Stunden vor dem Attentat schickte er ein Bomben-Emoji

Der Waadtländer Damien G. kannte die Hintermänner des Bataclan-Anschlags in Paris. Eine Spurensuche in Syrien.

Kurz bevor Männer mit Sturmgewehren in die Menge schossen: Die Band Eagles of Death Metal spielen am 13. November 2015 im Bataclan in Paris. Foto: AFP

Kurz bevor Männer mit Sturmgewehren in die Menge schossen: Die Band Eagles of Death Metal spielen am 13. November 2015 im Bataclan in Paris. Foto: AFP

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Es war eine sonderbare Nachricht, die Damien G. seiner Halbschwester am 13. November 2015 schickte. Wo sie sei, und ob sie sich nicht gerade in Paris aufhalte, fragte der Waadtländer Jihadist von der syrisch-irakischen Konfliktzone aus. Sie antwortete, dass es ihr gut gehe und sie sich nicht in Paris befinde. Daraufhin schickte ihr der Halbbruder ein Bomben-Emoji. Wenige Stunden später, nach den ersten Meldungen zur Terrorattacke auf das Pariser Bataclan-Theater, realisierte die Waadtländerin, warum Damien G. ihr geschrieben hatte. Er musste von den Anschlägen gewusst haben und hätte seine Halbschwester gegebenenfalls gewarnt. Doch sie war in der Schweiz.

Dabei wollte Abu Suleiman al-Swissri, wie sich der Jihadist beim Islamischen Staat (IS) nannte, eigentlich überhaupt keinen Kontakt mehr mit seiner Familie. Als man ihn bei seinem Eintritt in den IS fragte, wer im Todesfall zu informieren sei, antwortete er, dass niemand davon erfahren solle. Doch umgekommen ist der inzwischen 29-jährige Schweizer nicht. Er geriet im März zusammen mit seiner belgischen Frau und den gemeinsamen zwei Kindern in Gefangenschaft der Syrian Democratic Forces (SDF). Diese von Kurden beherrschte Allianz kämpft gegen den IS.

Während Gattin Yusra M. und die Kinder ins Internierungslager al-Hol gebracht wurden, kam Damien G. in ein Gefängnis. Es ist die vorläufige Endstation einer langen Reise. Sie führte Damien G. aus dem beschaulichen Provinzstädtchen Orbe VD immer tiefer in die Dunkelheit.

Ein Markt im Internierungscamp al-Hol in Syrien: Hier befinden sich heute Damien G.s Ehefrau und ihre beiden Kinder. Foto: Delil Souleiman (AFP)

Ein kurdischer Journalist konnte den abgemagerten Waadtländer vor kurzem besuchen, doch Damien G. gab sich verschlossen. Der Journalist wunderte sich, wie schlecht der Schweizer Arabisch sprach, obwohl er schon seit sechs Jahren in der Region lebt. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Der Romand war meistens mit französischsprachigen Jihadisten zusammen und musste sich nur selten auf Arabisch unterhalten.

Im Dunstkreis der Bataclan-Täter

Diese Kontakte dürften auch der Grund sein, warum Damien G. von den Anschlagsplänen in Paris wusste. Sein ehemals bester Freund in Syrien, Mourad Farès, der am französischen Ufer des Genfersees aufgewachsen war, rekrutierte persönlich einen der Bataclan-Attentäter für den IS, den aus dem Elsass stammenden Foued Mohamed-Aggad. Auch den Koordinator der Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, soll Damien G. gekannt haben. Laut seiner Personalakte beim IS spezialisierte sich Damien G. nicht nur als Kämpfer und im Bereich Verwaltung, sondern auch innerhalb des Geheimdienstes, dessen externe Abteilung unter anderem für die Planung von Terroranschlägen zuständig war.

Ausserdem versuchte Damien G. via soziale Medien, junge Männer als Kämpfer nach Syrien zu locken. Zusammen mit Haris U. aus Yverdon baute er noch in der Schweiz eine Propaganda-Website. Nachdem er im Herbst 2013 in Syrien eingetroffen war und dort anfänglich für die syrische Filiale von al-Qaida gekämpft hatte, warb er darauf persönlich für den Jihad. Ende 2014 intervenierte dann die Bundeskriminalpolizei bei Haris U., worauf die Website entfernt wurde. Fast zeitgleich lud Damien G. ein Foto eines Sprengstoffgürtels auf Twitter hoch. Das Besondere daran: In dem Bombengürtel steckte ein Schweizer Pass.

Statt zu arbeiten spielte Damien G. im Waadtland lieber zu Hause am Bildschirm Ballerspiele oder beschäftigte sich mit Verschwörungstheorien.

Nach seinem Aufenthalt bei der syrischen al-Qaida trat Damien G. der Terrorgruppe «Armee der Auswanderer und Unterstützer» bei. Diese Formation war vor allem in der Region der syrischen Metropole Aleppo aktiv und ging Ende 2013 im IS auf. Einen Teil seiner französischen und belgischen Jihadisten-Freunde lernte Damien G. dort kennen. Kommandant war der tschetschenischstämmige Terrorist Tarkhan Batirashvili, der später zum obersten Militärkommandanten des IS aufstieg.

Zu den engsten Freunden von Damien G. in Raqqa, der syrischen Hauptstadt des «Kalifats», zählte ein ehemaliger Drogenhändler aus Brüssel. Der Belgier nannte sich Abu Saif, also Vater des Schwerts, wohl weil er in Belgien einen jungen Mann mit einem Säbel ermordet hatte. Abu Saif gehörte ebenfalls zum Umfeld der Attentäter von Paris. Zweimal geriet er in türkische Gefangenschaft. Weil er aber offenbar wichtig für den IS war, befreite ihn die Terrororganisation nach dem ersten Mal in einem Austausch gegen türkische Geiseln. Das zweite Mal, im Jahr 2018, verschwand der Mann mit dem Säbel erneut in einem türkischen Gefängnis, diesmal vielleicht für immer.

