Sizilien wählt Berlusconis «anständigen Faschisten»

Italiens Rechte gewinnt die sizilianischen Regionalwahlen. Die Cinque Stelle sind enttäuscht, die Linke stellt sich existenzielle Fragen.

Silvio Berlusconi (l.) bei einer Wahlveranstaltung mit Nello Musumeci in Catania, Sizilien. Foto: Antonio Parrinello (Reuters)

Silvio Berlusconi (l.) bei einer Wahlveranstaltung mit Nello Musumeci in Catania, Sizilien. Foto: Antonio Parrinello (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Politikverdrossenheit lässt sich in Zahlen messen. In Sizilien, einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit und chronisch ineffizienter Verwaltung, sind am Sonntag nur 46,5 Prozent der 4,6 Millionen Stimmberechtigten in die Wahllokale gegangen – so wenige wie noch nie in der Geschichte. Dabei hatte es geheissen, dass diese Regionalwahlen auf der Insel gewissermassen dem ganzen Land den Weg in die Zukunft weisen würden. Die Sizilianer sagen «Continente», wenn sie den Rest Italiens meinen. Der Kontinent scheint oft weit entfernt zu sein. Diesmal nicht. Doch auch die grosse nationale Aufmerksamkeit vermochte nicht zu mobilisieren.

Neuer Gouverneur Siziliens wird Nello Musumeci. Man nennt ihn «Fascista perbene», einen anständigen Faschisten, weil er zwar aus der schwarzen Ecke kommt, für Ordnung und Disziplin steht, sich aber immer ausgewählt ausdrückt und es mit allen kann. Musumeci gewann die Wahl mit ungefähr 40 Prozent der Stimmen. Er wurde von der gesamten Rechten getragen, die für einmal zusammenfand. Zum Sieg trug Silvio Berlusconis Partei Forza Italia am meisten bei. Musumeci war zunächst zwar nicht Berlusconis Wunschkandidat gewesen. Doch dieser erkannte die Chancen des 62 Jahre alten früheren Provinzpräsidenten und bewarb ihn mit Auftritten in Palermo und Catania. Auch Linke wählten Musumeci.

Versetzter Renzi

Für die Protestpartei Cinque Stelle ist der Wahlausgang eine grössere Enttäuschung. Im Sommer hatte ihr Kandidat, Giancarlo Cancelleri, noch als schier unschlagbar gegolten. Alle Granden der Partei bereisten die Insel, um ihn zu unterstützen: Beppe Grillo war zweimal da; Luigi Di Maio, der Spitzenkandidat bei den kommenden Parlamentswahlen, verbrachte gar mehrere Wochen in Sizilien. Sie versuchten, die Wahl zu einer Art Referendum hochzustilisieren: für oder wider das alte System. Die Fünf Sterne rechneten sich aus, dass sie viele Wahlmüde aus ihrer Lethargie wecken könnten. Doch das gelang nicht. Cancelleri lag am Ende rund 5Prozentpunkte hinter Musumeci.

Bitter ist die Niederlage für die Linke. Sie konnte sich nicht auf einen Kandidaten einigen und trat mit zweien an. Doch selbst wenn man die Stimmen der beiden zusammenzählt, liegt die Linke weit hinter der Rechten und den Cinque Stelle. Wahr ist: Die Linke war noch nie stark in Sizilien. Vor fünf Jahren gewann sie nur (und nur sehr knapp), weil sich die Rechte gespalten präsentierte. Dennoch gerät nun Matteo Renzi in die Kritik, der Chef des regierenden sozialdemokratischen Partito Democratico. Man wirft ihm vor, er habe die Partei zu weit nach rechts getragen und polarisiere mit seiner ruppigen Art.

In der Partei gibt es nun Stimmen, die seine Rolle als Spitzenkandidat hinterfragen, die er sich bei Urwahlen im Frühjahr gesichert hatte. Noch gibt sich Renzi gelassen: Seinen linken Gegnern vom Movimento Democratico e Progressista, die sich vom Partito Democratico losgelöst haben und ihn nun bekämpfen, bietet Renzi ein Wahlbündnis an. Wenn sie das wollten, rief er ihnen zu, könne man neue Primärwahlen veranstalten. Renzi würde sie wohl wieder gewinnen.

Der Nimbus des Siegreichen ist aber weg, das Feeling mit dem Volk ebenfalls. Das merkt auch die Konkurrenz. Für Dienstagabend war vorgesehen, dass sich Renzi und Di Maio von den Fünf Sternen in einem TV-Streitgespräch direkt messen. Es wäre eine Premiere gewesen. Doch Di Maio sagte ab. Er möge sich nicht mit jemandem streiten, schrieb er auf Facebook, von dem man nicht einmal wisse, ob er noch Herr im eigenen Haus sei. Renzi antwortete trocken und auf Twitter: «Ein Leader flieht nicht. Wir sehen uns morgen.» Er werde im Studio sein.

Erstellt: 06.11.2017, 22:00 Uhr

Artikel zum Thema

Exzentrischer Scherz

Kommentar Wenn der Eindruck aus Sizilien nicht täuscht, dann geht kein Weg am Rückkehrer Berlusconi vorbei. Mehr...

Berlusconi ist zurück

Reportage Der frühere Premierminister nutzt die Regionalwahlen in Sizilien für seine Rückkehr in die italienische Politik. Sie sind ein bisschen wie Glücksspiel. Mehr...

Silvio Berlusconi ist plötzlich lammfromm

Video Italiens Ex-Premier gibt den Tierschützer und Vegetarier – allerdings nicht ganz zufällig. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Weisse Pracht: Schneebedeckte Chalet-Dächer in Bellwald. (18. November 2019)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...