Das Ende nicht bedacht

Angela Merkel ist seit zehn Jahren Kanzlerin. In der Flüchtlingskrise geht sie ein hohes Risiko ein – für Deutschland und für sich selbst.

Die Hoffnungen ruhen auf der Kanzlerin: Ein Flüchtling hält im Wiener Hauptbahnhof ein Porträt von Angela Merkel in die Höhe. Foto: Dominic Ebenbichler (Reuters)

Die Hoffnungen ruhen auf der Kanzlerin: Ein Flüchtling hält im Wiener Hauptbahnhof ein Porträt von Angela Merkel in die Höhe. Foto: Dominic Ebenbichler (Reuters)

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Was ist über Angela Merkel nicht schon alles geschnödet worden! Emotions-, ideen- und mutlos sei sie, scheue jedes Risiko. Sie wäge wichtige Entscheide ­wochenlang ab, ändere ihre Position nur millimeterweise, entscheide nur, wenn es wirklich nicht mehr anders gehe, und teile den Entschluss dann in Nebensätzen mit. Es fehle ihr an festen Überzeugungen, an Visionen sowieso, und in ­Krisen sei sie nur souverän, weil sie sich allen Umstürzen geschmeidig anpasse.

Und nun das. Nach der Sommerpause kehrte Merkel als Flüchtlingskanzlerin nach Berlin zurück, bewegt und verändert. Vor der Hauptstadtpresse sprach sie, die sonst so grau und spröde wirken kann, beseelt von flüchtenden Menschen und ihren Schicksalen, die sich Deutsche in der Regel gar nicht mehr vorstellen könnten. Leuchtend schwor sie ihr Land auf eine historische Ausnahmesituation ein, vergleichbar nur mit den Umbrüchen in der Geschichte ihres Landes, der Wiedervereinigung zum Beispiel. Mit Verve forderte sie eine Kraftanstrengung der ganzen Nation, um die riesige Aufgabe zu bewältigen, aus Hunderttausenden kulturfremder Menschen Deutsche zu machen. Gründlichkeit sei normalerweise «super», aber jetzt sei Flexibilität gefragt. Und dann kam der Satz, der seither als Merkels ­Losung gilt, obwohl er keineswegs als Prophezeiung gedacht war, viel eher als Ermunterung nach schwerem Beginn: «Wir schaffen das.»

Merkels Rhetorik folgte die Tat. Als die flüchtenden Menschen begannen, zu Tausenden durch Ungarn zu strömen, und sich endlich an der österreichischen Grenze in zunehmender Verzweiflung stauten, fällte Merkel am späten Abend des 4. September einen folgenschweren, beherzten, emotionalen Entscheid. Deutschland öffnet die Arme und heisst alle Flüchtlinge willkommen. Stimmen aus ihrem Umfeld berichten, die Fernsehbilder hätten die Kanzlerin erschüttert. Sie erinnerten die Ostdeutsche an die historischen Bilder der Wendezeit, als in Prag Tausende DDR-Bürger in die westdeutsche Botschaft geflüchtet waren und auf die Ausreise in die BRD hofften. Und Merkel wurde bewusst, dass Deutschland in dieser Notlage die Menschen nicht im Stich lassen konnte und erneut mutig vorausgehen musste. Merkel, die verhöhnte Superpragmatikerin, zeigte fast nebenbei, auf welchen Werten sie unbeugsam besteht: Menschlichkeit und Freiheit.

Eben noch mit Hitlerschnauz

Der Wandel kam überraschend, fast abrupt. Noch Mitte Juli hatte Merkel vor laufenden Kameras in einem beamtenhaften Auftritt ein palästinensisches Mädchen zum Weinen gebracht, weil sie ihm nicht versprechen wollte, dass es in Deutschland bleiben könne – so seien die Asylregeln nun mal. Nun umarmte sie ganz Syrien. Die Deutschen staunten über die Verwandlung ihrer Kanzlerin, noch mehr aber die Welt. Eben erst war die mächtigste Politikerin des Kontinents im Streit um die Zukunft Griechenlands als finstere Führerin mit Hitlerschnauz und Hakenkreuz karikiert worden, vor allem im Süden Europas. Nun setzten ihr dieselben Leute einen Heiligenschein auf, nannten sie «Mutter Theresa der Flüchtlinge» und «moralische Führerin Europas». Die Flüchtlinge in München skandierten ihren Namen und schwenkten ihr Porträt, in Syrien wurde ihr der Ehrenname «mitfühlende Mutter» verliehen. Und diejenigen, die in der Eurokrise beklagt hatten, Deutschland führe sich als übler Hegemon auf und verfolge nur seine wirtschaftlichen Interessen, lobten nun, dass Berlin mutig vorangehe, während ganz Europa sich vor der Verantwortung wegducke.

