Das wahre Gesicht der Marine Le Pen

«Charlie Hebdo» hat einen Comic über die Rechtspopulistin veröffentlicht. Er erzählt vom 7. Mai 2017, dem Sonntag der entscheidenden Runde in Frankreichs Präsidentenwahl.

Das Cover des Comics über Marine Le Pen. Foto: «Charlie Hebdo»

Das Cover des Comics über Marine Le Pen. Foto: «Charlie Hebdo»

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Er lächelt immer, egal, was passiert. Richard Malka lächelte auch am 9. Januar 2015, als er als Anwalt von «Charlie Hebdo» vor die Weltpresse trat. Zwei Tage zuvor waren in den Redaktions­räumen des Satiremagazins zwölf Menschen ermordet worden, viele Freunde darunter, elf weitere waren verletzt worden, vier sehr schwer, darunter auch der Zeichner Riss. Zwei Tage nach dem Attentat trafen sie das erste Mal wieder aufeinander. Sie nannten es die «Redaktionskonferenz der Überlebenden».

Bald zwei Jahre danach sitzt Malka im kleinen Büro seiner Pariser Anwaltskanzlei in der vornehmen Rue du Faubourg Saint-Honoré, wie immer schwarz gekleidet, die wenigen Haare kurz geschoren, Motorradstiefel an den Füssen, einen schwarzen Ring am Finger, und muss zugeben, dass sich Frankreich seither verändert habe. «Wir haben unsere Leichtigkeit verloren. Eine seltsame Form von Schwere hat Einzug gehalten.» Über seinem Schreibtisch hängen Comicstrips von Roy Lichtenstein: «The enemy would have been warned», Patronenhülsen fallen aus einem Colt. Im Regal liegen Ordner mit Aufschriften wie «DSK Diverses» und «Carla Bruni gegen Buisson». Malka sitzt hinter seinem Schreibtisch und lächelt.

Am Anfang stand Caroline

Er ist nicht nur der Anwalt von «Charlie Hebdo», von Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn und Ex-Model Carla Bruni, er verteidigt überall dort, wo er das Recht auf freie Meinungsäusserung, das Recht auf Privatsphäre oder das Prinzip der Laizität in Gefahr sieht. Sein erster Fall als Anwalt war eine Zeichnung aus «Charlie Hebdo». Riss gegen Caroline von Monaco. Das war 1992. Malka war damals 24, Riss 26. Seither sind sie unzertrennlich. Inzwischen ist Riss Chefredaktor von «Charlie Hebdo» und musste das Magazin durch diverse Krisen nach dem Attentat steuern.

Zusammen haben sie ein Comic veröffentlicht: «La face crashée de Marine Le Pen». Das Wortspiel des Titels lässt sich kaum übersetzen. Sagen lässt sich so viel, dass es um das wahre Gesicht der Marine Le Pen geht. Erzählt wird ein einziger Tag, der 7. Mai 2017, der Sonntag der zweiten Wahlrunde. Der Text stammt von Malka, die Zeichnungen von Riss. Ihr Comic «Das wahre Gesicht von Sarkozy», pünktlich zum Wahlsieg 2007 erschienen, hatte sich damals 250'000-mal verkauft.

Riss lässt an diesem Morgen auf sich warten. «Schlechtes Zeichen», sagt Malka. Seine Bodyguards hätten längst das Büro sichern müssen. Wahrscheinlich, vermutet Malka, hat er den Termin vergessen. Typisch Riss. Auch ein Handy hat er erst, seit er Boss von «Charlie» ist. Aber benutzen tut er es nicht.

Wer ist Marine Le Pen wirklich? Riss und Malka zeigen eine Frau, die nicht reif ist für die Macht, die sie auch nie wollte. «Sie zweifelt viel an sich, sie hat kein Selbstbewusstsein», sagt Malka. Die Zeichnungen von Riss zeigen eine unglückliche Marine Le Pen, deren Gesichtszüge merkelähnlich nach unten hängen. Sicher, da ist ihre Phase als junges Partygirl, von der sie ihrem Analy­tiker berichtet. Sie lässt sich mit Musik von Dalida wecken. Aber das kann sie nicht mehr ausleben.

