Das steckt hinter dem plötzlichen Erfolg von François Fillon

Der Sieg von François Fillon gestern bei den Vorwahlen in Frankreich ist eine Hiobsbotschaft für Marine Le Pen. Die Hintergründe.

Vielfach erprobter Minister und Premierminister: François Fillon.

Vielfach erprobter Minister und Premierminister: François Fillon. Bild: Gonzalo Fuentes/Keystone

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Demokratie ist kein Zutatenkino, und doch wirken ihre Wechselfälle dieser Tage oft so, als folgten sie einem raffiniert geschriebenen Skript. In Frankreich stürzte am Sonntag ein haushoher Favorit, während ein unwahrscheinlicher Sieger triumphierte und ein dritter Mann, weltbekannt, ans Ende seines Weges geriet.

Die zugehörigen Politiker heissen: Francois Fillon, 62 Jahre alt, der überlegene Vorwahlsieger, zuhause in allen Ressorts, vielfach erprobter Minister und Premierminister, er steht nach der ersten Runde der innerparteilichen Vorwahlen der Konservativen mit rund 44 Prozent der Stimmen womöglich schon auf der Poleposition im Rennen um den Einzug in den Elysée-Palast.

Alain Juppé, 70, wie Fillon Teil des Urgesteins im Gebirge des französischen Politikbetriebs, er erlebte eine bittere Niederlage, weil sein eigener Triumph gemessen an allen Umfragen nur noch eine Formfrage zu sein schien.

«Tout sauf Sarkozy»

Nicolas Sarkozy schliesslich, flamboyanter Ex-Präsident, dessen Versuch eines Comebacks am Sonntag in einer Art Selbstvernichtung endete. Sarkozy wollte die Revanche für die verlorene Wahl von 2012. Er hat mit nur gut 20 Prozent der Stimmen am Sonntag eine noch viel grössere politische Demütigung einstecken müssen. Die Vorwahlen darf man als ein Anti-Sarkozy-Referendum auslegen: «Tout sauf Sarkozy», alles ausser Sarkozy, war die Devise der Wähler, die ihm selbst in seiner Hochburg Haut-des-Seines mit nur 15 Prozent sensationell schlecht haben abschneiden lassen.

Kein anderer hatte ein radikaleres Programm

Es war der erste Versuch der französischen Konservativen mit einer Vorwahl. Die «Republikaner» haben Grund, sie unabhängig vom Ergebnis für einen vollen Erfolg zu halten. Mehr als vier Millionen Wahlberechtigte folgten dem Aufruf, und nun wird, nach der ersten Runde an diesem Wochenende am kommenden Sonntag nach alter französischer Tradition eine zweite folgen, in der dann die beiden Erstplatzierten noch einmal zur Stichwahl antreten. Das «Momentum» gehört zweifellos Fillon.

Sein Triumph mag aus deutscher Ferne wie der Erfolg eines gemässigten Bewerbers aussehen, tatsächlich hat sich kein anderer der aussichtsreichen Kandidaten mit einem radikaleren Programm um die Kandidatur beworben. Die innen- und ausländerpolitischen Vorhaben Fillons lesen sich in Teilen wie eine populäre, um nicht zu sagen: populistische Wunschliste. Der einstige Premierminister, der sich bislang eigentlich nicht durch scharfe Töne hervor getan hat, setzt sich seit Wochen als Law-and-Order-Kandidat und als Mann des kühnen Aufbruchs in Szene.

Für Marine Le Pen muss der Ausgang der ersten Wahlrunde eine schlechte Nachricht sein: Einen gefährlicheren Gegenspieler hätte die Chefin des FN nicht haben können. Fillon ist der Rechtspopulistin in vielen Punkten nah, ohne das Projekt Europa dabei in Frage zu stellen. Er könnte für viele Franzosen die Rückkehr zu Autorität und Nationalstolz verkörpern, ohne die Unsicherheit der Explosion der Europäischen Union.

Fillon will Lehrpläne in Schulen renationalisieren

Fillon möchte muslimische Gemeinden und Gottesdienste routinemässig staatlicher Kontrolle unterwerfen, schon der blosse Kontakt zu Organisationen wie der Terrormiliz Islamischer Staat soll mit Gefängnis bestraft werden. Ausländern soll der Zugang zu Sozial- und Gesundheitssystemen erschwert werden. Überdies will Fillon den Familiennachzug begrenzen und fordert eine Obergrenze für den Zuzug weiterer Migranten.

