Berlusconi ist zurück

Der frühere Premierminister nutzt die Regionalwahlen in Sizilien für seine Rückkehr in die italienische Politik. Sie sind ein bisschen wie Glücksspiel.

Ist zurück, mit 81 Jahren: Silvio Berlusconi bei seinem Auftritt in Palermo.

Ist zurück, mit 81 Jahren: Silvio Berlusconi bei seinem Auftritt in Palermo. Bild: Antonio Parrinello/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gerade liefen noch die Bilder aus einer fernen, ruhmreicheren Zeit über die Grossbildschirme, begleitet von der Hymne von Forza Italia. Die ältere Dame beim Lautsprecher vorne rechts, hochgestecktes Haar, funkelnde Brosche am Kleid, presste ihre Hände auf die Ohren, so bombastisch laut dröhnte der Bass. Aufgeregt ist sie trotzdem. Und da steigt er nun also die Seitentreppe des Teatro Politeama hoch zur Bühne, winkend und lachend, umschwirrt von Leibwächtern, als wäre er nie weg gewesen: Silvio Berlusconi. Im blauen Doppelreiher, wie früher. Die Haare so dunkelbraun wie ehedem, es sind sogar einige mehr geworden. «Buonasera.»

Er ist zurück, mit 81 Jahren. So unfassbar das auch scheinen mag: Silvio Berlusconi kann noch Wahlen entscheiden. Es heisst nun wieder, er sei «intramontabile», unvergänglich, schier unsterblich. Das ist seine liebste Legende, er hat sie selber genährt. Von der Seite, aus nächster Nähe, wirkt sein Lachen wie in Stein gemeisselt, die Gesichtszüge sind wie festgezurrt. Von vorne aber, im Fokus der Scheinwerfer und der Kameras, sieht man vor allem seine Zähne, sie blitzen sehr weiss. Berlusconi war zuletzt oft in einer Schönheitsfarm in Südtirol, wo sie angeblich Wunder wirken.

Politisches Versuchslabor

Er will sich noch einmal beweisen. Vielleicht sollte man ihn auch mal fragen, warum er sich das antut. Ist es Eitelkeit? Lust auf Revanche? Beides? Dieser Auftritt in Palermo ist sein grösster und wichtigster seit Jahren. Die Sizilianer wählen am Sonntag ein neues Regionalparlament und einen Regionspräsidenten. Sollte sein rechtes Lager hier gewinnen, trotz alter und neuer Justizskandale, trotz der harten Konkurrenz durch die Protestbewegung Cinque Stelle, die in den Umfragen gleichauf liegt, dann wäre auch national wieder mit Berlus­coni zu rechnen. Zwar nicht als Premierminister, aber als Powerbroker, als unumgänglicher Machtfaktor.

Siziliens Wahl ist der letzte Stimmungstest vor den italienischen Parlamentswahlen vom kommenden Frühling, so etwas wie deren Hauptprobe. ­Sizilien galt schon oft als politisches ­Versuchslabor. Auf der Insel probieren die Parteien Dinge aus, die sie anderswo nicht wagen würden: sündhafte Allianzen etwa, fantasiereiche Programme. Es ist ein bisschen wie im Casino.

Ein «anständiger» Faschist: Nello Musumeci tritt die Parlamentswahlen für die Rechte an. Bild: Facebook / Nello Musumeci

Die Rechte tritt mit Nello Musumeci an, 62 Jahre, aus Catania, früher Provinzpräsident auf der anderen Seite der Insel. Alle, rechts wie links, nennen ihn einen «Fascista perbene», einen «anständigen Faschisten». Musumeci wurde im Movimento Sociale Italiano gross, unter Nostalgikern von Benito Mussolini. Er stand immer zu seiner schwarzen Herkunft. Geschadet hat ihm das nie. Man hält ihn für einen «Galantuomo», einen Gentleman mit rhetorischem Talent. Sein Slogan lautet: «Diventerà bellissima». Sie wird wunderschön werden. Gemeint ist: la Sicilia. Sie ist natürlich schon schön, äusserlich wenigstens. Aber im Innern?

