«Ihr kommt hier nicht durch!»

Die spanischen Behörden gehen entschlossen gegen das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien vor. Ihnen schallt ein Schlachtruf der Franco-Gegner entgegen.

Die spanische Polizei geht energisch gegen die Separatisten vor. An mehreren Orten kommt es zu Handgemengen. (Video: Tamedia/Marc Chéhab/AP)

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Die Aktion dauert knapp 20 Minuten: 17 Mannschaftswagen der nationalen Polizei fahren mit Blaulicht vor der Jesuskind-Schule in Barcelonas Stadtteil Sant Gervasi vor, das Ende der Kolonne bilden zwei leuchtend gelbe Notarztwagen. Es regnet in Strömen. Eine halbe Hundertschaft in schwarzer Kampfmontur, die Helme aufgesetzt, die Schild in Position, nimmt Aufstellung in der Travessera de Gràcia, gegenüber mehreren Hundert Demonstranten, die singend den Eingang zur Schule blockieren.

Der Einsatzleiter hält mit ruhiger Stimme eine kurze Ansprache auf Spanisch: «Wie alle wissen, ist diese Abstimmung illegal. Ich bitte Sie höflichst, den Weg freizumachen, damit wir unseren Auftrag ausführen können!» Ansonsten müsse er seine Leute bitten, den Weg frei zu machen. Der Mann zeigt auf zwei seiner Polizisten, die mit Gewehren zum Abschuss von Tränengaspatronen bewaffnet sind.

Bilder: Abstimmungsschlacht in Katalonien

Von hinten sind Pöbeleien zu hören, «uniformierte Nutten!», rufen ein paar junge Männer. Doch ihre Stimmen verlieren sich in dem Chorus, den die Menge anstimmt: «No pasarán!» (Ihr kommt hier nicht durch!), der legendäre Schlachtruf gegen Francos Truppen im Spanischen Bürgerkrieg. Barcelona stand damals auf Seiten der Republik.

Wahllokale «deaktivieren»

Der Auftrag der Polizei ist klar: die Wahllokale «deaktivieren», wie es ein Sprecher des Innenministeriums in Madrid nannte. Sie sollen die Wahlurnen und Stimmzettel beschlagnahmen. Das Verfassungsgericht hatte das Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens für illegal erklärt. Eine ganze Reihe von Urteilen verpflichtete in der Folge die Behörden, alle erforderlichen Schritte unternehmen, um die Abstimmung zu blockieren.

Mariano Rajoys konservative Regierung in Madrid beordete in den letzten zwei Wochen mehrere Tausend Polizisten aus anderen Regionen Spaniens nach Katalonien, da sie sich nicht auf die Regionalpolizei, die Mossos, verlassen wollte. Diese bekamen wiederum von Carles Puigdemonts Regionalregierung in Barcelona die Anweisung, sich auf gar keinen Fall dem Druck Madrids zu beugen. Spanischen Medienberichten zufolge lösen die Mossos ihren Loyalitätskonflikt bislang, indem sie sich passiv verhalten.

«Rajoy ist ein Feigling»

Ada Colau, die linksalternative Oberbürgermeisterin von Barcleona, warf bei einem Treffen mit Demonstranten Rajoy vor, monatelang den Dialog mit der katalanischen Führung verweigert zu haben. Sie gab ihm die Schuld für die Eskalation. Die Polizeigewalt beschädige das politische Bewusstsein der jungen Generation schwer. «Rajoy ist ein Feigling», erklärte sie.

Die Menge vor der Jesuskind-Schule in Barcelona versuchte ein paar Momente, den vorrückenden Polizisten standzuhalten, wich dann aber doch zur Seite. Dutzende Handys nahmen das Geschehen auf, Bilder verbreiteten sich im Nu über die sozialen Medien, auch die katalanischen Fernsehsender strahlten zahlreiche verwackelte Aufnahmen aus allen Ecken des Landes aus, die das Vorgehen der nationalen Polizeitruppe dokumentieren.

