«Das Gold, das uns die Nazis wegnahmen, war viel Geld wert»

Er ermöglichte Tsipras die Parlamentsmehrheit, stieg mit 27 in die Politik ein und ist ein Liebhaber der französischen Küche: Nun bereitet der griechische Verteidigungsminister Deutschland mit seinen drastischen Forderungen Kopfzerbrechen.

Politisches Schwergewicht: Der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos adressiert das griechische Parlament. (10. Februar 2015)

Politisches Schwergewicht: Der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos adressiert das griechische Parlament. (10. Februar 2015) Bild: Alkis Konstantinidis/Reuters

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Vor der Wahl ging er mit antisemitischer Stimmungsmache auf Wählerfang, jetzt ist er ein Schwergewicht in der Links-rechts-Regierung in Athen: Griechenlands Verteidigungsminister Panos Kammenos ist einer der umstrittensten Köpfe im Kabinett von Ministerpräsident Alexis Tsipras. Mit der Drohung, tausende illegal eingereiste Migranten nach Deutschland zu schicken, sorgte er vergangene Woche für Empörung. Im «Bild»-Interview legte er nach und warf Bundesfinanzminister Wolfang Schäuble (CDU) einen «psychologischen Krieg» gegen sein Land vor, der die Beziehungen «vergifte»:

Mit seiner rechtspopulistischen Partei der Unabhängigen Griechen (Anel) bescherte Kammenos Syriza-Chef Tsipras im Januar die Mehrheit im Parlament – und wurde mit dem Verteidigungsposten belohnt. Das Bündnis der beiden Männer aus den entgegengesetzten politischen Richtungen hat zwei Fundamente: Die Wut auf die Sparpolitik – und den Zorn gegen Deutschland.

Liebhaber der französischen Küche

Ein Auftritt Kammenos' aus dem Jahr 2010 wirkt im Rückblick wie eine frühe Empfehlung für Tsipras. Der massive, aufbrausende Politiker, leidenschaftlicher Liebhaber der französischen Küche, lief mit einem T-Shirt durchs Parlament. Darauf stand: «Griechenland ist nicht zu verkaufen»:

Politik mit Parolen: Kammenos erscheint im T-Shirt im Parlament. Bild: Twitter / Persefoni Karvouni (21. Februar 2012)

Eine Kampfansage an Berlin, wo Kammenos und Tsipras unisono die Hauptschuldigen für das «desaströse Spardiktat» ausmachen.

Kammenos ist von Haus aus Ökonom und einstiger Staatssekretär für die Handelsmarine. Schon mit 27 Jahren schafft er den Sprung ins Parlament in seiner Geburtsstadt Athen. Fünf Mal wird er wiedergewählt, für die konservative Nea Dimokratia des im Januar ausgeschiedenen Ministerpräsidenten Antonis Samaras.

Als Samaras Anfang 2012 seine Unterschrift unter das «Memorandum» mit der Gläubiger-Troika setzt, kehrt Kammenos dem Regierungschef den Rücken. Er gründet die Anel und setzt deren zwölf Sitze im alten Parlament ein, um die Neuwahl im Januar zu erzwingen.

Rechtsextreme Ausfälle

Seit er in Lyon studierte, mag Kammenos zwar die Franzosen. Davon abgesehen gibt er sich als strammer Nationalist mit rechtsextremen Ausfällen. Im Dezember schwadronierte er darüber, dass Juden in Griechenland steuerlich bevorzugt würden. Warnungen vor Einwandern zählen seit jeher zu seinem Standardrepertoire.

Erst vergangenen Sonntag drohte er vor Partei-Anhängern Richtung Deutschland, den Flüchtlingen in seinem Land Papiere zu geben, damit diese «nach Berlin gehen»:

Und falls unter den Einwanderern Mitglieder der Jihadistengruppe Islamischer Staat (IS) seien, sei Europa wegen seiner Haltung im Schuldenstreit «dafür verantwortlich».

Fordert deutsche Reparationszahlungen

Lange galt Kammenos' öffentlich zur Schau getragene Wut vor allem linken Extremisten, bis er die Deutschland-Dresche als populäreres Wahlkampf-Instrument ausmachte. Berlin behandele seine EU-Partner wie «Konkubinen», lautete einer der Vorwürfe. Dass er seine Partei Anel in dem Ort Distomo aus der Taufe hob, wo die Nazis 1944 ein Massaker anrichteten, gehört zur Strategie.

So sieht er Deutschland «in der historischen Verpflichtung», 70 Jahre nach dem Krieg Reparation zu leisten: «Das Gold, das die Nazis aus Athen nach Berlin gebracht haben, war viel Geld wert. Hierfür erwarten wir eine Entschädigung. Genauso wie für die Zwangsanleihe und die Zerstörung an den archäologischen Statuen.»

Und im «Bild»-Interview erinnerte er sich «ganz genau» daran, dass Angst-Gegner Schäuble wegen der Parteispendenaffäre vor 15 Jahren als CDU-Chef zurückgetreten war. Um dann seine Forderung zu präsentieren:

«Was wir brauchen, ist endlich ein Schuldenschnitt. Die Menschen in Griechenland haben bereits alles verloren und die Gehälter derjenigen, die noch Arbeit haben, wurden dramatisch gekürzt. Meine Kampfjetpiloten verdienen noch 1200 Euro im Monat (vor der Krise waren es 2400) und riskieren dafür ihr Leben.» (pst/AFP)

Erstellt: 14.03.2015, 17:27 Uhr

Schulz kritisiert Kammenos

Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz (SPD), hat den griechischen Regierungschef Alexis Tsipras aufgefordert, die Koalition mit den Rechtspopulisten zu beenden.

«Ich halte die jetzige Koalition der Linkspartei mit diesen Rechtspopulisten für einen Fehler», sagte Schulz der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Er habe dies Tsipras bei einem Treffen in Brüssel deutlich gesagt, hieß es weiter.

Über den Chef der rechtspopulistischen Partei Unabhängige Griechen (Anel), Panos Kammenos, sagte Schulz: «Der Elefant im Porzellanladen erscheint mir verglichen mit Herrn Kammenos wie ein feinziselierter Diplomat.» Kammenos hatte damit gedroht, Europa mit Flüchtlingen zu überschwemmen, wenn sein Land nicht weiter von den Geldgebern finanziert werde.

Am Samstag erinnerte der griechische Verteidigungsminister in einem Interview mit der «Bild»-Zeitung an die Verwicklung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) in die CDU-Spendenaffäre.

«Wir Griechen erinnern uns genau, dass Herr Schäuble sein Amt als Parteivorsitzender aufgeben musste, weil er in einen Fall von Bestechung verwickelt war. Aber er ist heute trotzdem Finanzminister», sagte Kammenos der «Bild». «Bei aller Kritik an der Korruption in Griechenland ist es ja auch nicht so, dass Deutschland oder Herr Schäuble immer fehlerfrei waren.»

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