Das Elend mitten in Paris

Immer mehr Flüchtlinge campieren im Zentrum der französischen Hauptstadt. Die Bürgermeisterin will jetzt Schluss machen mit dieser Situation.

Flüchtlinge haben beim Boulevard Barbès im 18. Pariser Arrondissement ihr Zelt aufgeschlagen. Foto: Wayne Tippetts (Alamy Stock Photo)

Flüchtlinge haben beim Boulevard Barbès im 18. Pariser Arrondissement ihr Zelt aufgeschlagen. Foto: Wayne Tippetts (Alamy Stock Photo)

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Mohamed Ahmed hat Zuflucht vor dem strömenden Regen unter dem Dach einer Bushaltestelle gefunden. Der 28-jährige Sudanese lebt seit einigen Wochen auf dem Mittelstreifen der Avenue de Flandre im 18. Arrondissement von Paris. Er schläft auf einer alten, dreckigen Matratze, die er notdürftig mit Plastiktüten und Kartons bedeckt hat, damit sie der Regen nicht durchweicht. Ein Zelt hat er nicht. Aber bislang war es warm, und das grösste Problem bestand darin, Wasser zu bekommen. In den Parks, auf den Spielplätzen der Umgebung hat die Stadt die Wasserhähne abdrehen lassen, um zu verhindern, dass sich Flüchtlinge niederlassen. Aber sie haben keine andere Wahl. Freiwillige Helfer bringen deshalb Flaschen oder Container mit Wasser vorbei.

Mohamed Ahmed war zuvor Monate im sogenannten Dschungel von Calais. Doch den Traum, nach Grossbritannien zu gehen, hat er längst aufgegeben. «Es ist unmöglich, man kommt nicht mehr rüber», sagt er. Inzwischen hat er einen Asylantrag in Frankreich gestellt. Eine Unterkunft ist ihm trotzdem nicht zugewiesen worden. Er lebt wie viele andere auf der Strasse. Die Hälfte der Asyl­antragsteller, so schätzt Pierre Henry, Chef der Hilfsorganisation France Terre d’Asile, haben in Frankreich kein Dach über dem Kopf.

Die wilden Zeltstädte

Seit Sommer letzten Jahres campieren Flüchtlinge im Zentrum der französischen Hauptstadt, entlang des Kanals Saint-Martin, an der Place Stalingrad, unter Hochbahnbrücken oder wie Mohamed Ahmed auf dem Mittelstreifen der Avenue de Flandre. Wie viele es sind, weiss niemand so genau. Hunderte hier, Hunderte dort. Immer wieder werden sie von der Polizei vertrieben. Allein seit Anfang des Jahres gab es 27 Razzien. Die wilden Zeltstädte werden aufgelöst, weniger später erstehen sie anderswo oder an derselben Stelle neu.

Auf 60 bis 100 wird die Zahl derer ­geschätzt, die täglich in Paris eintreffen. Einige von ihnen sind auf der Durchreise, andere wollen bleiben. Doch anders als die Bilder vom Dschungel in Calais, die die Franzosen nur aus dem Fernsehen kennen, ist das Elend der Flüchtlinge mitten in Paris unübersehbar. Es sind aber vor allem Anwohner oder private Hilfsorganisationen, die versuchen, die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Seit Juni vergangenen Jahres hat die Stadt Paris 15'700 Flüchtlingen eine Bleibe besorgt, aber der Staat blieb bislang passiv.

Hunderte hier, Hunderte dort. Immer wieder werden Flüchtlinge von der Polizei vertrieben.

Die Bürgermeisterin von Paris will jetzt Schluss machen mit dieser Situation. Anne Hidalgo wiederholt seit Monaten, dass man nicht länger zusehen könne, wie Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen mitten in der Stadt campierten. Ihr erster Versuch, eine kleine Containerstadt im Bois de Boulogne zu errichten, scheiterte am heftigen Widerstand der Anwohner. Die Bewohner des feinen 16. Arrondissements konnten sich mit der Idee nicht anfreunden, dass sie ihre Parkanlage mit Flüchtlingen teilen müssen. Herren in Anzügen und ältere Damen in Kostümen verloren auf einer Bürgerversammlung die Contenance und bezeichneten Hidalgo als «Diebin» und «Schlampe», die Präfektin Sophie Brocas wurde als «brosse à caca» beschimpft, als Toilettenbürste. Hidalgo brach ein und brachte dort Obdachlose unter. Ein Aufnahmezentrum südlich von Paris, in dem noch keine Flüchtlinge untergebracht waren, ging Anfang des Monats in Flammen auf. Es wird wegen Brandstiftung ermittelt.

