Bringt sie die zweite Brexit-Abstimmung?

Anna Soubry will den Brexit verhindern. Gegen den Widerstand von Theresa May und ihrer Partei.

Begleitet von Parlamentskollege Chuka Umunna (l.) kämpft Anna Soubry bei einer Kundgebung in London gegen den Brexit. Foto: Yui Mok (Keystone)

Begleitet von Parlamentskollege Chuka Umunna (l.) kämpft Anna Soubry bei einer Kundgebung in London gegen den Brexit. Foto: Yui Mok (Keystone)

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Neulich ist Anna Soubry dann doch mal kurz beunruhigt gewesen. Sie war schon von Boulevardmedien an den Pranger gestellt worden und hatte Morddrohungen erhalten. Beides hat sie abgeschüttelt oder ignoriert; die Titelseiten, auf denen sie der «Meuterei» oder des «grossen Verrats» bezichtigt wird, hängen wie Trophäen neben ihrem Schreibtisch. Sie habe, das betont sie gern und oft, «kein Angst-Gen».

Aber als sie kurz vor Weihnachten auf dem Weg ins Parlament von rechtsextremen Demonstranten physisch angegriffen wurde, die sich, rassistische Sprüche brüllend, nach dem Vorbild der «Gilet Jaunes» in Frankreich, in gelben Westen vor dem Palast von Westminster aufgebaut hatten, da war selbst sie schockiert. Sie sei eine «Verräterin», brüllte der Anführer der Gruppe, ein polizeibekannter rechter Randalierer, und mache «die Arbeit von Adolf Hitler».

Was er meinte, lässt sich nur vermuten: Anna Soubry ist eine der bekanntesten Remainerinnen des Landes. Sie will, obwohl Abgeordnete der konservativen Partei, die den Brexit vorantreibt, eben diesen EU-Austritt noch verhindern. Damit stelle sie sich, werfen ihr rechtsradikale Kreise vor, in den Dienst der EU, die bekanntlich von den Deutschen dominiert werde, die wiederum nie aufgehört hätten, das Königreich unterwerfen zu wollen.

An Jo Cox erinnert

Während sich die Polizei erst nicht bequemen mochte, der Sache nachzugehen, und den Vorfall unter Demonstrationsfreiheit verbuchte, war Anna Soubry «verwirrt und empört», dass diese Art von Verhalten nicht geahndet werde. Sie erinnerte daran, dass 2016, kurz vor dem Brexit-Referendum, ein Rechtsradikaler die europabegeisterte Labour-Abgeordnete Jo Cox erstochen hatte. Dabei brüllte er «Britannien zuerst» und «Verräterin». «Man stelle sich vor, diese Leute jetzt hätten ein Messer oder eine Pistole dabeigehabt», sagte Anna Soubry – und zeigte zum ersten Mal so etwas wie Angst in diesen aufgewühlten Zeiten.

Der Mann, der sie auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz im Unterhaus mit seinen Unterstützern bedroht hatte, antwortete umgehend auf ihre öffentlich geäusserte Empörung mit einem Tweet: «Verlogene Schlampe, ich habe dir persönlich gesagt, dass du die dreckige Arbeit von Adolf Hitler erledigst, du moralisch abstossender Drecksack.» Die Polizei nahm dann doch die Ermittlungen auf.

Zum Jahreswechsel war die Abgeordnete des Wahlkreises Broxtowe dann aber wieder obenauf. Monatelange, parteiübergreifende Diskussionen über den Brexit seien «ungeheuer erfolgreich» gewesen, schreibt Anna Soubry an ihre Wähler und Fans. Weshalb jetzt, weniger als drei Monate vor dem Austrittstag am 29. März, eine zweite Abstimmung in greifbarer Nähe sei. Endlich. Der «Second Vote», findet sie, sei eine Option für all jene, die ihre Meinung geändert hätten, und für die Jungen, die damals noch gar nicht wählen durften. Die Idee dahinter: mehr Information, weniger Manipulation, und dann, im besten Falle ein anderes Ergebnis und ein Ende des Brexit-Traumas.

Beifall von der Opposition

Anna Soubry, das muss man sagen, hat in jedem Fall ein Optimismus-Gen. Seit Monaten ist sie eines der Gesichter der Bewegung für ein zweites Brexit-Referendum, weshalb sie als prominente innerparteiliche Gegnerin und als Gefahr für die Premierministerin wahrgenommen wird.


Video: Hat Jeremy Corbyn die Premierministerin beleidigt?


Theresa May will ihren Austrittsvertrag durchbringen in Westminster, spätestens in der übernächsten Woche. Wenn das nicht gelingt, droht sie dem Parlament und dem Land mit No Deal, dem Ausstieg ohne Übergangsfrist und ohne Vertrag. Anna Soubry, die seit 2010 im Parlament sitzt und bis zum Referendum nie als Renegatin aufgefallen war, will das nicht zulassen. Für sie ist No Deal eine Katastrophe, und der Vertrag, den May aus Brüssel mitgebracht hat, voller Tücken. «Botched», nennt sie ihn, was so viel heisst wie «verpfuscht».

Zwei unterschiedliche Outlaws

Deshalb bekämpft sie die Hardliner in der eigenen Fraktion und wirft ihnen vor, auf ihren «vergoldeten Pensionen und ihrem geerbten Reichtum» zu hocken und, bar jedes Verantwortungsgefühls und jedes Anstands, die Jobs und Zukunft der weniger Begünstigten im Land zu riskieren. In der eigenen Fraktion kommt das naturgemäss nicht so gut an, auch wenn die Ex-Anwältin und Ex-Journalistin ihre Reden mit geschulter, gut modulierter Stimme und genau der richtigen Mischung aus ­Pathos und Kalkül hält. Beifall bekommt sie vor allem von den Oppositionsbänken.

Und so hat sich die prominente Tory-Abgeordnete mit den Gegnern des Brexits zusammengetan, die allerdings überwiegend ausserhalb ihrer Partei zu finden sind. Seit Monaten tritt sie gemeinsam mit Chuka Umunna auf, einem Labour-Parlamentarier aus London mit nigerianischem Vater. Die beiden sind der Renner auf Pressekonferenzen, bei Demonstrationen, in Fernsehsendungen, und wenn sie so nebeneinandersitzen – der junge, smarte Farbige und die 62 Jahre alte Dame mit Vorliebe für gemusterte Kostüme und gefleckte Halstücher –, dann verstecken sie ihre Sympathie für ihren Partner in Crime nicht: Beide werden als Outlaws in ihren jeweiligen Parteien wahrgenommen, weil sie die offizielle Linie ignorieren und den Brexit und damit den Wählerwillen untergraben würden.

Neue Anti-Brexit-Partei?

Mittlerweile werden Soubry und Umunna häufig gefragt, wann sie endlich gemeinsam eine neue, zentristische Anti-Brexit-Partei gründen für all jene, die finden, Tories und Labour würden das Land gegen die Wand fahren. Dann lacht Soubry und sagt, ihr Ziel sei, innerhalb der eigenen Partei die Unterstützung für eine neue Abstimmung zu erhöhen. Was gar nicht so abwegig ist, wie es noch vor ein paar Monaten gewirkt hat.

Sollte Mays Vertrag in der zweiten Januarwoche im Parlament nicht durchgehen, dann gilt eine Mehrheit für einen «Second Vote» als denkbar. Austreten, fügt Soubry dann hinzu, würde sie nur, wenn Boris Johnson Parteichef und Premier werde. Der könne es nun wirklich nicht.

Erstellt: 03.01.2019, 06:14 Uhr

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