Das Ende fast aller Steuern

Neben Musumeci sitzen an diesem Abend von Allerheiligen auch einige Leute, von denen man sagt, sie seien eigentlich nicht präsentabel, weil sie Prozesse am Hals haben wegen Korruption oder weil sie den Ruf haben, der ­Mafia nahezustehen. Ihre Namen finden sich dennoch auf den Wahllisten der Rechten. In seiner Rede wird Berlusconi sagen, in einer Demokratie habe jeder die Wahl:

«Wenn euch der eine oder andere nicht passt, streicht ihn doch einfach von der Liste.» Silvio Berlusconi

Es gibt dafür nur ­zögerlichen Applaus. Vorne senken die «Impresentabili» den Kopf. Sie hatten sich eben noch geküsst und geherzt, über die plüschigen Sessel hinweg.

In der ersten Reihe sitzt auch Berlus­conis Lebensgefährtin Francesca Pas­cale, eine sehr blonde, junge Frau, 49 Jahre jünger als ihr Verlobter. In ihrem voluminösen, weissen Kleid sieht sie aus wie eine Meringue. Sie klatscht auch dann, wenn sonst niemand klatscht. Zum Beispiel wenn ihr Liebster von seinem «Freund Wladimir» spricht und Putin meint, mit dem er sich natürlich oft über die Weltpolitik unterhält. Berlusconi redet frei. Auf dem Rednerpult liegt nur ein Faltpapier mit handgeschriebenen Notizen, er zeigt es dem ­Publikum, wedelt damit. «Man wollte mir eine Rede auf 64 Seiten vorbereiten. Aber mir reicht das hier.»

Berlusconis Lebensgefährtin Francesca Pas­cale. Foto: Guido Montani (Keystone)

Dann endlich legt Berlusconi die alte Platte auf, die alle hören wollen. Alle möglichen Steuern will er abschaffen, käme er wieder an die Macht: die Steuer auf das erste Haus, die Schenkungssteuer, die Erbschaftssteuer, die regionale Unternehmenssteuer, auch die Steuer auf das erste Auto. Rechnet man alles zusammen, was er verspricht, ginge Italien sofort bankrott. Doch jetzt klatschen sie auch auf den oberen, spärlicher besetzten Reihen im Politeama, wo sie davor nicht geklatscht hatten. Einer aber ruft: «Lavoro!», Arbeitsplätze brauche die Insel. Berlusconi reagiert nicht auf den Zwischenruf. Er sagt noch: «Und natürlich muss auch der Kampf gegen die Mafia präsent sein.» Das grosse Thema, liquidiert in einem plump formulierten Nebensatz. «Forza Sicilia! Forza Italia!»

Berlusconi treffe den Ton fast immer, sagt Antonio Fraschilla, politischer Reporter der sizilianischen Lokalausgabe von «La Repubblica»: «Seine Sprache ist einfach, zugänglich, man hört ihm zu und versteht. Die Sizilianer lieben ihn dafür, wider alles bessere Wissen.» Kein politischer Leader Italiens ist populärer auf der Insel als der Mailänder Berlus­coni, seit vielen Jahren schon. Alle Umfragen zeigen das, die Gunst riss nie ab.

«Seine Sprache ist einfach, zugänglich, man hört ihm zu und versteht.»Antonio Fraschilla, La Repubblica

Hymne und Abspann mit denselben Bildern vom Anfang. Es sind Bilder von 2001, als Berlusconi bei den Parlamentswahlen ganz Sizilien eroberte. Sein Popolo della Libertà gewann damals alle 61 Sitze, die in Sizilien zu holen waren. «61:0» – ein Kantersieg gegen die Linke. Doch sosehr er sich bemüht, diese Zeiten mit neuem Leben anzufüllen: Der Refrain klingt hohl und abgedroschen. Draussen, auf der Piazza vor dem Theater, wo sie eine Grossleinwand aufgestellt haben, stehen nur einige Dutzend Menschen. Vielleicht liegt es am Regen.

