Der Finsterling macht die italienischen Herzen hart

In der Politik war Italien oft Avantgarde, ein Labor. Vor einem Jahr gewannen die Populisten die Wahlen. Ist das Experiment nun schon am Ende?

Nahm den Cinque Stelle ihren Glanz und zerrte sie in die rechte Ecke: Matteo Salvini von der Lega. Bild: Imago

Nahm den Cinque Stelle ihren Glanz und zerrte sie in die rechte Ecke: Matteo Salvini von der Lega. Bild: Imago

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Belpaese, schönes Land? Geht so. Italien stirbt gerade einen kleinen Tod. Keinen dauerhaften, so ist zu hoffen. Welcher politische Tod ist schon dauerhaft? Aber ein kleiner Tod ist es schon, zumindest für alle Sehnsüchtigen, die in der italienischen Lieblichkeit und Eleganz für sich die Gewissheit gewonnen hatten, dass das Leben bei aller Widrigkeit auch etwas leichter ginge. Lächelnder, improvisierter, selbstironischer, italienischer eben.

Diese Gewissheit ist weg.

Ein Jahr ist es her, dass die Italiener vor allem zwei Parteien gewählt haben, die Cinque Stelle und die Lega, die beide von sich sagten, sie seien das ganze Volk, was ja schon mal ein Widersinn im Wort ist. Seitdem sie miteinander regieren, reden sie den Italienern ein, sie würden vorgeführt von fremden Mächten und bösen Eliten, eingekreist von Migranten, sie seien nicht mehr Herr daheim. Zorn und Garst, täglich frisch genährt. So etwas schafft ein Jahr Populismus. Die Propaganda der Populisten ist grotesk, manchmal ist sie unfreiwillig komisch, lustig ist sie nie. Sie treibt die Leute in den Wahnsinn.

Kürzlich unten auf der Piazza, das Gespräch zwischen einem Hausmeister aus Süditalien und einem Gemüsehändler aus Tunesien, der schon lange in Rom lebt, hier seinen Laden hat und hier wählt. Marco, der eigentlich Mohammed heisst, aber natürlich lieber Marco gerufen wird, drängte es, grundsätzlich zu werden. «Das Problem», sagte er, «sind nicht die Faschisten, sondern die Antifaschisten.» Die Antifaschisten seien die eigentlichen Faschisten. Wahrscheinlich hatte er das aus dem Fernseher, vielleicht aus dem Internet.

Schwäche für den «Uomo forte»

Im Ausland macht man sich keine Vorstellung davon, wie viele Sottisen verbreitet und weitergetragen werden in Italien, in Talkshows und in den sozialen Medien, filterlos, unwidersprochen. Die neue Macht hat sich auch das Staatsfernsehen genommen.

«Mamma Rai» redet jetzt wie die Populisten, auf all ihren Sendern. Der Euro ist eine Zwangsjacke, Macron ist ein Heuchler, Deutschland macht sich reich auf dem Rücken von Resteuropa. TG2, die Tagesschau auf Rai Due, hat sich wegen seiner nationalistischen Linie in kurzer Zeit den Spitznamen «Tele Visegrad» verdient.

Auf der Piazza waren sich der Portier und der Gemüsehändler dann schnell einig, dass die Zukunft Italiens Matteo Salvini gehöre, dem rechten Innenminister, dem Endlosschwätzer und Angstmacher, Hafenwart und Fremdenfeind. Salvini habe keine Konkurrenz. Die kleine Zeitung «Il Foglio» nennt ihn nur «il Truce», mit Grossbuchstaben, der Finsterling, der Teufel in Person. Ein Mix aus Trump, Bolsonaro, Orban, mit einem Schuss Verehrung für Wladimir Putin. Im Vergleich zu Salvini war Silvio Berlusconi, der Chef der Rechten vor dem «Truce», eine Art Adenauer. Sagen die, die Berlusconi hassten.

Salvini steigt und steigt in der Gunst. Die Italiener haben nun einmal eine Schwäche für den «Uomo forte», den starken Mann, der alles in die Hand nimmt, das ganze Chaos, und sagt, er werde mal so richtig aufräumen. Belpaese?

