer der Obdachlosigkeit und danach, mit welchen Partnern, Kindern oder Tieren die Obdachlosen zusammenleben. Die Zählung soll der Stadt ermöglichen, ihr Angebot besser an die Realität auf der Strasse anzupassen.

Elke Breitenbach, die zuständige Berliner Sozialsenatorin der Linkspartei, erhofft sich vor allem bessere Erkenntnisse über die Zusammensetzung der Menschengruppe: «Wir glauben, dass sich die Struktur der Betroffenen in den letzten Jahren deutlich verändert hat. Früher war der ­typische Berliner Obdachlose ein weisser Mann zwischen 35 und 55. Heute sind die Menschen auf der Strasse internationaler, weiblicher, älter, viele sind behindert oder sitzen gar im Rollstuhl.»

Offensichtlich stammen ­heute mehr Obdachlose aus ­Osteuropa, etwa aus Bulgarien und Rumänien. Viele seien auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland gekommen, sagt Breitenbach, dann aber durch die Maschen des Wirtschafts- und Sozialsystems gefallen und auf der Strasse gelandet. Einige bezeichnet sie als «Opfer von Arbeitsausbeutung»: Sie trügen Arbeitskleidung, gingen tagsüber einer Arbeit nach, hätten aber keine feste Bleibe.

Paris dient als Vorbild

Breitenbach und ihre links-grüne Berliner Regierung verstehen die Zählung auch als Akt der ­Solidarität: «Wir wollen zeigen, dass die obdachlosen Menschen Teil unserer Stadtgesellschaft sind. Und dass wir uns auch um die Ärmsten kümmern.» Im Unterschied zu früher, als man in Berlin immer wieder wilde Camps geräumt habe und Mercedes-Fahrer Schmähungen wie «Eure Armut kotzt mich an!» auf ihr Auto klebten, sei heute mehr Mitgefühl mit wohnungslosen Menschen zu spüren.

Auch in anderen Metropolen der westlichen Welt verlieren immer mehr Menschen ihre Wohnung – vor allem weil die Preise so stark gestiegen sind. Die meisten Betroffenen werden vom ­sozialen Netz aufgefangen, auch in Berlin. 36'000 beherbergt die Stadt derzeit dauerhaft in Notunterkünften. Noch 2015, vor der Flüchtlingskrise, war die Zahl weniger als halb so gross: 16'700. Insgesamt glauben die Experten, dass in Berlin rund 50'000 Menschen keine feste Bleibe haben. Die meisten enden aber nicht auf der Strasse, sondern ziehen umher, schlafen mal bei Freunden, mal in besetzten Häusern.

Bei den Obdachlosen stellt sich Breitenbach und Licht also vor allem die Frage, warum die sozialen Unterbringungsangebote diese Menschen nicht erreichen. In Berlin gibt es beispielsweise fast 1200 Kälteplätze, aber selbst mitten im Winter sind diese nie alle belegt. Viele meiden sie, weil sie dort ihre Hunde nicht mitbringen oder ihren Alkohol nicht trinken können. Vor die Wahl zwischen Entzug oder Frieren gestellt, frieren sie lieber.

Es ist das erste Mal, dass Berlin seine Obdachlosen zählt. Es folgt damit den Vorbildern von New York und Paris. In New York begann man damit schon vor bald 20 Jahren, in Paris 2018. Auch Städte wie Brüssel, Madrid oder Athen zählen mittlerweile systematisch. In der 2,2-Millionen-Stadt Paris stieg die Zahl der Menschen, die auf der Strasse ­leben, 2019 von 2900 auf mindestens 3600. Vor der Zählung hatte man die Zahl der Obdachlosen auf 7000 geschätzt.

Erstellt: 27.01.2020, 22:52 Uhr

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