Nichts ist besser als früher

Die Politik hat viel Kredit verloren. Nichts ist besser geworden in Sizilien. Es gibt keine jüngere Statistik, die Zuversicht stiften würde, keinen einzigen positiven Trend. Die Arbeitslosigkeit auf der Insel ist noch immer viel höher als im Rest Italiens – vor allem unter den Jugendlichen, wo sie bei über 50 Prozent steht. Jedes Jahr verlassen 25'000 Sizilianer die Insel. Die Infrastruktur? Alle Versprechen verhallten. Die Legalität? Man redet wenig über die Mafia, man hört auch wenig von ihr, und das ist kein gutes Zeichen: Stille ist ihr das Liebste. Gewachsen sind nur die Schulden der Region – um 40 Prozent.

Die Enttäuschung im Volk befeuert die Hoffnungen eines 42 Jahre alten Landschaftsvermessers und früheren Lagerarbeiters, der auf Geheiss seiner Parteioberen neuerdings Krawatte und Sakko trägt: Giancarlo Cancelleri von den Cinque Stelle reist von Gemeinde zu Gemeinde und präsentiert die Listen der «Impresentabili» der Rechten. Das reicht dann schon, dass sich viele überzeugen lassen, mal etwas ganz Neues zu versuchen – etwas mit fünf Sternen.

Rechnet man alles zusammen, was Silvio Berlusconi verspricht, ginge Italien sofort bankrott.

Gegen die Linke, die Sizilien in den vergangenen fünf Jahren regiert hat, braucht Cancelleri nicht laut zu werden: Sie regierte schwach und tritt nun auch noch gespalten an. Mit zwei Kandidaten, dem Rektor der Universität von Palermo, Fabrizio Micari, und dem Anti-Mafia-Aktivisten Claudio Fava, dem Sohn eines ermordeten Journalisten, die um dieselben Stimmen buhlen und dabei wohl etliche an andere Parteien verlieren. Micari wird vom sozialdemokratischen Partito Democratico getragen, Fava hingegen von der etwas linkeren Partei Movimento Democratico e Progressista, die sich kürzlich von den Sozialdemokraten abgespaltet hat. Der Kampf der beiden Linken spiegelt die nationalen Verhältnisse ganz gut. Man hat sich offenbar nichts mehr zu sagen.

So kämpfen ein «anständiger Faschist» und ein Landschaftsvermesser mit Krawatte um Sizilien. Für die Fünf Sterne wäre es das erste Mal, dass sie den Gouverneur einer Region stellen. Eine Stimme mehr würde schon ausreichen. Sizilien hat eine lange Erfahrung mit Minderheitsregierungen. «Sie stürzen deshalb nicht», sagt der Reporter Antonio Fraschilla, «weil sich bei Abstimmungen immer eine Mehrheit finden lässt. Irgendwie.» Kein Abgeordneter verzichtet leichten Herzens auf 12'000 Euro Monatsentschädigung. Gewänne die Rechte in Sizilien, wäre Berlusconi wohl versucht, gross und national zu träumen. «Auf meinen Reisen durch Italien», sagte er dem Publikum im Politeama, «erfahre ich viel Sympathie.» Es hörte sich so an, als sei er selber überrascht.

Erstellt: 04.11.2017, 10:57 Uhr

Artikel zum Thema

Silvio Berlusconi ist plötzlich lammfromm

Video Italiens Ex-Premier gibt den Tierschützer und Vegetarier – allerdings nicht ganz zufällig. Mehr...

Berlusconi ist zurück – rauflustig wie eh und je

Silvio Berlusconi, inzwischen 80 Jahre alt, will sich nach dem Sieg der rechten Parteien in Genua in den Wahlkampf stürzen. Mehr...

Eine Brise von rechts

Analyse Italiens Linke erlitt in den Gemeindewahlen eine Niederlage, auch Beppe Grillo wurde empfindlich geschlagen: Dem Land droht ein Patt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...