Blind vor lauter Liebe

Seit Jahrhunderten fühlen sich die wirtschaftlich erfolgreichen Katalanen in Spanien benachteiligt. Über die Wurzeln eines uralten Konflikts.

Böllerschüsse und Blumen: Eine Performance vor dem Denkmal des Verteidigers von Barcelona, Rafael Casanova i Comes. Foto: Zuma Press, Imago

Böllerschüsse und Blumen: Eine Performance vor dem Denkmal des Verteidigers von Barcelona, Rafael Casanova i Comes. Foto: Zuma Press, Imago

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Der Platz der katalanischen Herrlichkeit ist ein wenig herrlicher Ort. Der Städteplaner Ildefons Cerdà hatte die Plaça de les Glòries Catalanes als Mittelpunkt Barcelonas gedacht, als er im 19. Jahrhunderts jene visionäre, schachbrettartige Neustadt namens Eixample («Erweiterung») anlegte, in der sich heute das Geschäftsleben abspielt. Doch geworden ist aus dem Platz der Herrlichkeit ein ödes Betongeflecht aus Rampen, Überführungen und Parkplätzen, die einen kleinen, zu Recht wenig besuchten Park mit mediterranen Pflanzen einfrieden. In der Tat liegen die letzten Ereignisse katalanischer Glorie eine Zeit lang zurück. Die im Nordosten Spaniens gelegene Region war letztmals im Mittelalter eine Grossmacht. In Union mit der aragonesischen Krone beherrschten die Katalanen im 13. und 14. Jahrhundert ein mediterranes Reich, das vom Roussillon über Mallorca, Sardinien und Sizilien bis nach Griechenland reichte, wo sie die Kolonie Neopàtria gründeten. Sie trieben Handel und bauten hübsche romanische Kirchen, die heute noch das Hinterland der Costa Brava schmücken, während der Rest Spaniens noch mit Kriegführen gegen die Mauren im Süden der Halbinsel beschäftigt war.

1469, als die spanische Reconquista fast abgeschlossen war, vermählte sich Isabella von Kastilien mit Ferdinand von Aragon. Die Heirat legte den Grundstein für das heutige Spanien – aus kastilischer Sicht ein glorioses Datum, aus katalanischer der Beginn einer Geschichte der Demütigung und Unterdrückung. Diese wird von einem erheblichen Teil der Katalanen als derart schmerzhaft empfunden, dass sie zugunsten einer Unabhängigkeit vom ungeliebten Spanien ohne grosses Nachdenken EU-Mitgliedschaft, Euro und ihre Rolle als Wirtschaftsstandort internationaler Konzerne aufs Spiel setzen würden. Zwar behielt Katalonien nach der Zwangsvermählung mit dem strengen Kastilien zunächst seine Corts, eine Art ständisches Parlament. Doch Madrid beäugte die Selbstbestimmung mit Argwohn. Barcelona wurde vom lukrativen Amerikahandel ausgeschlossen, die Stadt durfte sich nicht ausbreiten, weshalb sie wie ein Ghetto in die Höhe wuchs. Die Altstadt ist heute einer der am dichtesten besiedelten Flecken Europas.

Madrids furchtbare Rache

In den häufigen Auseinandersetzungen mit Madrid zogen die eher merkantil als kriegerisch veranlagten Katalanen stets den Kürzeren: vom Aufstand der Segadors, der Schnitter, gegen Madrider Zentralisierungswünsche im Jahr 1640 bis zum Einmarsch der Truppen des faschistischen Generals Francisco Franco am Ende des Bürgerkriegs 1939. Als traumatischstes Ereignis aber wird der 11. September empfunden, nicht der von 2001 freilich, sondern der von 1714.

Katalonien hatte sich im Spanischen Erbfolgekrieg auf die falsche Seite geschlagen, die der Habsburger. Als in Madrid ein Bourbone den Thron bestieg, nahm der furchtbare Rache. Er liess Barcelona 15 Monate lang belagern, bis Zehntausende Soldaten in die Breschen stürmten, die die Artillerie in die Mauern gerissen hatte. Kraft und Vorräte der Verteidiger waren aufgezehrt. Die Truppen Philipps V. nahmen die katalanische Hauptstadt im Sturm. Noch einmal hisste Stadtkommandant Rafael Casanova i Comes die Flagge der heiligen Eulalia, der Schutzpatronin der Stadt – da zerriss ihm eine bourbonische Kugel den Oberschenkel. Er stürzte und mit ihm die katalanische Eigenständigkeit. Die Sprache wurde verboten, die Selbstverwaltung beendet, die Ernte zerstört, ein Teil Barcelonas niedergerissen und stattdessen eine Zitadelle gebaut, sie stand dort, wo sich heute der Parc de la Ciutadella ausbreitet.