In dem Schulgebäude brachten die Polizisten die Wahlurnen und die Stimmzettel an sich und nahmen die Personalien des Wahlvorstands auf. Eine Richterin in Madrid hatte auf Antrag der Zentralregierung jedem, der sich an der Durchführung des Referendums beteiligt, ein Bussgeld in Höhe von 3000 Euro angedroht.

Wahlergebnis mit allen Mitteln verhindern

Seit Wochen hatten die nationale Polizei und wohl auch der spanische Geheimdienst nach den Wahlurnen gesucht. Am Freitag erst hatte die Führung in Barcelona ein Exemplar präsentiert. Die Urnen sind transparent, versehen sind sie mit dem Logo der Regierung Kataloniens, hergestellt wurden sie angeblich in China.

Begleitet von einem Pfeifkonzert der Menge verliessen die Polizisten die Jesuitenschule, die beschlagnahmten Materialien waren in schwarzen Plastiksäcken verstaut. Dann fuhr die Kolonne weiter, vermutlich zum nächsten Wahllokal. Allein für Barcelona waren 163 bekanntgegeben worden.

Um elf Uhr erklärte ein Sprecher der Regierung in Barcelona, dass noch 63 Prozent der Wahllokale in der gesamten Region geöffnet seien. Am Vortag hatte allerdings die Guardia Civil, die nationale Polizeitruppe, das Rechenzentrum der Regionalregierung in Barcelona besetzt. Auf diese Weise sollte offenbar verhindert werden, dass ein Wahlergebnis ermitteln werden kann.

Demonstranten zeigen Wunden und blaue Flecken von Gummigeschossen

In einem Grossteil von ihnen nicht nur in der Metropole, sondern auch in vielen anderen Städten und Gemeinden hatten Gruppen von Bürgern in der Nacht zum Sonntag darüber gewacht, dass sie nicht von der nationalen Polizei besetzt und versiegelt würden. Offiziell waren in den Schulen und Gemeindezentren, die als Wahllokale vorgesehen waren, Kulturnächte angesetzt: Lesen, Basteln, Filmvorführungen, Singen, Konzerte, Theater. Viele der Teilnehmer an den «Kulturnächten» kamen mit Schlafsäcken, auch hatten sie für Verpflegung gesorgt. Doch am frühen Sonntagvormittag fuhren an vielen Orten Polizeiwagen vor.

Aus der Grossstadt Girona im Nordteil der Region wurde berichtet, dass die Wagenkolonne Puigdemonts von rund 50 Polizisten an der Fahrt zu seinem Wahllokal gehindert wurde. Puigdemont war früher Bürgermeister der Stadt, sie gilt als Hochburg der Catalanistas, die für die Sezession vom Königreich Spanien eintreten. Er wählte später unbehelligt in einem Nachbarort.

Video: Polizei geht gegen Abstimmung vor

Video: Reuters

Aus mehreren Orten wurde von Prügeleien zwischen Polizisten und Demonstranten berichtet, Bilder von blutüberströmten Personen verbreiteten sich in den Medien. Vor der Schule in der Gnadenstrasse wurde eine blutüberströmte ältere Frau von Fernsehreportern interviewt. Offenbar hatte sie einen Schild eines Polizisten ins Gesicht bekommen. Schlagstöcke waren dort nicht zum Einsatz gekommen.

Aus mehreren Orten kamen nach Berichten des katalanischen Fernsehens Gummigeschosse zum Einsatz. Demonstranten zeigten die Wunden und blauen Flecken, die die Geschosse verursacht hatten.

Der sichtlich besorgte Fahrer eines der Notarztwagen vor der Jesuitenschule schüttelte den Kopf: «Das alles hier macht die Lage nur viel schlimmer.» Ein Regierungssprecher im fernen Madrid erklärte dazu: «Es ist ein Tag, der als Sieg des Rechtsstaats und der Demokratie in die Geschichte eingehen wird.» (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 01.10.2017, 13:38 Uhr

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