Das Forschungsinstitut Censis, das seit fünfzig Jahren die Befindlichkeit der Italiener ergründet, kommt in seinem jüngsten Bericht auf folgende vorherrschenden Gemütsregungen: «Orientierungslosigkeit», «Wut», «Bitterkeit», «Bosheit». Das Land erlebe eine «beispiellose identitäre Emphase». Der Titel: «Das grollende Italien.» Düsterer war noch kein Rapport von Censis. Erschienen ist er im Dezember, da wusste man noch nicht einmal, dass Italien wieder in die Rezession rutschte.

Dabei sollte doch alles besser werden mit der Niederkunft der Terza Repubblica, der Dritten Republik, der grossen, epochalen Wende. Das Volk, il popolo!, sollte sich endlich die Macht zurückholen. Im Parlament sollten Bürger wie du und ich sitzen, in den Ministerien auch. Der Wind des Protests sollte alle wegfegen, das heilige Feuer des Zorns alles reinigen.

Am 4. März 2018, einem Sonntag, wählte jeder dritte Italiener, der zur Urne ging, eine Partei, die von einem Clown und einem Internetunternehmer gegründet worden war. Fünf Sterne, alle gelb. Beppe Grillo, der Komiker, wurde damit bekannt, dass er wie eine Furie durch die Sporthallen des Landes zog und seinem Publikum beibrachte, dass es Zeit war, die alte, korrupte Politikerkaste zum Teufel zu schicken. «Vaffanculo!» Mit vielem hatte er recht. Die Kaste hatte sich fett gefressen, die Anekdoten dazu füllten ganze Bücher. Gianroberto Casaleggio, der Netzguru der Sterne, sagte einmal: «Es zählt nicht, was real ist, sondern was viral wird.»

Hört sich heute banal an, damals war es visionär. Casaleggio sollte den Triumphzug seiner Kreatur nicht mehr erleben, er starb 2016. Die Bewegung war immer alles und nichts, weder Fisch noch Vogel, weder links noch rechts. Sie war einfach anti: gegen grosse Bauprojekte, lange Tunnels durch die Alpen, die Gaspipeline unter der Adria, die Verbrennungsanlagen, gegen die Olympischen Spiele in Rom, gegen die Impfpflicht. Gegen den ganzen, verdammten Mainstream, gegen den gesunden Menschenverstand. Dass dieser Systembruch von unten tatsächlich funktionieren könnte, dafür gab es schon früh Anzeichen.

Die lange Wirtschaftskrise hatte tiefe Schneisen in die Gesellschaft geschlagen, nicht nur an ihren Rändern. Der Zorn erfasste auch die Vorletzten, die Mittelklasse. Italien, das in den Neunzigern mal für eine Weile eine grössere Wirtschaftskraft entfaltet hatte als Grossbritannien, sah sich relegiert, vom fünften auf den achten Platz in der Weltrangliste. Die Globalisierung hatte hier mehr Opfer gefordert als anderswo, vor allem im Süden. Dem sieht man die Niederlagen an. Sie zerfressen seine Städte, die Peripherien sind schon nicht mehr erste Welt. Der Süden fängt in Rom an.

Ein Wintertag vor den Wahlen, zu einem Kamillentee in der Arbeitsbibliothek von Paolo Flores d’ Arcais in San Giovanni, einem Viertel des römischen Mittelstands. An den freien Wänden grosse Bilder, vor dem Fenster Pinien. Der linke Intellektuelle und Chefredakteur der Zeitschrift Micro Mega war einer der wichtigsten Wortführer beim Sprung vieler linker Wähler ins undefinierbare Allerlei der Cinque Stelle. «In unserem Palazzo», sagte er, «gibt es drei Treppenhäuser, ich kenne alle Bewohner. Manche wählten früher sozialdemokratisch, andere Berlusconi, noch andere hätten Berlusconi am Liebsten verbrannt. Nun wählen alle Cinque Stelle, meine Frau und ich auch, obschon das ja wie Glücksspiel ist, wie russisches Roulette.»