Der katalanische Schriftsteller Albert Sánchez Piñol hat die Ereignisse des Sturms auf Barcelona erst kürzlich in seinem Historienroman «Victus» («besiegt») schwülstig beschrieben, der Schinken mit dem deutschen Titel «Der Untergang Barcelonas» wurde 2012 das Buch zum neuen Unabhängigkeitstraum. Es ist ein weiterer Beweis, dass niemand Niederlagen und Demütigungen so lustvoll zelebrieren kann wie die Katalanen. Ausserhalb der Region – und vor allem in Madrid – wird die Lust am Schmerz gerne als Ausdruck des «Victimismus» gesehen, einer Haltung, sich immer als Opfer darzustellen – und daraus den Anspruch auf Sonderrechte abzuleiten.

Katalonien entstand im 8. und 9. Jahrhundert in den Pyrenäen.

In der Tat haben sich die Katalanen mit dieser Methode einiges erkämpft: ein weitreichendes Autonomiestatut, die absolute Dominanz der katalanischen Sprache im öffentlichen Leben, ihre eigene Polizeieinheit; sie haben ihre Bücher, ihren FC Barcelona, ihre synchronisierten Filme, ihre Gedenktage, ihr Gefühl nationaler Identität. Für die Aussendarstellung gibt die Regierung in Barcelona Millionen aus, es gibt zahlreiche katalanische Auslandsvertretungen, natürlich auch in Brüssel. Was ihnen fehlt, ist Finanzhoheit, ein erheblicher Streitpunkt, denn die Katalanen zahlen mehr in die spanische Kasse, als sie herausbekommen. Madrid blieb in dieser Frage so stur, dass sich die Meinung in Katalonien verfestigte, nur mit Unabhängigkeit sei die Kontrolle über den eigenen Etat zu erreichen.

Der Anspruch auf einen Staat fusst auf einer langen Geschichte. Katalonien entstand im 8. und 9. Jahrhundert in den Pyrenäen aus den Resten des Reiches der Westgoten. Angeblich war die Keimzelle das Pyrenäenstädtchen Ripoll am Fusse eines Gebirgsmassivs, in dem das Hochtal Nuria liegt. Nuria und das dortige Kloster sind wichtige Symbolorte, in dem Heiligtum entstand 1931 auch das erste Autonomiestatut – Eigenständigkeit besitzt für viele Katalanen eine quasireligiöse Dimension.

Mag sein, dass diese in der Zeit weitgehender Isolierung entstand. Die Westgoten hatten die Iberische Halbinsel nach Ende der Römerzeit beherrscht, bis sie nach 711 von den Arabern, später Mauren genannt, hinweggefegt wurden. Diese kontrollierten aber nie wirklich den äussersten Nordosten, weshalb sich die katalanische Kultur aus den Pyrenäen heraus ungestört entwickeln konnte. Das Gebirge verlieh Identität. Nicht umsonst gab 1902 der Komponist Felip Pedrell seiner katalanischen National-Oper den Titel «Els Pirineus».

«Bell nicht, katalanischer Hund, sprich christlich!»

Der Name Katalonien leitet sich möglicherweise ab aus Gotholandia, Land der Goten, wo die Sprache Català gesprochen wird, weshalb man auf Deutsch «Katalanisch» sagt und nicht «Katalonisch». Andere vermuten den Ursprung in altiberischen oder maurischen Wörtern. Català entwickelte sich aus dem Spätlatein und ist eine eigenständige Sprache in der romanischen Familie. Literarische Zeugnisse sind spätestens seit dem 11. Jahrhundert belegt. Es steht grammatikalisch dem Französischen etwas näher als dem Spanischen – das eigentlich die Sprache Kastiliens ist und deshalb Castellano heisst. Für fremde Ohren hat Katalanisch einen harten, konsonantischen Klang. Nach Francos Sieg zogen falangistische Schlägertrupps durch Barcelona und bedrohten die Passanten: «Bell nicht, katalanischer Hund, sprich christlich!», also Kastilisch. Solche Demütigungen sind unvergessen und unverziehen.

