Das hässliche Kapitel im Handke-Streit

Visegrad in Bosnien war multikulturell – doch der serbische Terror änderte alles. Darum geht es in der Kontroverse um den Nobelpreisträger.

Die Beerdigung folgte erst Jahre nach ihrem Tod: Die Überreste von 152 bosnischen Muslimen, die bei den ethnischen Säuberungen im Krieg umkamen, werden 2001 in Visegrad beigesetzt. Bild: Reuters

Die Beerdigung folgte erst Jahre nach ihrem Tod: Die Überreste von 152 bosnischen Muslimen, die bei den ethnischen Säuberungen im Krieg umkamen, werden 2001 in Visegrad beigesetzt. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man kann sich schwer einen Ort ausdenken, an dem so epische Grausamkeiten begangen wurden und der zugleich so schön ist. Auf elf steinernen Bögen schwebt die Brücke über der Drina, seit mehr als vier Jahrhunderten, und verbindet die beiden Ufer des Flusses, der über die Epochen eine tosende Grenze zwischen Orient und Okzident bildete.

Heute gibt es in Bosnien viele Brücken, und die Drina ist kein alles mitreissender Strom mehr, sondern zwischen Staumauern verstummt. Schweigend steht das Wasser an diesem Herbstnachmittag unter den sanft ergrauten Steinbögen, und auch auf der Kapija, der balkonhaften Verbreiterung in der Mitte, ist es ruhig bis auf die rasselnden und knatternden Plastikspielzeuge der Kinder. Ein Junge schwingt ein orangefarbenes Minimaschinengewehr, sein Kumpel kommt mit einem lärmenden gelben Auto in der Hand den Spaziergängern entgegengelaufen.

«Soll ich euch die Tafel vorlesen?» Dann beginnt der Junge, elf Jahre ist er und heisst Vehbija, ein muslimischer Name, zu rezitieren, was da in arabischer Schrift in Stein gemeisselt steht. «Siehe, Mehmedpasa, der Grösste unter den Weisen und Grossen seiner Zeit / Erfüllte das Gelöbnis seines Herzens / Und mit seiner Fürsorge und seinem Eifer / Erbaute er eine Brücke über den Drinafluss.» Eine Huldigung des Grosswesirs, der im 16. Jahrhundert dieses Wunderwerk errichten liess. Nein, nein, er könne kein Arabisch lesen, schiebt der Junge bescheiden hinterher, er habe die Übersetzung auswendig gelernt, aus dem Buch von Ivo Andric.

Natürlich, «Die Brücke über die Drina», das Jahrhundertwerk des nobelpreisgekrönten jugoslawischen Schriftstellers, der seine Kindheit hier in Vise­grad verbrachte und die Brücke zur Hauptfigur seiner Erzählung machte. Es flanieren Spieler, Beamte und Liebeskranke darüber, und dann kommen die Österreicher und stülpen der bosnischen Stadt ihren effizienten Verwaltungsapparat über, bis sie im Ersten Weltkrieg Teile der Brücke sprengen.

Will man genauer wissen, was 1992 hier passierte, muss man lange suchen. 

Aber war da nicht noch was? Dinge, über die Andric nicht schreiben konnte, weil sie erst nach seinem Tod im Jahr 1975 passiert sind? Die alle Grausamkeiten der vorigen Jahrhunderte überschatten? Visegrad, so hat es das UNO-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien formuliert, war «einer der umfassendsten und skrupellosesten Kampagnen ethnischer Säuberung im bosnischen Konflikt ausgesetzt». Serbische Milizen vertrieben und massakrierten muslimische Einwohner. Will man genauer wissen, was 1992 hier passierte, muss man lange suchen. Die «kleine Stadt für einen grossen Urlaub», wie sie sich in den Tourismusprospekten nennt, setzt sehr viel daran, Reisenden den Blick auf ihr jüngstes und hässlichstes Kapitel zu verstellen.

1991 waren 63 Prozent der Bewohner von Visegrad Muslime. Sechs Jahre später nur noch weniger als ein Prozent. Der Träger des Deutschen Buchpreises 2019, Sasa Stanisic, stammt aus Visegrad. In seinem Buch «Herkunft» erzählt er, wie er vor dem Krieg mit seinen Cousinen dort auf einer Treppe sass, Kaufladen spielte und Puppen verhaute. Die Cousinen leben heute in Frankreich, er in Hamburg. «Über Visegrad sprechen wir seit Visegrad nicht mehr», schreibt er.

Die Republika Srpska, die 1995 per Dayton-Vertrag beschlossene serbische Teilrepublik Bosniens, sei «in einem Gebiet erschaffen worden, in dem nie zuvor ein serbischer Staat existiert hatte», jubelte damals Serbiens Präsident Slobodan Milosevic, der den Konflikt geschürt hatte: «Das ist eine historische Leistung.» So leben Serben und Muslime heute in zwei Ländern, aber unter dem Dach eines Staates vereint; Vise­grad liegt im serbischen Teil.

Hat man Glück, trifft man in der Stadt auf Menschen wie Edin Karaman. Er ist bosnischer Muslim und arbeitet als Beauftragter der Regierung für die Unterstützung von Rückkehrern. Von Menschen also, die damals rechtzeitig vor den Massakern der serbischen Milizen geflohen sind – und beschlossen haben, die «ethnische Säuberung» ihrer Heimat nicht als Dauerzustand zu akzeptieren.

