«Dann werde ich eben zum Verbrecher»

Der ehemalige ungarische Premier Ferenc Gyurcsany erklärt, warum er in seinem Haus Flüchtlinge aufgenommen hat. Und warum Viktor Orban ihnen die Reise nach Westen wieder verweigert.

Opposition gegen Premier Orban: Ferenc Gyurcsany kritisiert die Flüchtlingspolitik der Regierung (Archivbild).

Opposition gegen Premier Orban: Ferenc Gyurcsany kritisiert die Flüchtlingspolitik der Regierung (Archivbild). Bild: AP Photo/Bela Szandelszky/Keystone

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Warum laden Sie Flüchtlinge in Ihr Haus ein?

Meine Partei veröffentlichte tausende Statements, wir machten Pressekonferenzen zu dieser Flüchtlingskrise, aber wir verstanden bald: Es hilft nichts. Die Lage dieser Flüchtlinge wird durch unsere Deklarationen nicht verbessert. Also brachten wir Essen und Getränke zu den Bahnhöfen. Dann fragte meine Frau, welche Hilfe noch gebraucht würde. Die Antwort war: Unterkunft wäre wunderbar. Wir hatten eine kurze Diskussion in der Familie und dann handelten wir. Seither laden wir acht bis zehn Leute pro Tag ein. Sie bleiben für eine Nacht.

Und das passiert jetzt?

Genau. Jetzt, während wir sprechen, warte ich auf vier Frauen und vier Kinder aus Eritrea.

Und Sie machten es in der ungarischen Presse öffentlich?

Nein, wir wollten das von der Politik trennen. Das ist meine private Geschichte. Aber als ich gestern Abend zwei Afghanen vom Budapester Südbahnhof abholte, wurde ich von Journalisten gefilmt und danach gefragt, was ich da mache. Und ich möchte auch kein Geheimnis daraus machen.

Die Regierung behauptet, diese Menschen, die nun über die Balkanroute nach Ungarn kommen, seien eine Gefahr für Ihr Land und für ganz Europa. Fühlen Sie sich bedroht?

Aber nein, überhaupt nicht. Diese Leute wurden registriert, wir machen hier nichts Illegales.

Noch nicht, aber das ungarische Parlament wird demnächst die Asylgesetze so weit verschärfen, dass auch Hilfe für Flüchtlinge zum kriminellen Akt wird.

Wenn es illegal wird, die Kleider der Flüchtlinge zu waschen und ihnen ein anständiges Frühstück zu geben, dann werde ich diese Gesetze brechen. Dann werde ich eben zum Verbrecher. Aber ich glaube nicht, dass solche Verschärfungen bei der Mehrheit der Bevölkerung auf Verständnis stossen. Die ungarische Regierung versteht die Bedeutung von «Menschlichkeit» nicht.

Haben Sie eine Erklärung, warum tausende Menschen nun vor dem Budapester Ostbahnhof im Freien, ohne jede Versorgung leben müssen?

Ich würde Ihnen gerne eine Erklärung geben. Aber ich habe keine. Ungarn ist nicht das reichste Land der EU. Aber um eine normale Unterkunft zur Verfügung zu stellen, mit Wasser, Toiletten, dazu bräuchte es keine riesige Anstrengung der Regierung. Sie will es nicht tun. Ganz bewusst. Das ist nicht akzeptabel. Diese Regierung bezeichnet sich als christlich. Aber Flüchtlinge sind in den Augen Gottes doch nicht anders als Ungarn. Sie sind zuerst einmal Menschen. Glaube, Nationalität spielen doch keine Rolle. Wir müssen nur die Lektion aus unserer eigenen Geschichte lernen. Wenn wir nicht helfen, wenn andere in Schwierigkeiten stecken, wer wird uns helfen? Niemand. Das Leben schützen muss oberste Priorität jeder Regierung sein.

Wenn die Regierung die Flüchtlinge nicht will, warum öffnet sie nicht den Bahnhof und lässt sie alle in den Westen fahren?

