Unten gegen oben – und alle gegen Macron

In Paris spielten Tausende Guerilla, von Anfang an flogen Steine. Die Demonstranten verbindet nur eines: die Wut auf den Präsidenten.

Im Zentrum von Paris brennen nach den Protesten gegen Präsident Macron Autos. Video: AP, AFP, SDA, Storyful

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Wenn Menschen in Westeuropa auf die Strasse gehen, verläuft das für gewöhnlich so: Jemand meldet eine Demonstration an, alle marschieren auf der vereinbarten Route, am Ende kommt es zu Prügeleien mit der Polizei, und unter den gegenseitigen Schuldzuweisungen, wer zuerst provoziert habe, geht der Anlass des Protests unter. Die Krawalle in Paris brechen mit dieser Logik. Schon morgens flogen Steine und Tränengasgranaten. Es gab keine Sprechchöre und Plakate, es gab keinen Demozug, dem man sich anschliessen konnte. Stattdessen spielten Tausende Guerilla. Die Proteste gerieten nicht ausser Kontrolle – sie hatten gar nicht erst kontrolliert begonnen.

Das Chaos in den Strassen illustriert dabei das Chaos in den Köpfen. Was wollen diese Menschen in Warnwesten? Wer sind sie? In den Antworten auf diese Fragen lässt sich nicht das klare Bild einer Bewegung erkennen, sondern das Bild einer Gesellschaft, die zerfasert.

Einer der ältesten Kämpfe

Das Feindbild der Demonstrierenden ist schnell benannt: Emmanuel Macron, Präsident im zweiten Amtsjahr. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, die Reichensteuer abzuschaffen. Es ist eine Entscheidung, die ihn jetzt mit Wucht einholt. Auch wenn der Protest von einer Benzinsteuer ausgelöst wurde, die in Teilen eine Ökowende finanzieren soll, wäre es Unsinn, von antiökologischen Protesten zu sprechen. Es geht nicht um die Frage, ob man für oder gegen eine Umweltpolitik ist, es geht darum, wer diese Politik finanzieren soll. Der ökologische Fussabdruck der zehn reichsten Prozent der Franzosen ist viermal so gross wie jener der 50 Prozent, die zur ärmeren Hälfte des Landes gehören. Es schürt den Zorn, dass Macron bei Letzteren ansetzt, nicht bei Ersteren.

Wer sich in diesen Tagen eine gelbe Weste überzieht, inszeniert einen der ältesten Kämpfe: unten gegen oben. Diese Trennlinie verläuft nicht so eindeutig, wie teils behauptet wird. Doch die klare Überzeugung, David zu sein, während Macron den Goliath markiert, erklärt, warum viele der Westenträger so wenig von ihrem Zorn abzubringen sind und warum laut einer Umfrage eine Mehrheit der Franzosen Sympathien für die «gilets jaunes» empfindet.

Linke und Rechte gehen gemeinsam auf die Strasse

Dieser Kampf «Volk gegen Präsident» findet in einer Art politischem Vakuum statt. Die Menschen mit den Westen sind zu unterschiedlich, um gemeinsame Forderungen formulieren zu können. Sie sind zu aufgebracht und, was Protest betrifft, zu unerfahren, um sich in lange Verhandlungsprozesse begeben zu können. So orientierungslos und provozierbar, wie sie an diesem Wochenende durch Paris irrten, so entwurzelt sind sie in ihren politischen Überzeugungen.

Zum ersten Mal in Frankreichs Fünfter Republik gehen Linke und Rechte gemeinsam auf die Strasse. Das ist nicht die viel beschworene «convergence des luttes», das Zusammenfliessen der Widerstände. Es ist die verspätete Quittung der völlig gescheiterten sozialdemokratischen Präsidentschaft des Macron-Vorgängers François Hollande. Der Klassenkampf ist zurück, und eine gemässigte Linke hat in ihm keinen Platz mehr. Die nationalistische Rechte hingegen schon.

Die Bewegung der Westenträger spiegelt wie eine verzerrte Fratze die versöhnenden Gesten Macrons. Ich bin weder links noch rechts, sagt der Präsident. Wir auch nicht, brüllt die Strasse zurück. Macron inszeniert sich in seiner Abkehr von den politischen Lagern als pragmatischer Modernisierer. Die Menschen an Strassensperren und Barrikaden haben wie ihr Präsident das Vertrauen in die Volksparteien verloren. Doch in ihrer Enttäuschung wenden sie sich nicht Macron zu – sie wehren alles ab, was nach übergeordneter Autorität klingt. Übrig bleibt eine destruktive Kraft, ohne klare Richtung. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.12.2018, 08:38 Uhr

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