An den Schulen würde ein Präsident Fillon die Lehrpläne etwa im Fach Geschichte inhaltlich renationalisieren, Grundschüler sollen wieder Schuluniform tragen.

Auch Fillons ökonomisches Programm trägt eine deutliche konservative Handschrift. Die in Frankreich seit Jahrzehnten festgeschriebene 35-Stunden-Woche möchte Fillon abschaffen, er verspricht Gesetze gegen die Macht der Gewerkschaften und will 500'000 Beamtenstellen streichen, alles Vorhaben, die für Frankreichs sozialen Frieden wie ein Stresstest wirken dürften. Es gab im Vorwahlkampf deshalb immer wieder Zweifel an Fillons Ernsthaftigkeit, sie werden aber, wie sich nun herausstellt, von vielen Wählern nicht geteilt.

Sarkozy nannte ihn abfällig «seinen Mitarbeiter»

Es besteht jedoch Anlass anzunehmen, dass die gut vier Millionen Wähler nicht für ein Programm, sondern für eine Person gestimmt haben. Lange Zeit hatte Fillon den Spitznamen «Mister Nobody». Auch hat in Frankreich niemand vergessen, dass Sarkozy seinen Premierminister abfällig als «seinen Mitarbeiter» bezeichnete.

Gern hat man auch das Bonmot des Komikers Coluche auf den ernsthaft bis depressiv wirkenden Fillon bezogen: Wenn irgendwo in der Welt ein Flugzeug abstürzt, hat er das Gefühl, es gehe auf seinen Füssen runter. Dass er dennoch als Favorit aus dieser Vorwahl hervorgegangen ist, verdankt er seinem Auftreten in den drei Fernsehdebatten: Als würde es im Augenblick mehr um ein Temperament denn um ein Programm gehen.

Den Wählern gefiel es am Sonntag, den eigentlichen Favoriten Alain Juppé tief abstürzen zu lassen. Der Premierminister aus den Zeiten von Präsident Jacques Chirac und langjährige Bürgermeister von Bordeaux hatte sich noch im Sommer «in aller Bescheidenheit» selbst als den «Mann des Augenblicks» bezeichnet, und aus nachvollziehbaren Gründen: Die Meinungsumfragen stützten seine bis an den Rand zur Arroganz ausgestellte Überzeugung, einen klaren Sieg zu erringen.

Sarkozy sprach sich nach Rückzug für Fillon aus

Das tatsächliche Ergebnis ist für ihn und seine Anhänger ein Schock. Die geographische Verteilung seiner Wahlerfolge weist ihn plötzlich als nahezu chancenlosen Kandidaten aus, weil er nur in der Umgebung von Bordeaux und in Paris punkten konnte. Noch bedrohlicher ist für seine Ambitionen, dass sich der Drittplatzierte Sarkozy noch am Sonntagabend für den Kandidaten Fillon erklärte. Letzterer darf deshalb, jedenfalls nach der bisher in Frankreich gültigen politischen Arithmetik, damit rechnen, am kommenden Sonntag viele Stimmen von Sarkozy-Anhängern zu bekommen.

Es gibt indes, in diesen häufig rätselhaften Zeiten, auf für Fillon noch einige Fragezeichen. Gut möglich, dass sich sein hervorragendes Abschneiden aus dem massenhaften Verhalten taktischer Wähler erklärt, die Juppés Sieg für ausgemacht hielten und den Wahlgang vor allem als möglichst machtvolle Anti-Sarkozy-Demonstration gestalten wollten.

Möglich ist aber auch, dass die Wähler Fillons ein katholisch-traditionelles Frankreich vertreten, das zu Beginn von François Hollandes Amtszeit in Massen auf die Strasse gegangen ist, um das Gesetz der Homoehe zu verhindern, ein provinzielles Frankreich also, das danach wieder durch den Radar der Medien gerutscht ist. Es hat sich an diesem Sonntag lautstark zurückgemeldet.

Erstellt: 21.11.2016, 09:56 Uhr

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