Das Ringen um den «Esprit Charlie»

Das Satireblatt «Charlie Hebdo» steht vor einer Zerreissprobe: Die Redaktion kämpft nach dem blutigen Anschlag gegen ein Trauma und überhöhte Erwartungen.

Das Satireblatt ist zur nationalen Ikone geworden: Eine Demonstration für «Charlie Hebdo» in Paris. (Archivbild)

Das Satireblatt ist zur nationalen Ikone geworden: Eine Demonstration für «Charlie Hebdo» in Paris. (Archivbild) Bild: Keystone

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Das Pariser Satireblatt «Charlie Hebdo» ist durch den blutigen Anschlag zu einer nationalen Ikone geworden. Die schwierige Aufgabe, trotz Trauma und Geldregen dem Esprit des Magazins treu zu bleiben, zerreisst die Redaktion. Und einer der bekanntesten Zeichner geht von Bord.

Catherine Deneuve hatte die Zeichnung noch nicht gesehen, doch sie ahnte wohl, was auf sie zukam. «Falls es boshaft ist, hoffe ich, dass es lustig ist», sagte die Schauspielerin in Cannes, nachdem ein Journalist sie vergangene Woche auf ihre Karikatur im Satiremagazin «Charlie Hebdo» angesprochen hatte.

Vorteilhaft kann man die Titelseite in der Tat nicht nennen. Sie gibt der Star-Akteurin einen beinahe quadratischen Körper, der Slogan darüber: «Verdächtiges Paket auf der Croisette».

Zwischen Schlagfertigkeit und Unverschämtheit

So ist «Charlie», rotzfrech und stets im Schlingerkurs auf dem schmalen Grat zwischen Schlagfertigkeit und Unverschämtheit. Seinem Ton ist das Magazin nach dem 7. Januar treu geblieben, als zwei islamistische Attentäter die Redaktion stürmten und zwölf Menschen erschossen.

Doch diese Konstanz und ungekannte Verkaufserfolge können nicht verstecken, dass das Blatt in einer Krise steckt: Die Redaktion ringt um den künftigen Kurs und den Umgang mit dem plötzlichen Geldregen – aber auch mit den psychologischen Folgen der Gewalt.

Luz verlässt Redaktion

Jetzt wirft einer der bekanntesten überlebenden Zeichner das Handtuch. Luz war nach dem Anschlag zum Aushängeschild der Zeitung geworden, ein Eckpfeiler der Redaktion. Er zeichnete das Titelbild der «Ausgabe der Überlebenden», einen weinenden Mohammed.

In einem emotionalen Interview mit «Libération» bestätigte der Künstler, mit bürgerlichem Namen Renald Luzier, nun die Gerüchte über seinen Ausstieg im September. «Jeder Redaktionsschluss ist eine Folter, weil die anderen nicht mehr da sind.»

Luz schildert, wie schwierig es für ihn ist, unter dem Brennglas der Medien zu arbeiten, für die er zu einem Symbol geworden ist. Und dass das alltägliche Nachrichtengeschäft ihn nicht mehr interessiert. «Diese kleinen unbedeutenden Ereignisse, das geht jetzt an mir vorbei, weil wir etwas erlebt haben, das nicht unbedeutend ist.»

Er erzählt auch, dass er zuletzt drei von vier Titelseiten zeichnete. Sein Ausstieg dürfte die Aufgabe, eine neue Generation von Zeitungsmachern zu rekrutieren, die den Stil des zur Ikone gewordenen Satireblatts weitertragen können, also umso dringender machen.

Das «Gift der Millionen»

Wie es mit «Charlie» weitergeht, darum wird in der Redaktion seit Wochen gestritten. Nach dem Terroranschlag strömte viel Geld in die Kassen des notorisch klammen Magazins. Redaktionsleiter Riss rechnet damit, in diesem Jahr vor Steuern 10 bis 15 Millionen Euro Gewinn zu machen – ganz abgesehen von mehr als 4 Millionen Euro an Spenden, die den Angehörigen der Opfer zugutekommen sollen.

Doch dieses Geld wirft auch Fragen auf. Ein Mitarbeiter-Kollektiv sprach schon vor Wochen öffentlich vom «Gift der Millionen» und forderte eine Neugründung des Magazins als Genossenschaft, um sicherzustellen, dass der «Esprit Charlie» weiterlebt.

Das Pamphlet war ein klares Misstrauensvotum für die Chefetage des Magazins: «Nun aber sehen wir wichtige Entscheidungen für die Zeitung, häufig von Anwälten getroffen, deren genaue Umstände im Dunkeln bleiben.»

«Chaotische Umstände»

Wie angespannt die Stimmung ist, zeigte auch der Aufschrei über eine Vorladung der Journalistin Zineb El Rhazoui durch die Redaktionsleitung. Sie komme ihren Pflichten nicht nach, hiess es.

Die Betroffene, die wegen islamistischer Todesdrohungen unter Polizeischutz steht, klagte über mangelndes Einfühlungsvermögen der Vorgesetzten: «Man kann den Leuten nicht vorwerfen, dass es ihnen schlecht geht und sie sich nicht wie tüchtige Arbeiter verhalten, wir leben in chaotischen Umständen», sagte sie der Zeitung «Le Monde». Die Chefetage verzichtete schliesslich auf das Gespräch.

Redaktionsleiter Riss, beim Anschlag selbst an der Schulter getroffen, versuchte Anfang der Woche, die Aufregung zu relativieren. «Das Leben bei Charlie war noch nie ein langer ruhiger Fluss», sagte er. Und kündigt an, auf die Kritiker zuzugehen – ohne allerdings allen ihren Forderungen nachzukommen.

Im September soll über die Organisation des Blatts diskutiert werden. «Heute hätte ich Angst, dass wir Entscheidungen unter dem Einfluss der Emotion treffen.» Luz sieht es so: «Charlie» stehe unter einem «post-traumatischen Schock». (chk/sda)

Erstellt: 19.05.2015, 17:24 Uhr

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