Streit um das Wort Genozid

Karaman, ein gross gewachsener Mann mit blauen Augen und aufrechter Körperhaltung, schreitet einen Hügel hinauf. Vorbei am muslimischen Friedhof, auf dem die Gräber mit dem Todesjahr 1992 ein eigenes, grosses Feld bilden. An einem Grabstein lehnen zwei Plüsch­bären, der Junge, der darunter begraben liegt, wurde gerade sieben Jahre alt. «Sein Vater war ein Freund von mir», sagt Karaman.

Das Wort Genozid haben die Behörden aus der weissen Stele am Eingang herausmeisseln lassen, Hinterbliebene haben es in schwarzen Lettern neu daraufgepinselt. Die wiederum sind jetzt mit weisser Farbe überstrichen. «Es ist ein ständiges Ringen um die Wahrheit», sagt Karaman.

Er biegt auf einen Trampelpfad ein, der auf ein Haus mit frisch getünchter weisser Fassade zuläuft. Nur wer nah herangeht, sieht die Schmauchspuren an der nicht renovierten Aussenwand des Untergeschosses. Mindestens 59 Menschen sind hier am 14. Juni 1992 lebendig verbrannt, sie wurden von serbischen Milizen hineingetrieben und dann mit Sprengsätzen beworfen. Unter den Toten war laut Zeugenaussagen ein zwei Tage altes Baby.

Muslimische Bosnier haben das Haus mit eigenem Geld herrichten lassen, um es zu schützen; die Stadtverwaltung hatte schon Pläne, die Ruine abzureissen und eine Strasse darüber hinweg zu bauen. Von der Fassade allerdings laufen Spuren von Eiweiss und Dotter herab; jemand muss die Eier erst vor ein paar Tagen gegen die Wände geworfen haben. «Da sieht mans», sagt Edin Karaman. «Es schwelt alles weiter.»

Handke war 1996 in Visegrad und erzählt davon in seinem «Sommerlichen Nachtrag zu einer winterlichen Reise» . 

Will man Karamans Vorgesetzten sprechen, den Bürgermeister von Vise­grad, muss man zwischen allerlei Kulissen hindurch. Die Stadtverwaltung hat sich in einem Neubau mitten in «Andricgrad» niedergelassen, einer künstlichen Geschichtslandschaft, die der serbische Regisseur Emir Kusturica mit Geldern der bosnisch-serbischen Regierung auf einer Landzunge bauen liess, wo der Nebenfluss Rzav in die Drina mündet. Kusturica wolle hier Ivo Andrics Werk verfilmen, heisst es.

Hier hängt auch ein Plakat, das eine Veranstaltung von Kusturica ankündigt: «Peter Handke – Apostel der Wahrheit». Handke, der 1996 in Visegrad war und in seinem «Sommerlichen Nachtrag zu einer winterlichen Reise» davon erzählt. Der darin Berichte der «New York Times» über Massaker an Muslimen vier Jahre zuvor anzweifelt. Der von seinem kühlenden Bad in der Drina erzählt, wobei die Erfrischung so ganz unbeschwert dann doch nicht war: «Kein Wasser, siehe die Wasserleichengeschichten, in den Mund kommen lassen!», notierte Handke.

Srpska, Serbien, Russland

Mladen Djurevic, der Bürgermeister, ein kantiger Mann mit sorgfältig konturiertem Dreitagebart, nimmt am Ende eines Besprechungstisches Platz, auf dem vier Fähnchen aufgereiht sind: das Stadtwappen von Visegrad. Die Flagge der Republika Srpska, der serbischen Teilrepublik im heutigen Bosnien. Die der benachbarten Republik Serbien. Und die russische Staatsflagge.

«Die Brücke änderte sich weder mit den Jahren noch mit den Jahrhunderten, noch mit den schmerzlichsten Wendungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen.»Ivo Andric, Autor

Er habe schlechte Erfahrungen mit der ausländischen Presse gemacht, sagt er als Erstes: Es sei mal eine britische Reporterin da gewesen, die ihn alles Mögliche zu Ivo Andric und der Brücke gefragt habe, und am Ende habe sie vor allem über den Bosnienkrieg geschrieben. «Das ist nicht fair», sagt Djurevic mit festem Blick auf den Besucher.

Ivo Andric hat einen Satz in seine Brückenchronik geschrieben, der wohl bis heute gilt: «Die Brücke änderte sich weder mit den Jahren noch mit den Jahrhunderten, noch mit den schmerzlichsten Wendungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen. All das ging über sie hinweg, wie das unruhige Wasser unter ihren glatten und vollkommenen Bögen dahinfloss.»

Erstellt: 10.12.2019, 19:25 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Blinder auf dem Balkan

Analyse Nobelpreisträger Peter Handke verhöhnt die Opfer der Balkankriege und missbraucht die Sprache, um die Täter zu amnestieren. Er sollte geächtet und nicht gewürdigt werden. Mehr...

«Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen!»

Literaturnobelpreisträger Peter Handke ist mit der Kritik von Saša Stanišic konfrontiert worden. Nun will er nicht mehr mit Journalisten reden. Mehr...

Windfahne in der Weltgeschichte

Genialer Schriftsteller, grosser Opportunist: So erscheint Ivo Andric, jugoslawischer Nobelpreisträger, in einer Biografie des deutschen Journalisten Michael Martens. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...