Das schwere Erbe des Bush-Pudels

Der britische Ex-Premier Tony Blair weigert sich weiterhin, seine Fehler im Irakkrieg einzuräumen. Dabei hätte er es in der Hand gehabt, das Desaster abzuwenden.

Kein Einsehen: Tony Blair während einer Pressekonferenz zum Chilcot-Report. (6. Juli 2016) Foto: Stefan Rousseau (Keystone)

Kein Einsehen: Tony Blair während einer Pressekonferenz zum Chilcot-Report. (6. Juli 2016) Foto: Stefan Rousseau (Keystone)

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Gewusst hat man es schon lange. Dank des Chilcot-Reports herrscht nun aber offizielle Gewissheit: Die USA und Grossbritannien haben den Irak 2003 ohne Not angegriffen, es war ein Krieg der Wahl, der zudem noch schlecht geplant und vorbereitet war, wie der ehemalige Diplomat John Chilcot feststellte. Es bestand keine imminente Bedrohung durch Saddam Hussein; dessen angebliche Massenvernichtungswaffen erwiesen sich als amerikanisch-britische Erfindung, um einen Angriffskrieg zu rechtfertigen. Neben George W. Bush und seinen Neokonservativen in der US-Regierung war es vor allem Tony Blair, der für den Krieg trommelte und sich gar dazu verstieg zu behaupten, der Bösewicht in Bagdad verfüge über chemische und biologische Waffen, die binnen 45 Minuten einsatzbereit seien.

Blair hat jedoch kein Einsehen; er bleibt bei seiner Version der Geschichte, auch angesichts der zwei Millionen Wörter im Chilcot-Report, die den damaligen britischen Premier schwer belasten. Er beharrt darauf, dass es richtig war, Saddam zu beseitigen – so, als hätte er nicht mitbekommen, was aus dem Irak geworden ist. Klar, mit dem Sturz Saddam Husseins wurde ein Übel beseitigt – aber es wurde durch ein noch viel grösseres Übel ersetzt, nämlich einen gescheiterten Staat. Heute herrschen im Irak Chaos und Anarchie. Dabei haben uns die Kriegstreiber in Washington, London und anderswo einen «Leuchtturm der Demokratie» versprochen. Doch die imperialen Fantasien einer aktuellen und einer ehemaligen Weltmacht erwiesen sich als Schimäre: Der besetzte Irak wurde zum Tummelfeld für Terroristen, zunächst für die al-Qaida und dann für den sogenannten Islamischen Staat. Auch hier kein Einsehen: Blair gehört zu den wenigen, die keinen Zusammenhang sehen zwischen dem Irakkrieg und dem Terrorismus.

Dabei hätte es Blair wohl in der Hand gehabt, das Desaster abzuwenden: Tatsächlich war es dem britischen Premier gelungen, den US-Präsidenten dazu zu bewegen, für den längst beschlossenen Feldzug das Plazet der UNO einzuholen. Als der Sicherheitsrat da aber nicht mitmachte, sondern vor den schon damals absehbaren Folgen eines Kriegs warnte, beging Blair seinen schwersten Fehler: Er schwor seinem Waffenbruder in Washington Treue, anstatt aus der «Koalition der Willigen» auszusteigen. Seither gilt er als kleiner treuer Pudel George W. Bushs.

Ein unglaubwürdiger Europäer

Die Folgen wirken bis heute: Wenn sich ein Autokrat wie Wladimir Putin kaltschnäuzig über Verträge hinwegsetzt und europäische Grenzen mit militärischer Gewalt verschiebt, kann er auf den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak verweisen – und die Kritik aus dem Westen ignorieren. Gleichzeitig hat der UNO-Sicherheitsrat massiv an Einfluss verloren. Er hat sich zwar von den USA und Grossbritannien nicht über den Tisch ziehen lassen, konnte den Krieg aber trotzdem nicht verhindern und hat deshalb an Autorität eingebüsst gegenüber Grossmächten wie Russland und China. Aber auch gegenüber jedem afrikanischen Diktator, der nach Belieben sein Unwesen treibt mit dem Hinweis, er lasse sich von der Weltorganisation so wenig etwas vorschreiben wie Bush und Blair.

Aber auch Europa ging angeschlagen aus dem Irakkrieg hervor. Wie der Oberbefehlshaber im Weissen Haus teilte auch der eilfertige Blair den Kontinent in ein neues und ein altes Europa: Hier die kriegswilligen Briten, Spanier, Italiener, Portugiesen, Tschechen und Polen, dort die angeblich pazifistischen und verweichlichten Deutschen und Franzosen. Berlin und Paris hatten vergeblich darauf gepocht, weitere Waffeninspektoren in den Irak zu entsenden, nachdem die erste Mission nichts gefunden hatte. Doch Bush und mit ihm Blair wollten diesen Krieg und haben die Spaltung Europas in Kauf genommen. Davon betroffen war auch die Europäische Union. Wenn sich Tony Blair nun als grossen Europäer darstellt, der den Brexit abwenden wollte, wirkt dies deshalb wenig glaubwürdig. «Jedes Mal, wenn wir zwischen Europa und dem offenen Meer wählen müssen, werden wir das offene Meer wählen.» Das sagte der grosse Kriegspremier Winston Churchill. Der kleine Kriegspremier Tony Blair hat sich daran gehalten.

Erstellt: 06.07.2016, 18:35 Uhr

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