Das Märchen auf dem ­Mittelmeer

Warum eine mutige Kapitänin alleine nicht die ­Lösung sein kann.

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Carola Rackete: die mutige Kapitänin, die sich mit ihrer Crew gegen den rechtsextremen italienischen Minister Salvini und seine unmenschlichen Gesetze stellt. Aus allen Ländern Unterstützung für die Heldin des Mittelmeeres. Zu Recht!

Nun wurde Rackete freigelassen, die Geschichte scheint ein Happy End zu haben. Nun kann sie wieder durch die Weltmeere segeln und Menschen in Not retten. Ach wie schön . . . Doch scheinen wir dabei zu vergessen, dass sie Menschen rettet, die auf Gummibooten aus Libyen praktisch in den sicheren Tod flüchten. So tönt die Geschichte schon eher wie eine Horrorstory als wie ein Märchen.

Schon nur die Zustände in Libyen – die doch einige Kommentatoren als «sicher» bezeichnet haben – sind grauenvoll. Der Zufall will es, dass just am Mittwoch ein Flüchtlingscamp in Libyen bombardiert wurde und über 40 Menschen gestorben sind. Die UNO spricht von möglichen Kriegsverbrechen. Doch es ist nicht erst seit Mittwoch bekannt, dass Libyen für Flüchtlinge ein «Höllenloch» ist. Dieses Wort hat nämlich der Sprecher des UNO-Menschenrechtsbüros, Rupert Colville, bereits Anfang Juni gebraucht, als er zum wiederholten Male darauf aufmerksam gemacht hat, dass die Situation in den libyschen Flüchtlingslagern «unmenschlich» sei. Denn es seien «entwürdigende Behandlung oder Bestrafung», Folter und sexueller Missbrauch der Lagerinsassen festgestellt worden. Hinzu kommen schwere Unterernährung, Mangel an Wasser sowie sanitären Einrichtungen, keine medizinische Versorgung. Zu Hunderten in überhitzten Lagerhallen zusammengepfercht. Nicht selten werden die Insassen gefilmt, während sie gefoltert oder vergewaltigt werden, das ­Video dann an die Angehörigen geschickt, um diese zu erpressen. Wenn kein Geld mehr vorhanden ist, werden die Opfer getötet. Das ist die Realität.

«Eine mutige ­Kapitänin ­alleine kann nicht die ­Lösung sein.»

Wir sind mitschuldig an dieser Realität. Die Europäische Union (mit freundlicher Unterstützung der Schweiz) arbeitet mit der libyschen ­Regierung und der Küstenwache zusammen. Die ist dafür zuständig, Menschen, die flüchten, nicht nach Europa kommen zu lassen oder sie wieder in diese KZ-ähnlichen Lager zurückzubringen. Dafür geben wir ihnen Geld. Steuergeld. Damit ja keine Menschen nach Europa kommen.

Das kann keine Lösung des Problems sein. Denn das Problem sind nicht die Menschen, die über das Mittelmeer flüchten. Das Problem ist die Migrationspolitik der Europäischen Union (Schweiz einbegriffen) und das Fehlen von sicheren Fluchtrouten. Das Problem sind Deals mit der Türkei und Libyen. Das Problem ist, dass die EU Italien und andere Grenzländer mit den Menschen, die migrieren, alleine lässt. Das Problem ist, dass Menschen migrieren müssen, weil sie keine Aussicht haben auf ein sicheres, glückliches Leben in ihren Ländern – und dies hauptsächlich Europas Wirtschaftspolitik zu verdanken ist.

Diese Probleme müssen wir lösen. Politisch. Eine mutige Kapitänin alleine kann nicht die ­Lösung sein. Sie kann lediglich ein Kompass sein für das, was richtig ist.

Doch wenn wir nichts unternehmen, werden wir uns weiterhin an einer tragischen Heldin ­erfreuen müssen, um die Realität zu verdrängen.

Tamara Funiciello ist Präsidentin der Juso und eine der Vizepräsidentinnen der SP Schweiz.



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Erstellt: 06.07.2019, 23:11 Uhr

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