Es gibt zahlreiche Varietäten des Katalanischen, wie sie in Valencia, Mallorca oder dem sardischen L’Alguer gesprochen werden. Diese Verbreitung verleitet besonders radikale Separatisten dazu, Anspruch auf alle Països Catalans zu erheben, die «katalanischen Länder», deren gedachte Grenzen das Grossreich des Mittelalters nachzeichnen und Perpignan und Andorra einschliessen. Dass man dabei Teile Südfrankreichs sozusagen geistig annektiert, kümmert die Katalanisten nicht. Ja, man muss gar befürchten, dass es ihnen nicht wirklich klar ist, so weltfremd mutet der Regional-Nationalismus im 21. Jahrhundert mitunter an.

Die Neuerfindung einer ganzen Stadt

Was den Katalanismus für so viele anziehend macht, ist sein universales Heilsversprechen: Durch Unabhängigkeit würden sich alle Probleme im Prinzip von allein lösen, so lautet die implizite Botschaft des Separatismus. Sie vereint Nationalisten und Expansionisten, aber auch Feministinnen, Umweltschützer, Künstler, Hausbesetzer, Linke und Bürgerliche unter dem rot-gelb gestreiften Banner mit dem aus Kuba entliehenen Stern. Auch das katalanische Grossbürgertum tut gerne mit, obwohl das noch mit jeder Regierungsform zurechtkam und sich auch mit dem Diktator Franco bestens arrangierte. Tatsache ist, dass die Dichte an sozialen Bewegungen in Katalonien so hoch ist wie kaum irgendwo in Europa. Man organisiert sich in Basisgruppen für verschiedenste Zwecke; eine Organisation, die sich gegen die Zwangsräumung der Wohnungen säumiger Schuldner durch Banken einsetzte, brachte am Ende sogar die Bürgermeisterin Barcelonas hervor, Ada Colau.

Gerne verweist man in Katalonien auf alte demokratische Traditionen wie die Verwaltung Barcelonas, das Consell de Cent, die Versammlung der hundert, die eine der ältesten protodemokratischen Institutionen in Spanien war, wie der Barcelona-Chronist Robert Hughes schrieb. Unstrittig ist auch, dass die Katalanen grosses wirtschaftliches Talent haben. Katalonien erholte sich nach 1898, als Spanien die letzten Kolonien in Lateinamerika verlor und in Depression versank, schneller als andere Landesteile von dem Trauma. Die in Kuba reich gewordenen katalanischen Zuckerbarone, Indianos genannt, investierten in Textil- und Schwerindustrie, in Chemie und Banken. Aus Barcelona wurde das Manchester Kataloniens, eine Industriestadt voller Schlote und Arbeiterquartiere. Das blieb sie, bis im Zuge des Olympiabooms 1992 der Umbau zur Dienstleistungs-, Touristen- und Kreativmetropole begann.

Diese Neuerfindung einer ganzen Stadt war dem visionären Bürgermeister Pasqual Maragall zu verdanken, der später auch Ministerpräsident wurde. Der Sozialist kann als Begründer des modernen Katalanismus gelten, er pochte darauf, dass die Katalanen eine «Nation» seien – was Madrid zurückwies. Tatsächlich ist Katalane, wer in Katalonien wohnt; nach strenger Auslegung aber nur, wer Català spricht. Diese Identitätsfindung durch kulturelle Abgrenzung kann für Spanischsprachige mitunter diskriminierende Züge annehmen. Eine Art Sprachpolizei wacht über die Einhaltung der Regeln, das Dogma «Katalanisch zuerst» wird aggressiv verfochten. Die Katalanen seien «blind vor Liebe für ihre Sprache», schrieb Robert Hughes.

Gefährlicher Isolationismus

Viele scheinen sogar bereit zu sein, den Vorteil der Zweisprachigkeit einem nationalromantischen Isolationismus zu opfern, der seit den Feierlichkeiten des 11. September 2017 für den Weiterbestand Spaniens gefährliche Formen angenommen hat. Separatisten pilgerten an jenem Tag wie jedes Jahr in Massen zum Denkmal des Rafael Casanova i Comes, des Verteidigers von Barcelona. Dabei war er es gerade, der aufgezeigt hat, wo der Ausweg aus der Krise liegen könnte, nämlich in der richtigen Dosis seny, ein sehr katalanischer Begriff für «Vernunft».

Casanova überlebte 1714 seine Kriegsverletzung und wählte eine durchaus katalanische Lösung: Er versteckte sich auf dem Lande, bis eine Amnestie es ihm erlaubte, seine Tätigkeit als Anwalt wieder aufzunehmen. 1743 starb er friedlich und wohlhabend auf seinem Anwesen in Sant Boi – nicht ohne die Herren aus Madrid zuvor durch allerlei juristische Winkelzüge gepiesackt zu haben.

Erstellt: 11.12.2017, 19:07 Uhr

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