Das kalte Herz der AfD

Frauke Petry war in ihrem früheren Leben eine erfolgreiche Unternehmerin. Nun gilt ihr grenzenloser Ehrgeiz der Partei.

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Frauke Petry steht unter Strom. Als die federleichte junge Frau mit der burschikosen Kurzhaarfrisur vor der Hauptstadtpresse den Wahltriumph ihrer Partei deuten soll, vibriert sie vor Spannung. Ihre Rede ist ein einziges Stakkato. Statt zu sprechen, feuert sie ihre Stellungnahmen richtiggehend ab. «Lügenpresse» nennen ihre Anhänger die Medien, Petry hält sich also in Feindesland auf und fühlt sich offenbar auch so. Auf kritische Fragen reagiert sie mit Kopfschütteln, Grimassen, Gegenangriffen. Obwohl erstmals Gast in der Bundespressekonferenz, übernimmt sie alsbald selber die Regie, erteilt Parteifreunden das Wort oder antwortet an ihrer Stelle. Auf die Frage, wie sie sich denn jetzt fühle, als «Gast der Lügenpresse», blafft sie zurück, dass sie diesen Begriff nicht verwende und «in Zukunft einen etwas unideologischeren Ansatz Ihrer Fragestellungen» erwarte. Selbst im Erfolg bleibt Petry verbissen und ruhelos.

Die 40-jährige Chefin der Alternative für Deutschland brennt vor Ehrgeiz. Sie steht an der Spitze, weil sie es unbedingt wollte und auch vor dem Königsmord nicht zurückschreckte. Im vergangenen Sommer räumte sie den Parteigründer Bernd Lucke in einer Gnadenlosigkeit aus dem Weg, die Beobachter erschreckte und dem etwas weltfremden Professor auf der Bühne die Tränen in die Augen trieb. Petry hatte das kalte, wilde Herz für den Putsch, und im Unterschied zu Lucke wusste sie sich zu organisieren. Schliesslich fiel der König wie eine leblose Puppe. Petry sei ein «eiserner Schmetterling», sagte ein Vorstandsmitglied damals. Charmant, ja, aber so, dass man immer denke: «Liebe Frau, Sie wollen doch aus Ihrer Mördergrube kein Herz machen?»

In Frauke Petry arbeitet nicht nur ein kaltes und starkes Ich, sondern ein hochbegabtes dazu. Sie wurde in der DDR geboren, in Dresden, als Tochter eines Ingenieurs und einer Chemikerin, und kam erst nach der Wende 14-jährig in den Westen. Das Gymnasium schloss sie als Beste ihres Jahrgangs ab, studierte in England Chemie, doktorierte glänzend, heiratete, hatte bald vier Kinder, sang im Chor, spielte Orgel. Vom Leben im Westen war sie enttäuscht. Die DDR sei ihr zu eng, die BRD zu beliebig. Sie kehrte nach Sachsen zurück, machte sich als Unternehmerin selbstständig und vertrieb eine Weltneuheit, die ihre Mutter erfunden hatte: einen umweltfreundlichen Füllstoff, der Reifen von Baumaschinen quasi unzerstörbar macht.

Sie wurde als Pionierin mit Preisen überhäuft. Es gibt ein Bild von ihr, auf dem ihr Bundespräsident Joachim Gauck persönlich eine Verdienstmedaille verleiht. Als Petry ihr Glück auch noch in der Politik versuchte, entglitt es ihr im restlichen Leben: Ihre Firma ging pleite, im letzten Sommer zerbrach auch ihre Ehe mit einem evangelischen Pastor. Sven Petry predigt seither von der Kanzel gegen die «menschenfeindliche» Politik seiner Noch-Frau an und preist Angela Merkel.

Wofür Petry politisch steht, ist schwer zu sagen. Sie ist nationalkonservativ, aber keine Ideologin. Sie kann Provokation oder Taktik, da ist sie ganz flexibel. Bewährt hat sich das Doppelspiel: Am einen Tag sagt sie, man müsse notfalls auf Flüchtlinge schiessen. Am nächsten nimmt sie den Satz zurück. Ähnlich war es, als sie sagte, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Oder als sie Merkel wegen «Einschleusung von Ausländern» bei der Staatsanwaltschaft anzeigte. Die Frage ist also weniger, wie rechts Petry steht, sondern, wie aufrichtig sie ist.

Unbedingter Wille zur Macht

Ihr ehemaliger Rivale Lucke klagt, Petry lüge, ohne rot zu werden. «Sie ist eine Frau, die sich anpasst», sagte er der «Zeit»: «Sie steht kaum für irgendwelche Inhalte, sondern lässt sich treiben von den Stimmungen an der Basis.» Überdies hänge für sie wirtschaftlich jetzt alles an ihrem Posten, dies erkläre ihren unbedingten Machtwillen. Für Petry steht die Taktik über allem. Der langfristige Erfolg ihrer Partei hängt davon ab, dass die Partei rechts verortet ist, ohne als rechtsextrem zu gelten, das weiss Petry genau. Deswegen deutet sie viele Positionen nur an – und verlässt sich darauf, dass die Radikalen schon wissen, wie es gemeint ist.

Ihre wichtigste Aufgabe ist es nun, die stürmisch gewachsene Partei zusammenzuhalten. Der bürgerliche Flügel im Westen versteht die AfD als eine Art West-CSU, die Radikalen im Osten wollen die Partei in eine völkisch-revolutionäre Bewegung verwandeln. Petry sagt, die AfD wolle spätestens 2021 regieren, ihr Vize Alexander Gauland prophezeit für diesen Fall den Untergang der Partei und wünscht ihr stattdessen ein glückliches Leben in radikaler Opposition. Die Fliehkräfte nach allen Seiten sind gewaltig, die kluge Frau Petry steht mitten im Sturm. Lässt sie die Radikalen gewähren, wirft man ihr fehlende Führungskraft vor. Greift sie durch, gilt sie als eigenmächtig. Der Unmut in der Partei ist enorm und wird von den gegenwärtigen Erfolgen nur notdürftig überdeckt.

Petrys wichtigste Stütze ist der schneidige Stratege Marcus Pretzell, AfD-Chef von Nordrhein-Westfalen. Er war es auch, für den Petry ihren Mann verlassen hatte. Nun treten die beiden als Power-Duo auf – zum Verdruss des Vorstands der Partei, der Pretzell bislang aussen vor hielt. Wie die Flügelkämpfe ausgehen, weiss niemand. Aber man sollte sich nicht wundern, wenn die rechte Revolution nach dem Vater Lucke irgendwann auch die Mutter Petry frisst.

Erstellt: 16.03.2016, 00:11 Uhr

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