Nicht die Gefährlichste

«La face crashée de Marine Le Pen» zeigt nicht die machtbewusste, eiskalte Poli­tikerin, als die sie sich inszeniert, eher eine Frau, die wider Willen in die Politik gegangen ist, nachdem ihre beiden äl­teren Schwestern vom Vater Jean-Marie Le Pen wegen politischer Untreue ab­serviert worden waren. Anfangs hat sie es gemacht, um dem Vater beizustehen und ihn zu verteidigen, so Malkas Analyse. Am Ende verlangt die Logik ihres Aufstiegs von ihr, ihn aus der Partei auszuschliessen und den Vatermord zu verüben.

Malka bezeichnet sich als «klarsichtig, mit Tendenz zum Optimismus». Riss ist «klarsichtig, mit Tendenz zum Pessimismus». Beide bürsten sie das Bild der Rechtspopulistin ordentlich gegen den Strich. «Marine Le Pen einfach als Faschistin darzustellen, das bringt gar nichts», sagt Malka, «ausser einem guten Gewissen.» Seit Jahrzehnten werde das so gemacht, aber ihren Aufstieg habe das nicht verhindert. Deshalb wollten sie weder verteufeln noch «entdiabolisieren», wie Le Pen ihre Strategie selbst nennt. «Marine Le Pen ist nicht die Gefährlichste, ihre Berater sind gefährlich», sagt Malka, «die ganze Partei drum herum.»

Im Comic erscheint der FN als ein Familienunternehmen in Expansion, voller Widersprüche, ohne klare politische Linie und mit einer einzigen Gemeinsamkeit: Angst vor Einwanderern und Flüchtlingen zu schüren. «Der FN hat das in seiner DNA, Le Pen in ihrem Namen», sagt Malka und fügt hinzu: «Wenn die Wähler des FN eines Tages merken, dass Marine Teil des Systems ist, dass sie eigentlich ein Partygirl ist, dass sie sich mit Homosexuellen umgibt und in Wahrheit ein linksextremes wirtschaftliches Programm hat, dann werden sie vielleicht aufwachen und sich sagen: Das wollen wir nicht.»

Das Telefon klingelt. Es ist Riss. Er hat den Termin tatsächlich vergessen. Aber ein paar Fragen müssen erlaubt sein. Zum Beispiel danach, warum «Charlie Hebdo», nachdem das Magazin mit Zeichnungen des ertrunkenen Flüchtlingskinds Aylan viele schockiert hatte, beim Erdbeben im italienischen Ar­matrice nachgelegt hat. «Das ist das ewige Problem von ‹Charlie›», sagt Riss. «Wir hatten schon immer einen schwarzen Humor. Wir werden unsere Identität nicht verleugnen.» Aber hat nicht auch der schwarze Humor seine Grenzen dort, wo der schlechte Geschmack beginnt und man sich über unschuldige Opfer lustig macht? «Nein», sagt Riss, «wir machen uns nicht über Opfer lustig. Es ist schrecklich, was in Italien passiert ist. Aber selbst über das Schreckliche muss man lachen dürfen.» Dass in der italienischen Presse wiederum den Leuten von «Charlie» das Schlimmste und sogar der Tod gewünscht wurde, kann Riss nicht verstehen: «Wir wünschen niemandem den Tod. Wir versuchen nur, das Dramatische zu entdramatisieren, Abstand zu gewinnen, um es besser zu ertragen.»

Lachen, trotz allem

Das gilt auch für Le Pen: lachen darüber, wo einem eigentlich nicht mehr zum Lachen zumute ist. Liest man den Comic, drängt sich das Gefühl auf, die rechtspopulistische Partei sei ein Haufen von Chaoten, die vor allem «Tresengewäsch» verbreiten, wie es Malka nennt. Aber der Anwalt warnt: «Sie sind dabei, professionell zu werden. Sie rekrutieren immer mehr hohe Beamte und Abgänger von Eliteschulen, die die Codes der Macht beherrschen.»

Malka und Riss haben beide keinen Zweifel: Egal, gegen wen Marine Le Pen antreten wird, sie wird siegreich aus der ersten Wahlrunde gehen. Ob sie Chancen hat, die zweite Runde am 7. Mai zu gewinnen, lassen sie offen. Am Ende stehen zwei Reden, die eine hält sie als Siegerin, die andere als Verliererin. Ob ihm noch zum Lächeln zumute wäre, wenn sie gewänne? «Das Lächeln gehört zu meiner Natur», sagt Malka. Es ist seine Form der Verteidigung. Lächeln helfe, sagt er, selbst das Schlimmste zu verdauen.

Erstellt: 19.10.2016, 21:13 Uhr

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