Briten geschwächt, Rest-EU vereint

Beim Start der Brexit-Verhandlungen scheint selbst ein Rücktritt vom Austritt möglich.

Der Anfang vom Ende einer 44-jährigen Beziehung: Der britische Brexit-Unterhändler David Davis mit Michel Barnier, Chefunterhändler der EU in Brüssel.

Der Anfang vom Ende einer 44-jährigen Beziehung: Der britische Brexit-Unterhändler David Davis mit Michel Barnier, Chefunterhändler der EU in Brüssel. Bild: EPA/Stephanie Lecoqc/Keystone

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Jetzt ist es endlich soweit. Ein Jahr nach dem Votum für den Austritt aus der EU sind auch die Briten bereit, mit den Scheidungsgesprächen zu beginnen. In Brüssel setzten sich die Chef-Unterhändler der beiden Seiten erstmals an einen Tisch. Doch wer auf Klarheit hoffte, muss sich enttäuscht sehen.

Mehr denn je ist offen, wo die Reise hingehen soll. Klar, es gibt keine Blaupause. Es geht um eine historische Premiere. Noch nie hat ein Mitglied den Ausgang gesucht. Es ist offenbar einfacher, der EU beizutreten, als sie wieder zu verlassen. So oder so haben aber die Befürworter des Brexit sträflich unterschätzt, was es bedeutet, diese 44-jährige Beziehung aufzulösen. Der EU geht es vor allem um Schadensbegrenzung. Chefunterhändler Michel Barnier hat seine Verhandlungsmandate öffentlich gemacht. Transparenz ist manchmal auch ein Instrument, um Druck auszuüben. Im Fokus steht der Schutz der Rechte für die drei Millionen EU-Bürger in Grossbritannien. Die Briten sollen zudem ihre langfristigen finanziellen Verpflichtungen gegenüber dem Club einhalten.

Dilettantismus und politisches Chaos

Von den Briten gibt es bisher keine Papiere, dafür umso mehr Floskeln. Auch deshalb will man auf der Seite der EU erst nach den Scheidungsmodalitäten in einem zweiten Schritt über die Zukunft reden. Gestern schwärmte der britische Brexit-Unterhändler David Davis wieder davon, dass sein Land eine starke und spezielle Partnerschaft mit den anderen Europäern anstrebe. Doch die künftige Beziehung wird sicher weniger stark und weniger speziell sein als die bisherige Mitgliedschaft.

Klar ist, dass die Briten schon jetzt geschwächt und die Rest-EU vereint wie selten zuvor in diese Scheidungsgespräche gehen. In Brüssel wundert man sich nur noch über den Dilettantismus und das politisches Chaos in London. Die Frage ist deshalb weniger, ob es am Ende einen harten oder weichen Brexit geben wird. Die Frage ist eher, ob die Briten am Ende noch einmal auf ihren Austrittswunsch zurückkommen. Ein Rücktritt vom Austritt ist zumindest wahrscheinlicher als noch vor ein paar Monaten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.06.2017, 19:29 Uhr

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