Die Ungarn gehören zu den konservativsten Völkern in Europa und sie glauben, dass alle anderen Völker ihre Feinde sind. Die Mehrheit der Ungarn hat Angst vor den Flüchtlingen und der Premierminister, der von der rechtsextremen Jobbik bedrängt wird, möchte Wählerstimmen gewinnen, indem er diese Angst schürt. Das ist die ganze Geschichte: Keine Moral, keine menschlichen Verpflichtungen. Nur politischer Profit.

Viktor Orban will politisch profitieren, indem er die Flüchtlinge im Land behält?

Genau. Er will die Spannungen steigern und dann zeigen: «Ich bin der Premierminister und nur ich kann euch beschützen».

(Es klingelt im Hintergrund): Ah, das sind jetzt die Flüchtlinge. (Zu den Flüchtlingen) Hallo allerseits, nehmt Platz, ich komme gleich.

Ich möchte Ihnen noch eine Frage stellen: Hat die ungarische Regierung nicht die Pflicht, die EU-Aussengrenze zu schützen, auch mit einem Zaun?

Die ungarische Regierung hat das Recht, die Grenze zu schützen. Aber in einer Art, die mit den andern 27 EU-Staaten abgestimmt wurde. Das ist eine Herausforderung für die gesamte Union, nicht nur für Ungarn. Und die Hauptfrage ist jetzt, ob wir bereit sind, mit den anderen Staaten zu kooperieren. Wir können dieses Problem niemals im Alleingang lösen. Wir sind nicht so stark, wie die Regierung uns glauben machen will.

Wird die Regierung den Budapester Ostbahnhof noch öffnen und die Flüchtlinge gehen lassen?

Erinnern wir uns doch an den Sommer 1989: Irgendwann wurde der Druck der DDR-Bürger in Ungarn so stark, dass sie die Regierung ausreisen lassen musste. Und so wird es jetzt auch sein. Vielleicht dauert es noch ein paar Tage, vielleicht eine Woche. Aber am Ende des Tages sind die Menschen stärker als gesetzliche Regulierungen. Die Regierung wird die Zäune niederreissen und die Menschen ziehen lassen müssen.

Was werden Sie nun mit Ihren Gästen machen?

Zuerst muss ich sie zählen: Eins, zwei,...zehn. In einer halben Stunde werden wir gemeinsam essen, dann können sie duschen und gegen Mitternacht gehen wir alle schlafen.

Wollen Ihre Gäste Asyl in Ungarn?

Ich habe niemanden, wirklich niemanden getroffen, der in Ungarn bleiben will. Alle wollen nach Deutschland. Nur die erste Familie, die wir aufgenommen hatten, wollte zu ihren Verwandten nach Grossbritannien. Das ist kein Problem für Ungarn, das geht ganz Europa an.

Erstellt: 02.09.2015, 21:33 Uhr

Ferenc Gyurcsany

Ferenc Gyurcsany war Parteichef der ungarischen Sozialisten und Regierungschef von 2004 bis 2009 und ist heute Vorsitzender der Oppositionspartei «Demokratische Koalition». Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs war der 1961 geborene Gyurcsany in führender Funktion im kommunistischen Jugendbund, danach wurde er einer der reichsten Geschäftsleute des Landes.

Nach dem Einstieg in die Politik konnte er als erster Regierungschef nach der Wende eine zweite Amtszeit durch eine Wahl gewinnen. 2006 gelangte eine Geheimrede vor dem Parteivorstand an die Öffentlichkeit, in der er in derben Worten zugab, im Wahlkampf und davor die Situation des Staates beschönigt und die Wähler belogen zu haben. Bei den folgenden Strassenprotesten unter der Führung rechtsradikaler Gruppen wurde das Gebäude des staatlichen Radios verwüstet. Die Polizei ging gegen die Demonstranten besonders brutal vor.

Gyurcsany trat 2009 zurück und ein Jahr später aus der sozialistischen Partei aus. Er gründete ein Jahr später seine eigene Partei, die «Demokratische Koalition».

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