Das Grauen von Grays

Der Fund von 39 toten Chinesen in einem Kühlanhänger erinnert daran, dass sich ähnliche Tragödien tagtäglich ereignen.

Ein Polizist untersucht den Anhänger, in dem am Mittwoch östlich von London die Leichen gefunden wurden. Foto: Leon Neal (Getty)

Ein Polizist untersucht den Anhänger, in dem am Mittwoch östlich von London die Leichen gefunden wurden. Foto: Leon Neal (Getty)

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Die Bilder, der Gedanke – sie sind unerträglich. 39 Leichen sind in einem Tiefkühlanhänger in Grays östlich ­von London entdeckt worden. Die Menschen waren erfroren oder erstickt. Nach dem Stand der Ermittlungen von gestern Abend waren es 8 Frauen und 31 Männer aus China. Sie hatten auf ein besseres Leben in Europa gehofft. Und gingen dabei elend zugrunde.

Noch sind die Hintergründe der Tragödie unklar. Aber sie erinnert an jenen Fall in Österreich, als im Sommer 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, 71 Menschen erstickt im luftdicht verschlossenen Laderaum eines Lastwagens gefunden wurden. Flüchtlinge aus dem Irak, aus Afghanistan, Syrien und dem Iran, darunter 4 Kinder. Und im Juni 2000 waren in einem Lastwagen bei Dover 58 Tote gefunden worden, auch sie erstickt, auch sie Chinesinnen und Chinesen. Zwei weitere hatten knapp überlebt.

Das sind nur die bekanntesten und grauenvollsten Vorfälle dieser Art. Der «Guardian» berichtete gestern von Zainab, einer irakischen Mutter, die mit ihren Kindern im Herbst 2014 in Frankreich einen Kühllastwagen bestieg. Sie hoffte, mit ihm nach England zu kommen. Der Chauffeur aber blieb auf dem Autobahnparkplatz stehen und schaltete die Ventilation ab. Die Polizei wurde gerade noch ­früh genug auf die Erstickenden aufmerksam, um sie zu retten.

Streit der Ideologen

Menschen auf der Suche nach etwas Glück, etwas Wohlstand sind unbegreiflich leidens- und risikobereit. Sie steigen in winzige Schlauchboote, um das Mittelmeer oder den Ärmelkanal zu überqueren. Sie klettern über Stacheldrahtzäune. Sie zwängen sich in Werkzeugkisten von Lastwagen oder in Fahrwerkschächte von Flugzeugen. Und sie bezahlen denen, die ihnen eine Überfahrt versprechen, unglaubliche Summen.

Ist es eine laxe europäische Flüchtlingspolitik, die den Menschen die Hoffnung vorgaukelt, das bessere Leben sei hier zu finden?

Schwierig zu beantworten ist da die Frage nach den Ursachen, nach dem grundsätzlichen Systemfehler, der zu Zuständen führt, die an die dunkelsten Jahre der Geschichte erinnern.

Der Streit der Ideologen wird unweigerlich losgehen. Er hat wohl schon begonnen. Ist es eine laxe europäische Flüchtlingspolitik, das «Wir schaffen das», das den Menschen in den armen Regionen der Welt die Hoffnung vorgaukelt, das bessere Leben sei hier und nur hier zu finden? Oder ist es im Gegenteil die Politik der geschlossenen Grenzen, der Gitter und Mauern, die Migranten auf illegale und viel zu oft tödliche Wege ausweichen lässt?

Ursachendiskussion ist nötig

Der Widerspruch lässt sich kaum auf­lösen. Denn es sind paradoxerweise nicht die Ärmsten, nicht die «Verdammten dieser Erde» die sich auf die gefährliche Reise der Hoffnung machen. Laut einem am Montag veröffentlichten Bericht der UNO, sind es in Afrika gerade die besser gebildeten und besser verdienenden jungen Menschen, die sich in die reichen Länder aufmachen. Sie sind ja auch eher in der Lage, den Schleppern das nötige Geld in die Hand zu drücken.

Die Diskussion über die zugrunde liegenden Ursachen ist wichtig. Das Grauen von Grays ist ein Anlass mehr, sie zu führen. Aber aktuell notwendig ist etwas anderes: Menschen in einem Kühlanhänger sterben zu lassen, ist ein Verbrechen. Es muss und wird geahndet werden. Die Verantwort­lichen gehören bestraft, nicht nur die Direktbeteiligten, sondern auch die Organisatoren verbrecherischer Schleppernetzwerke. So, wie das auch schon in anderen Fällen selbstverständlich passiert ist.

Erstellt: 25.10.2019, 08:10 Uhr

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