Fünf Sterne aus Verzweiflung. Die Berufspolitik, sagte Flores d’ Arcais damals, sei ein grosses Problem, die Wurzel vieler Probleme. Natürlich seien nicht alle Politiker Räuber, wie das Grillo erzählte. Doch unterdessen hatte sich der Komiker das Copyright gesichert für die Fundamentalkritik am Establishment.

Elf Millionen Italiener wählten dann Cinque Stelle an jenem 4. März 2018. Unter ihnen waren etwa dreieinhalb Millionen Altwähler des sozialdemokratischen Partito Democratico. Der hatte das Land ganz ehrbar regiert und aus der Krise geführt, das brachte ihm aber nichts. «Matteo Renzi», sagte Flores d’ Arcais damals vor den Wahlen und wurde dabei sogar etwas laut, «war schlimmer als Berlusconi.» Renzi habe sich im Ausland als Erneuerer verkauft, doch seine neoliberalen Reformen seien gefährlicher gewesen, als es die Pläne Berlusconis jemals waren. «Gegen Berlusconi gab es Widerstand, bei Renzi war der weg.»

In dieser Deutung war alles drin, das ganze, skurrile Drama Italiens. Ein Teil der Linken hielt Renzi für das wahre Übel. Die Grundkoordinaten des Landes waren durcheinander geraten, nichts passte mehr zusammen.

Die Realität? Fake News!

Der Politologe Giovanni Orsina schreibt, die italienische Politik sei ein JTheater des Surrealen» geworden. Jede Kapriole, jede Absurdität sei nicht nur geduldet, sondern werde auch noch belohnt.

Begonnen hat das mit Berlusconi vor 25 Jahren, ein formidabler Schauspieler, das muss man ihm lassen. Er war auch Bühnenbildner, Regisseur, Requisitenhändler, Rezensent seiner selbst, er war einfach alles. Wenn die Politik sich zum Spektakel reduziert, dann verändern sich auch die Kriterien der Analyse. «Die Politik», sagt Orsina, «ist nicht mehr dann gut, wenn sie kohärent und wirksam ist, sondern nur noch, wenn sie unterhält, berührt, bezirzt.» Die Realität zählt nichts mehr, im Zweifelsfall ist sie Fake News oder Ansichtssache. Italien ist da europäische Avantgarde, wieder einmal, ein politisches Labor. Schon beim Faschismus war man allen voraus. Berlusconi war ein Vorläufer von Trump. Und nun also schaffte es der Populismus hier zuerst an die Macht.

Doch das italienische Publikum langweilt sich schnell. Bei Renzi war es so. Er war zu oft auf der Bühne, schmeichelte sich gerne selbst, machte geistreiche, aber böse Sprüche über Freund und Feind, immer dasselbe Spiel. «Nach eineinhalb Jahren», sagt Orsina, «konnten ihn die Zuschauer nicht mehr ertragen.» Buchstäblich, er war der Superbia verfallen. Gelernt hat daraus niemand etwas, der Drang zur Bühne ist noch grösser geworden. Salvini wechselt so oft das Kostüm, dass man meinen könnte, er wolle gleich alle Rollen spielen. Am liebsten trägt er Uniformen. Von der Polizei, den Carabinieri, der Armee, der Feuerwehr, vom Zivilschutz. Wenn mal wieder ein Lager von Roma und Sinti plattgemacht wird, die er nach ethnischen Kriterien zählen möchte, oder ein Auffanglager für Flüchtlinge, denen er ein Ende der «Party», der «pacchia», verheissen hat, dann steigt er für die Fotografen auf den Bagger und setzt sich dazu einen Bauhelm auf.

Ein schönes Land? Die Cinque Stelle rennen hinterher, atemlos, es ist tragisch. Haften bleibt eine Szene, sie steht für viele mehr. Sie zeigt Luigi Di Maio, den «Capo politico» der Partei, wie er mit seinen Ministerkollegen auf den Balkon des Palazzo Chigi tritt, des Regierungspalasts, als wäre er eine Klamaukbühne, und einer kleinen Schar eilig herbeizitierter Parlamentarier zuwinkt. «Wir haben es geschafft», ruft er ihnen zu, Zeige- und Mittelfinger zum Siegeszeichen gespreizt. Und noch mal: «Wir haben es geschafft.» Die Claque, drei Dutzend Sterne, schwenken Parteifahnen so weiss, dass sie neu sein müssen. «Luigi, Luigi, Luigi!»