Dass dieses Heiligenbild nicht Bestand haben würde, war voraussehbar. Während immer noch mehr Flüchtlinge nach Deutschland drängten, der Ausnahmezustand immer offensichtlicher wurde, wuchsen im Land die Zweifel: Schaffen wir das? Oder löst sich Deutschland auf, wie die «Frankfurter Allgemeine» unkte? Schafft es sich ab, wie der unvermeidliche Thilo Sarrazin verzweifelt frohlockte? Nach zehn tumulthaften, hoffnungsfrohen Tagen war es am Samstagabend so weit: Merkel kapitulierte. Deutschland schliesst seine ausgebreiteten Arme wieder, wenigstens ein bisschen, wenigstens symbolisch. Die Losung «Wir schaffen das» gelte nach wie vor, richtete ihr Sprecher am Montag aus, aber niemand habe versprochen, man schaffe es über Nacht. Auf einmal klingt es wie Pfeifen im Walde.

Wer Hoffnungen in Merkel, die Mitfühlende, gesetzt hatte, ist nun ernüchtert oder konsterniert. Die radikalrationale Physikerin, die immer erst entscheidet, wenn sie alle Möglichkeiten bis in alle Einzelheiten abgewogen hat, muss sich nun vorwerfen lassen, sie habe für einmal die Dinge nicht von ihrem Ende her gedacht. Sie habe sich von Emotionen leiten lassen statt von der Vernunft, gleich zweimal hintereinander die Nerven verloren und Deutschland in ein Abenteuer gestürzt. Einer ihrer Biografen, Stefan Kornelius von der «Süddeutschen Zeitung», schrieb von der grössten «politischen Fehleinschätzung» ihrer zehn Jahre als Kanzlerin.

Die Kritiken treffen zu und wirken dennoch überzogen. Stichhaltig ist der Vorwurf, Merkel habe Hoffnungen geweckt, die Deutschland nicht erfüllen konnte. Gleichzeitig war die Wende der Wende typisch für sie. So sehr sie es verabscheut, die Kontrolle zu verlieren, so schnell passt sie sich in Krisensituationen an die neuen Erfordernisse an und revidiert ihre Positionen, notfalls radikal. Das war in der Finanz- und der Eurokrise so und auch nach Fukushima, es wird in der Flüchtlingskrise nicht anders sein. «Die Bundesregierung handelt immer so, wie die Lage es erfordert», sagte Merkels Sprecher. Die Kanzlerin hat in der Flüchtlingskrise offenkundig keinen fixen Plan, nur Verpflichtungen, Stimmungen und Ziele. Und ohne fixen Plan wird es vermutlich auch weitergehen – neue Überraschungen eingeschlossen.

Die Chance für Deutschland

Gewiss ist, dass die Aufnahme von Hunderttausenden, vielleicht Millionen von Flüchtlingen eine Generationenaufgabe ist, die Deutschland weit über Merkels Kanzlerschaft hinaus verpflichten und verändern wird. Willy Brandt war der Kanzler der neuen Ostpolitik, Helmut Kohl derjenige der Wiedervereinigung, Gerhard Schröder derjenige der Agenda 2010. Wird Angela Merkel als Flüchtlingskanzlerin in die Geschichte eingehen? Das ist gut möglich.

«Ich bin überzeugt», sagte sie vergangene Woche im Bundestag, «dass wir es nicht nur können, sondern dass wir, wenn wir es gut machen, wenn wir es mutig angehen, wenn wir nicht verzagt sind, sondern Ideen suchen, wenn wir kreativ sind, letztlich nur gewinnen können.» Der Umkehrschluss war wohl mitgedacht, mitbefürchtet.

Erstellt: 16.09.2015, 10:47 Uhr

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