Das grosse Ringen der Kardinäle

Die katholische Bischofssynode über Ehe und Familie tritt in die Endphase. Fünf Protagonisten prägen sie – mit Drall zur Bewahrung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wölfe gegen Lämmer? Traditionalisten gegen Reformer? Anti- gegen Pro-Franziskus? Welche Kategorien am besten passen, ist noch immer nicht klar, auch wenige Tage vor dem Ende der Weltbischofssynode über Ehe und Familie im Vatikan nicht. Klar aber ist, dass es antagonistische Lager mit je prominenten Köpfen gibt – Strömungen und Fraktionen, ähnlich wie man das auch von politischen Parteien oder aus Parlamenten kennt. Und diese Lager ringen nun seit bald drei Wochen in zwölf Sprachgruppen darum, wie die katholische Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen umgehen soll, wie mit Sex vor der Ehe, wie mit Homosexuellen. Da stehen sich viele rigorose Bewahrer und einige vorsichtige Öffner gegenüber.

Auftritt als Blockierer: Kardinal George Pell. Fotos: Keystone

Als Anführer der Konservativen gilt der australische Kardinal George Pell, 74 Jahre alt, einst Erzbischof von Sydney. Italienische Vatikanisten halten ihn für den «härtesten» Gegner jeglicher Öffnung in den zentralen Fragen. Pell soll den geleakten Brief aufgesetzt haben, in dem ein Dutzend Kardinäle dem Papst kurz vor der Synode ihre Vorbehalte kundtaten. In Glaubens- und Moralfragen ist er ein Bewahrer. Und doch verwundert sein Auftritt als Blockierer. Papst Franziskus hatte den Australier in jenen Rat von Kardinälen berufen, der die Reformen der Kirche begleiten soll. Und er machte ihn zum Präfekten des neuen Wirtschaftssekretariats, zum vatikanischen Wirtschaftsminister also. Von Pell heisst es, er habe enge Verbindungen zu den amerikanischen Neocons, die wiederum ihre liebe Mühe haben mit dem Kapitalismuskritiker aus Argentinien.

Hüter über die Lehre der Kirche: Gerhard Ludwig Müller.

Zum Lager der Traditionalisten gehört auch Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, 68, aus Mainz. Als Präfekt der Glaubenskongregation ist er der Hüter über die Lehre der Kirche. Diese Rolle fällt in der Regel einem bewahrenden Dogmatiker zu. Müllers Förderer war Benedikt XVI., Jorge Mario Bergoglios Vorgänger auf dem Stuhl Petri. Nun stösst sich der renommierte Theologe daran, dass die reine Doktrin der Kirche ein bisschen der pastoralen Praxis angepasst werden soll. Den geleakten Brief der Konservativen, ein Miniskandal, verglich Müller in der Zeitung «Corriere della Sera» mit den «Vati-Leaks», dem Grossskandal rund um Dutzende entwendeter Dokumente, der bei Benedikts Rücktrittsentscheid wohl eine Rolle spielte. Was bezweckt Müller mit der Übertreibung?

Seine Radikalität lässt aufhorchen: Robert Sarah.

Zu Übertreibungen neigt Kardinal Robert Sarah, 70 Jahre alt, aus Guinea. Auch er sitzt in der Kurie. Sarah leitet da die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Berufen dazu wurde er, eher überraschend, von Franziskus. Besonders virulent äussert sich Sarah über das Abendmahl für wiederverheiratete Geschiedene, eines der zentralen Themen der Synode: Die Idee allein sei «des Teufels». In seinem Interviewbuch «Dieu ou Rien» (Gott oder nichts), das in diesem Jahr herauskam, sagt Sarah, die Seelsorge laufe Gefahr, in einer «gefährlichen, schizophrenen Pathologie» zu versinken. Die Radikalität liess aufhorchen und machte Sarah erst bekannt. Wenn in jüngerer Vergangenheit jeweils die Frage aufgekommen war, ob der nächste Papst nicht aus Afrika stammen sollte, zählte er zu den möglichen Kandidaten.

Der Reformer geht vielen zu weit: Walter Kasper.

Still geworden ist es um Walter Kasper, 82 Jahre, den emeritierten Kurienkardinal. Vor nicht so langer Zeit nannten ihn die Medien noch «Franziskus’ Lieblingstheologen», weil der Papst in seinem ersten Angelus-Gebet Kaspers Buch über die Barmherzigkeit in allen Tönen gepriesen hatte. «Es hat mir gutgetan», sagte Bergoglio. Den Deutschen bezeichnete er als «grossartigen Theologen». Kasper fiel dann auch die Aufgabe zu, das Papier für die Bischofssynode vom Herbst 2014 zu verfassen, die als Vorbereitung für die laufende Versammlung diente. Den Konservativen ging der Reformer viel zu weit. Als «Kasperianer» liessen sich hingegen progressive Kardinäle und Bischöfe aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich beschreiben. Mittlerweile macht es den Anschein, als habe Kasper seine bevorzugte Stellung in Franziskus' Gunst verloren. Offenbar hört der Papst nun eher auf den Erzbischof von Bologna, den Theologen Carlo Caffara, der deutlich konservativer denkt als Kasper.

Weder Laxist noch Rigorist: Christoph Schönborn.

Irgendwo zwischen den Lagern steht der österreichische Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien, 70. Auch er gehörte vor der letzten Papstwahl zum erweiterten Kreis der Papabili. Schönborns Qualitäten liegen darin, dass er mit seinem Einerseits-andererseits-Diskurs es allen einigermassen recht macht. Die Lehre der Kirche, findet Schönborn, soll keinesfalls geändert werden. In seltenen Einzelfällen aber sollen Ausnahmen möglich sein. Weder Laxist noch Rigorist. Laviert Schönborn nur? Oder baut er am Ende Brücken zwischen den Lagern? Für die Stiftung eines Konsenses, selbst eines minimalen, eines Kompromisses, scheinen die Maximalisten beider Seiten jedenfalls eher ungeeignet zu sein.

Am Ende wird der Papst entscheiden. Auf welche Fraktion hört er? Er ist da ganz frei, er muss auf gar niemanden hören. Zum Auftakt der Synode hatte Franziskus einmal gesagt, so eine Synode sei ja kein Parlament. Auch wenn sie ein bisschen so aussieht.

Erstellt: 23.10.2015, 16:13 Uhr

Artikel zum Thema

Es kitzelt im Schoss der katholischen Kirche

Hugo Stamm Bei der Auseinandersetzung mit Sexualität sollten sich Geistliche weniger an der Bibel orientieren, sondern an psychologischen Erkenntnissen. Zum Blog

Bischöfe bleiben sich treu

Bei der Synode in Rom haben sich die Traditionalisten unter den Bischöfen durchgesetzt: Die katholischen Würdenträger konnten sich nicht zu einer Öffnung für Wiederverheiratete und Homosexuelle durchringen. Mehr...

Coming-out im Priestergewand

Ein Theologe der Kurie präsentiert seinen Lebenspartner und erschüttert damit den Vatikan – just zum Auftakt der Synode. Eine Premiere. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Blogs

Geldblog Eine Million Cash abheben? Geht nicht!
Mamablog Wutanfälle sind so ... gesund
Sweet Home 10 günstige Wintergerichte

Die Welt in Bildern

Hochwasseralarm: Touristen im Gänsemarsch auf einem Laufweg auf dem Markusplatz in Venedig. (13. November 2019)
(Bild: Stefano Mazzola/Getty Images) Mehr...