Es war der 28. September 2018, später Abend, die Piazza Colonna war sonst leer. Im Ministerrat hatten sie sich gerade darauf geeinigt, viel mehr Defizit zu machen, als es mit Brüssel vereinbart war. 2,4 Prozent! Vaffanculo! Mehr Schulden, einfach so, gegen alle Regeln und Vernunft, das wollte gefeiert sein. «Luigi, Luigi, Luigi!» Di Maio sollte dann noch sagen, man habe mit diesem «Haushalt des Volkes», dem Bürgergeld und der Bürgerrente die Armut abgeschafft. Alles auf Pump, als gäbe es kein Morgen. Die Krawatte hatte er ausgezogen, macht er sonst nie. Ganz toll.

Der Balkon im ersten Stock ist schmal, ein Zierbalkon. Zwei Fahnen stecken in der Brüstung, die italienische und die europäische, angeleuchtet von Scheinwerfern. Gabriele D’ Annunzio, der Dichter und Souffleur Mussolinis, nannte ihn einmal den «Bug Italiens». In der Geschichte des Landes ist kein Politiker je auf diesen Balkon gestiegen. Der Duce brauchte jenen am Palazzo Venezia, zwei Bushaltestellen weiter. Nicht einmal Berlusconi und Renzi wagten sich auf den Balkon, trotz der Versuchung. Und Francesco Totti, der römische Fussballer, der König der Stadt, zeigte sich nur kurz am Fenster und streckte den goldenen Pokal in die Luft. Das war 2006. Die Azzurri waren in Deutschland Weltmeister geworden, aus dem Nichts. Das wäre was gewesen für den Balkon.

Di Maio brach an jenem milden Herbstabend ein Tabu, von dem man noch lange reden wird. Da sind sie also an die Macht gekommen, Leute wie du und ich, und schafften mal schnell die Armut ab. Geht doch! Ihre Unerfahrenheit trugen sie wie eine Trophäe vor sich her. Jeder falsche Konjunktiv, jedes geografische Unwissen ein Punkt für sie, für das kleine Volk und gegen die blasierten Eliten. Di Maio, zugeschaltet aus Peking, nannte Xi Jinping, Chinas Präsidenten, einfach «Ping», ist ja nur knapp daneben. Den Diktator Pinochet verortete er nach Venezuela statt nach Chile.

Danilo Toninelli, der italienische Verkehrsminister von den Cinque Stelle, fand einmal, der Basistunnel unter dem Brenner bringe nichts, die Zahlen des Frachttransports würden das beweisen. Man unterrichtete den Transportminister dann, dass es diesen Tunnel noch nicht gibt.

Jedes gute Theaterstück braucht einen Narren, und Toninelli spielt ihn grandios, wenn auch ungewollt. Als im August in Genua die Brücke eingestürzt war, versprach er, dass sie in weniger als einem Jahr wieder stehen würde, ganz neu und schön, und dass die Autobahngesellschaft, die an allem schuld sei, ihre Lizenz abgeben müsse, und zwar subito. Auch ihm klatschte man zu. Nun weiss man es besser. Autostrade hat die Lizenz behalten, und die alte Brücke ist noch nicht einmal restlos entsorgt.

Inkompetenz ist eben doch keine Tugend, auch in der Politik nicht. Salvini hat die Cinque Stelle, dieses Laienensemble, locker an die Wand gespielt. Er ist ein Profipolitiker, er schon, in seinem Leben hat er nie etwas anderes gemacht. In weniger als einem Jahr hat er das Kräfteverhältnis in der Koalition gedreht. Nach den Wahlen stand die Lega bei siebzehn Prozent, jetzt sind sie doppelt so stark. Er nahm den Sternen ihren Glanz, zerrte sie in die rechte Ecke, entkräftete alle ihre Prinzipien. Waren die Cinque Stelle mal ein sympathisches Allerlei, weder Fisch noch Vogel, weder links noch rechts, sind sie jetzt eine «Rippe der extremen Rechten», wie es eine enttäuschte Senatorin der Cinque Stelle beschrieb. Eine verirrte, verwirrte Seele. Bei den Regionalwahlen auf Sardinien am vergangenen Sonntag stürzte die Partei ab, wie man das auch in Italien noch nie erlebt hat. Von 42,5 auf 9 Prozent, in einem Jahr. In den Abruzzen war es ähnlich. Wahlen werden wieder auf der alten Achse entschieden: links gegen rechts. Die Zeitungen fragen schon: Ist der Bipolarismus zurück? Ist bald wieder alles so, wie es immer war? Kehren gar die Sozialdemokraten wieder, die man ja schon für tot und begraben hielt? Niemand würde eine Prognose wagen.