Hidalgo aber hat Anfang September angekündigt, zwei humanitäre Erstaufnahmecamps in Paris einzurichten und bis Mitte Oktober zu eröffnen. Das eine, am Boulevard Ney im äussersten Norden von Paris gelegen, soll auf dem Gelände eines stillgelegten Eisenbahndepots der SNCF entstehen und 400 Personen für fünf bis zehn Tage aufnehmen und versorgen können. Bis Ende des Jahres soll die Zahl der Plätze auf 600 anwachsen. Es wird Waschräume, ein Restaurant und Aufenthaltsräume geben. Die Hilfsorganisation Emmaüs wird die Versorgung mit Kleidung übernehmen und ­Hygienekits verteilen.

Arbeiten auf Hochtouren

Hidalgo will das Zentrum als eine erste Anlaufstelle verstanden wissen, wo unter «menschenwürdigen Bedingungen» der Asylanspruch geprüft werden soll. Man werde sich um medizinische und psychologische Erstversorgung kümmern. Anschliessend will man die Flüchtlinge in feste Unterkünfte weitervermitteln. Ein zweites Zentrum für Frauen und Kinder wird in einer ehemaligen Wasseraufbereitungsanlage im Vorort Ivry-sur-Seine entstehen.

Wer das sechs Hektaren grosse Gelände am Boulevard Ney besucht, stellt fest, dass die Arbeiten dort auf Hochtouren laufen. In kürzester Zeit soll alles fertig sein. Hidalgo setzt deshalb auf «ephemere Architektur», zumal auf dem Gelände demnächst ein Universitätsableger geplant ist. Die 5000 Quadratmeter grosse Lagerhalle wird deshalb mit mobilen Wohneinheiten ausgestattet, die in verschiedenen Ateliers in Frankreich angefertigt werden. Der Architekt Julien Beller, spezialisiert auf ephemere – also kurzlebige – Architektur, sagt, es sei für ihn eine enorme Herausforderung, «so schnell und mit relativ bescheidenen Mitteln eine so symbolische Struktur auf die Beine zu stellen». Er arbeitet schon länger an Projekten, die er als «informelle Städte» und «urbane Akupunktur» versteht. Auf dem Vorplatz des ehemaligen Bahndepots wird in einer riesigen, 1000 Quadratmeter grossen Stoffblase eine Art Réception entstehen. Es ist der deutsche Künstler und Architekt Hans-Walter Müller, der damit beauftragt wurde. Müller ist bekannt für seine «aufblasbaren» Konstruktionen, die durch Luftdruck ihre Form erhalten.

Fragt man den Sudanesen Mohamed Ahmed, was sein grösster Wunsch sei, antwortet er: «Respekt.» 

Hidalgo beklagte mehrfach, dass «Europa in der Flüchtlingskrise nicht auf der Höhe seiner Geschichte» gewesen sei und Frankreich unfähig, die Menschen «würdevoll» aufzunehmen. Mit diesem Projekt musste sich Hidalgo sogar gegen den Widerstand der Regierung und ihrer eigenen sozialistischen Parteifreunde durchsetzen. Inzwischen übernimmt der Staat 20 Prozent der 6,5 Millionen Euro, die der Aufbau beider Zentren kosten wird. Die täglichen Unterhaltskosten werden bei 40 Euro pro Person liegen.

Anwohnerproteste sind eher unwahrscheinlich. Das Depot liegt eingeklemmt zwischen Bahnlinien, Autobahnzubringer und Lagerhäusern an einem mehrspurigen Boulevard.

Wenn man den Sudanesen Mohamed Ahmed fragt, was sein grösster Wunsch sei, antwortet er: «Respekt.» Die beiden Zentren, die in Paris entstehen, könnten ein Anfang dafür sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2016, 23:32 Uhr

Anne Hidalgo, Bürgermeisterin von Paris. Foto: PD

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