Ein Jihadist mit Schutzengel?

Im Vergleich dazu hatte Damien G. wohl einen Schutzengel, wie sich seine Halbschwester im Gespräch mit dieser Zeitung ausdrückt. Als Kind sei er einmal von einem Bus angefahren worden, später dann an der Zürcher Street Parade von einem Taxi, doch habe er all das jeweils mit ein paar Schrammen und Prellungen überstanden. Auch als er sich gelegentlich das Auto seiner Mutter auslieh und damit schwere Unfälle produzierte, bis hin zum Totalschaden, blieb Damien G. praktisch unverletzt. Beim IS sei er erneut in einen Autounfall verwickelt gewesen, bei dem das Fahrzeug förmlich geborsten sei, erzählte seine Frau Yusra M. dieser Zeitung kürzlich in Syrien. Dabei habe er sich am Knie verletzt und sei eine Zeit lang nur noch humpelnd unterwegs gewesen. Kämpfen sei für Damien G. danach keine Option mehr gewesen.

Wer heute ehemalige IS-Kämpfer interviewt und sie nach ihrer Rolle innerhalb der Terrororganisation fragt, erhält als Antwort häufig, man sei Koch, Lehrer oder Ambulanzfahrer gewesen. Gekämpft haben will kaum einer. Insofern wirkt die Geschichte, die Yusra M. über ihren Schweizer Ehemann erzählt, geradezu kreativ: Er sei nach dem Autounfall während einer gewissen Zeitspanne arbeitslos zu Hause herumgelungert, aber das habe sie nicht ertragen. Daraufhin habe sich Damien G. einen Job als Masseur und Kinesiologe in einem Spital des IS gesucht.

Die Familie des Waadtländer Jihadisten Damien G. alias Abu Suleiman al-Swissri: Frau Yusra und die Kinder Aisha, Sabri und Nadim (v. l.). Foto: Kurt Pelda

Mit Arbeit hatte Damien G. schon im Waadtland seine liebe Mühe. Er begann zwar eine Lehre, hielt aber nicht einmal ein Jahr durch. Lieber spielte er zu Hause am Bildschirm Ballerspiele oder beschäftigte sich mit Verschwörungstheorien. Dabei entwickelte er einen aggressiven Antiamerikanismus.

Nach seiner Konversion zum Islam kommunizierte Damien G. oft online mit Omar Omsen, einem französischen Verschwörungstheoretiker und Rekrutierer von al-Qaida. Omsen war auch der Vorgesetzte in der Einheit, in der Damien G. und Mourad Farès, der Jihadist vom Genfersee, anfänglich in Syrien kämpften. Als der Waadtländer zum IS wechselte, entschied sich Farès für al-Qaida. Später flüchtete er in die Türkei, wurde dort festgenommen und an Frankreich ausgeliefert. So fanden auch viele Informationen über Damien G. den Weg zu den französischen Sicherheitsorganen und danach zu Ermittlern in der Schweiz.

Erstellt: 05.08.2019, 09:42 Uhr

Das Netzwerk von Damien G. alias Abu Suleiman al-Swissri

Yassine Lachiri

Alias Abu Saif («Vater des Schwerts»), Belgier mit marokkanischen Wurzeln, Drogenhändler in Brüssel. Als sich ein Cannabis-Geschäft nicht wie gewünscht entwickelte, tötete er 2003 einen potenziellen Käufer mit einem Säbel. Dafür erhielt er eine teilbedingte Gefängnisstrafe von fünf Jahren. Reiste 2013 nach Syrien und wurde 2015 in Abwesenheit von einem belgischen Gericht zu 20 Jahren verurteilt. 2018 wurde er in der Türkei verhaftet und ins Gefängnis gesteckt.

Soufiane Alilou

Halbbruder von Yassine Lachiri. Reiste mehrfach von Belgien nach Syrien und brachte dem IS neue Rekruten mit. Er gehörte zum sogenannten Zerkani-Netzwerk in Brüssel, das mittels Straftaten Geld beschaffte, unter anderem um Jihadisten die Reise nach Syrien zu bezahlen. Laut Presseberichten trug er auch zur Rekrutierung von Chakib Akrou und Abdelhamid Abaaoud (s. u.) bei. Akrou war einer der Attentäter von Paris am 13. November 2015.

Abdelhamid Abaaoud

Einst Kleinkrimineller aus Brüssel. Reiste 2013 nach Syrien und trat dem IS bei. In Syrien liess er sich in den sozialen Medien für tot erklären, um unerkannt nach Europa zurückzukehren. Er gilt als Drahtzieher mehrerer Anschlagsversuche in Frankreich und koordinierte die Terroranschläge vom 13. November 2015 in Paris. Kurz darauf wurde er bei einer Polizeirazzia getötet.

Foued Mohamed-Aggad

Wuchs im Elsass auf und machte sich Ende 2013 mit seinem Bruder und anderen Jihadisten aus Strassburg nach Syrien auf. Rekrutiert wurde die Gruppe von Mourad Farès, einem guten Freund von Damien G. Später kehrte er heimlich nach Frankreich zurück und sprengte sich am 13. November 2015 im Pariser Bataclan-Theater in die Luft.
(K.P.)

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