Der Teufel hat gewonnen

Der linke Intellektuelle Paolo Flores d’ Arcais sagt jetzt, Di Maio habe sich Salvini unterworfen, er kusche in dessen Schatten. «Das Meer der Wähler ohne Heimat ist gerade zum Ozean angewachsen.» Er gehört zu den Heimatlosen, seine Nachbarn dreier Treppenhäuser in San Giovanni wohl auch. «Mir fällt gerade keine Partei ein, die man wählen könnte», sagt er. Dann überlegt er noch mal, «nein, wirklich, ich wüsste keine.» Der Teufel hat gewonnen, er macht die Herzen hart. Viele Italiener glauben jetzt tatsächlich, dass sie nichts stärker gefährde als der Ausländer, der Afrikaner, der schwarze Mann, der mit dem Schiff über das Mittelmeer kommt. L’ uomo nero. Auch wenn fast keine Afrikaner mehr übers Meer kommen: Die Angst bewirtschaftet Salvini weiter, stündlich, über Twitter, Instagram, Facebook. Er setzt die Agenda, niemand funkt dazwischen. Die Opposition? Übertönt, wie weggeblasen. Die Intellektuellen debattieren noch immer über den Bruch zwischen Volk und Elite, dabei ist man schon viel weiter, tief drinnen im Reich des Angstmachers.

In Umfragen sagt jeder zweite Italiener von sich selbst, dass er zur Fremdenfeindlichkeit neige. Recht unsentimental, was ist schon dabei? Ausgerechnet die Italiener. Ein Volk von Auswanderern begegnet den Einwanderern mit dem Hass, den es einst selbst erfahren hat. Damals, bei der Ankunft in New York, in Sydney, in Deutschland, Frankreich, der Schweiz. Den Einwand lassen die Populisten nicht gelten. Sie sagen, das sei damals anders gewesen, die Italiener wären als qualifizierte Arbeitskräfte geholt worden, gewollt und willkommen seien sie gewesen. Tutti, alle. Natürlich ist das ein falscher Mythos. Im Bauch der Schiffe, die in Ellis Island anlegten, versteckten sich Menschen, wie sie das heute tun. Nur waren es Italiener. Auch sie waren getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Wirtschaftsflüchtlinge, würde man heute sagen. So lange ist das noch gar nicht her. Jedes Jahr verlassen Hunderttausende Italiener ihr Land, immer noch. Der demografische Saldo ist schon lange dramatisch negativ. Es kommen ja auch in keinem anderen Land Europas weniger Kinder auf die Welt als in Italien. Es braucht dringend Zuwanderer: in den Fabriken, auf den Feldern, bei der Pflege, der Altenbetreuung. Vor allem braucht es sie, damit genug Geld reinkommt und der Staat die Renten der Dagebliebenen auch in einigen Jahren noch bezahlen kann. Jene der Italiener. Dafür aber müssten die Einwanderer legal angestellt sein. Nicht mehr schwarz.

Die Realität ist komplex, sie steht oft quer zur Propaganda. Keiner will sie hören. Da bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Italiener bald wieder langweilen werden, dass ihnen der Finsterling also auf die Nerven geht mit seinen vielen Uniformen, mit dem immer selben Bühnenspiel. Und dass dann bald jemand kommt mit einem neuen Repertoire, einer neuen Geschichte. Vielleicht mal eine Frau? Una donna forte. Es kann nur schöner werden.

Erstellt: 02.03.2019, 12:03 Uhr

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