Das Gefängnis mit eigener Waffenschmiede

Die griechische Regierung will das grösste Gefängnis des Landes schliessen. Es ist zu gefährlich – für Insassen und Wärter wie für Nachbarn.

Das Hochsicherheitsgefängnis von Korydallos soll einem grossen Park weichen. <nobr>Foto: Petros Giannakouris/AP/Keystone</nobr>

Das Hochsicherheitsgefängnis von Korydallos soll einem grossen Park weichen. Foto: Petros Giannakouris/AP/Keystone

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Pokertische mit Casinobeleuchtung, eine Cafeteria, die ­Espresso und Crêpes servierte – es gibt fast nichts, was es im Hochsicher­heitsgefängnis von Korydallos bei Athen nicht schon gegeben hat. Korydallos ist das grösste Gefängnis Griechenlands, und es ist notorisch überbelegt.

Im Mai fand man bei einer ausserordentlichen Kontrolle eine gut ausgestattete Waffenschmiede. Ermittler fürchten, dass Häftlinge sich auch Nachschlüssel zu den Zellen fertigen konnten. Von Ausbrüchen wird immer wieder berichtet, der spektakulärste fand mit einem Helikopter statt. Das war im Jahr 2009, ist aber bis heute ­unvergessen, weil derselbe ­Häftling, ein Bankräuber und Entführer, drei Jahre zuvor schon einmal mit einem Helikopter per Direktflug aus Korydallos das Weite gesucht hatte.

Die «Korydallos-Mafia»

Nach dem von den Nachbarn ­gefilmten hollywoodreifen Husarenstück forderte der lokale Bürgermeister Stavros Kasimatis die Schliessung des Gross­gefängnisses, das mitten im Häusermeer liegt und damit ein Sicherheitsrisiko darstelle. Wie es aussieht, könnte sein Wunsch jetzt erhört werden. Die neue konservative Regierung von Kyriakos Mitsotakis, der das Par­lament inzwischen das Vertrauen ausgesprochen hat, will das ­griechische Alcatraz auflösen, die Häftlinge in neuen Anstalten unterbringen und in Korydallos einen grossen Park errichten.

«Unser grösstes Problem ist der psychologische Druck», sagt die Gefängnisdirekto­rin. Die Beamten würden ständig bedroht und oft angegriffen. Foto: Petros Giannakouris/AP/Keystone

Offenbar sieht man keine Chance mehr, der Gesetzlosigkeit hinter Gittern anders Herr zu werden. Anfang des Jahres gab es innerhalb weniger Tage zwei Tote, die Männer sollen von anderen Häftlingen ermordet worden sein. Ermittler sprachen von einer «Korydallos-Mafia». Auch Erpresser waren schon am Werk. Sie verlangten mithilfe von Komplizen Schutzgeld von Verwandten reicher Mithäftlinge. Zum Beispiel vom einstigen Chef der Rüstungsabteilung im Verteidigungsministerium, der wegen Schmiergeldannahme einsitzt. «Die Lage ist hoffnungslos», sagte der Vorsitzende der Vereinigung der griechischen Gefängniswächter, Spyros Karakitsos, im Januar. Der damalige Generalsekretär des Justizministeriums nannte Korydallos gar «die Mutter der Gewalt».

Unterfinanzierte Anstalten

Gebaut wurde die Anstalt unter der Militärdiktatur, die von 1967 bis 1974 dauerte. Nach deren Ende fanden dort in einem eigenen Gerichtssaal die Prozesse gegen die Juntaführer statt, die dann in Korydallos ihre lebenslangen Strafen verbüssten. Ihr letzter Vertreter starb 2013 mit 94 Jahren. Neben gewöhnlichen Gangstern sitzen hier auch Mafiabosse ein, wegen Korruption verurteilte Politiker und Beamte sowie die Linksterroristen der Gruppe 17. November.

Die Gruppe wurde 2002 enttarnt, da hatte sie in mehr als 25 Jahren schon 23 Menschen ­ermordet. Darunter war der ­Politiker Pavlos Bakoyannis, der Vater des neuen Athener Bür­germeisters Kostas Bakoyannis. Unter einigen griechischen Anar­chisten geniesst die griechische RAF trotz ihrer Brutalität bis heute seltsame Sympathien.

Spezialeinheiten gegen Anarchisten

Als die Linksregierung von Alexis Tsipras kurz vor ihrer Abwahl noch ein Gesetz verabschiedete, das auch zu lebenslanger Haft Verurteilten dieser Gruppe nach 17 Jahren die Möglichkeit zur ­vorzeitigen Entlassung bietet, wie anderen Mördern, wurde ­sofort vermutet, sie mache dies nur, um sich ganz links aussen Stimmen zu holen.

Die neue Regierung will nun auch dieses Gesetz kippen. Zudem will sie die Polizei besser ausrüsten. Spezialeinheiten sollen verstärkt gegen Anarchisten vorgehen, die sich im Athener Szenestadtteil Exarchia zuletzt ziemlich sicher fühlten, weil die Polizei nachts lieber wegblieb.

Auch Beamte in Korydallos sorgen sich um ihre Sicherheit. Experten bemängeln, dass der Strafvollzug in Griechenland ­generell unterfinanziert sei. Menschenrechtsorganisationen kritisieren ebenso seit langem die Zustände in der alten Anstalt, die einst für 640 Häftlinge gebaut wurde, aber auch schon bis zu 2000 Gefangene beher­bergen musste. «Unser grösstes Problem ist der psychologische Druck», die Beamten würden ständig bedroht und oft angegriffen, sagte Gefängnisdirekto­rin Hara Koutsomichali schon vor gut fünf Jahren. An dieser ­Situation dürfte sich bis heute nichts geändert haben.

Erstellt: 25.07.2019, 21:08 Uhr

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