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«Das war erniedrigend»

Die türkische Menschenrechtlerin Idil Eser hat wegen Terrorverdachts mehrere Monate im Gefängnis verbracht. Die Vorwürfe der Justiz nennt sie absurd.

«Mein schwarzer Humor und meine Geduld haben mir geholfen»: Idil Eser. Foto: Enrique Muñoz García
«Mein schwarzer Humor und meine Geduld haben mir geholfen»: Idil Eser. Foto: Enrique Muñoz García

Sie sassen wegen Terrorverdachts vier Monate im Gefängnis in Istanbul. Was war grösser: die Angst oder die Wut?

Ein wütender Mensch bin ich nicht. Aber ich empfand die Situation als absurd und surreal, denn die Anschuldigungen sind haltlos, geradezu lächerlich. Mein schwarzer Humor und meine Geduld haben mir geholfen; trotzdem war ich depressiv. Meine einzige Interaktion mit der Polizei war bisher eine Strafanzeige, weil Diebe bei mir eingebrochen haben. Nie hätte ich gedacht, dass ich als Amnesty-Direktorin in diese Lage kommen würde.

Das hat es ja auch noch nie gegeben: dass die gesamte Spitze einer Amnesty-Ländersektion verhaftet und angeklagt wird . . .

… und wir haben nun die zweifelhafte Ehre, dass dies ausgerechnet in unserer Heimat geschieht. In der Türkei ist eben alles möglich – gute wie schlechte Dinge. Das Land ist sehr dynamisch, und in der Vergangenheit überschlugen sich die Ereignisse immer wieder, ohne dass sie jemand vorhergesehen hätte.

Das klingt irgendwie versöhnlich, obwohl Sie im Gefängnis gelitten haben. Was hat die Haft mit Ihnen gemacht?

Sie hat mich verändert. Ich hatte noch nicht genug Zeit, um darüber nachzudenken, wie weitreichend. Der Prozess läuft ja noch. Sicher hat die Haft mich zu einer besseren Menschenrechtsaktivistin gemacht: Ich weiss jetzt, wie es sich anfühlt, unschuldig im Gefängnis zu sitzen. Und ich bin weniger klaustrophobisch als zuvor.

Wie sah Ihr Alltag in der Zelle aus?

Schlimmer als die Enge der Zelle war die Isolation. Ich hatte zwar eine Zellnachbarin, aber wir entstammten unterschiedlichen Welten. Weil ich keine engen Verwandten habe, galten für mich strengere Auflagen für Besucher. Lange durfte ich nur meinen Anwalt sehen. Später brauchte ich für jeden Gast einen Einzelantrag, und ich durfte nur durch eine Glaswand kommunizieren. Erst im Gefängnis merkt man, wie wichtig kurze Gespräche im Alltag sind. Zudem hatte ich gesundheitliche Probleme. Für den Transport ins Gefängnisspital wurden mir Hand- und Fussschellen angelegt. Das war erniedrigend.

Über 50'000 Türkinnen und Türken sitzen aus politischen Gründen im Gefängnis. Besteht Hoffnung für diese Menschen?

Ich habe mich in meiner schwierigen Situation entschieden, hoffnungsvoll zu sein. Und das gilt auch für die anderen politischen Häftlinge: Es gibt immer Hoffnung! Besonders in der Türkei, wo nichts für immer währt. Allerdings muss man unterscheiden zwischen den Inhaftierten, die 2016 in den Putschversuch involviert waren, und jenen, die nur mit ihnen sympathisieren. Ich glaube, der Regierung ist nun bewusst, dass sie alle über einen Kamm geschert und es Ungerechtigkeiten gegeben hat.

Das glauben Sie ernsthaft?

Zunehmend, ja. Denn auch in der AKP-Basis und in der regierungsnahen Presse wird kritisch über diese ungerechten Fälle berichtet. Viele Häftlinge sind zudem nicht einmal Sympathisanten der Putschisten, sondern nur Aktivisten.

Daneben wurden über 100'000 Menschen entlassen sowie Medien und NGOs geschlossen. Welche Repression wiegt am schwersten?

Die Klammer über all dem: Wir dürfen in der Türkei unsere Meinung nicht mehr frei äussern. Voraussetzung dafür wären ein kritischer Journalismus und aktive Menschenrechtsorganisationen.

«Angst ist ein sehr menschlicher Instinkt.»

Zensurieren auch Sie sich selber, seit der Prozess gegen Sie läuft?

Wenn man für einen Tweet, einen Facebook-Post oder einen in der Öffentlichkeit geäusserten Satz inhaftiert werden kann, ist das doch normal, oder? Jedenfalls tun es die meisten. Man wägt immer ab: Lohnt sich das Risiko für das, was ich zu sagen habe, tatsächlich? Angst ist ein sehr menschlicher Instinkt.

Präsident Erdogan hat die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen auf den 24. Juni vorgezogen. Wie wird die Türkei danach aussehen?

Das weiss ich nicht, in der Türkei ist immer alles möglich. Sicher ist nur, dass unser grösstes Problem fortbestehen wird: Wir Türken sind nicht mehr fähig, miteinander zu diskutieren. Wir finden keine Kompromisse mehr. Wir schimpfen uns gegenseitig Verräter. Sowohl Präsident Erdogan als auch die Opposition glauben, den richtigen Weg für das Land zu kennen.

Nach diesem Wahltag wird Erdogan seine Macht noch stärker ausgebaut haben. Wer kann ihn dann noch stoppen?

Einen nachhaltigen Wandel kann in jedem Land nur die Zivilgesellschaft herbeiführen. In der Türkei ist sie allerdings gespalten in der Frage, ob Erdogan der richtige Präsident ist.

Was kann die internationale Gemeinschaft tun?

Sie muss in erster Linie wegkommen von ihren Doppelstandards: Menschenrechtsverletzungen gibt es auch in den USA, in Ungarn oder Indien. Glaubwürdig verurteilen kann dies nur, wer die Menschenrechte im eigenen Land achtet.

In der Schweiz gibt es Druck im Parlament: Der Bundesrat müsse Erdogans Vorgehen schärfer verurteilen.

Personalisierte Botschaften verbessern die Situation bestimmt nicht; extreme Rhetorik bewirkt nichts. Es ist in der Diplomatie immer sinnvoller, die konkrete Politik und nicht die Person dahinter zu kritisieren.

Dann halten Sie es mehr mit der Strategie des Bundesrats, der einen «konstruktiv-kritischen Dialog» mit der Regierung in Ankara für zielführender hält?

Ja, denn es ist wichtig, die Kommunikationskanäle offen zu halten. Isolation führt zu mehr Problemen, schauen Sie nur nach Nordkorea! Auch Sanktionen oder die Aussetzung der Verhandlungen zum erweiterten Freihandelsabkommen mit der Türkei, wie sie jetzt gefordert wird, machen wenig Sinn. Menschenrechte sollten zwar immer Bestandteil wirtschaftlicher Verhandlungen sein. Aber mit einem Boykott trifft man die Bevölkerung.

Der Prozess gegen Sie wird im Juni fortgesetzt; Ihnen drohen 15 Jahre Haft. Werden Sie politisches Asyl beantragen?

Nein. Ich bin türkische Bürgerin. Ich will in meinem Land leben, es ist Teil meiner Identität. In den 54 Jahren meines Lebens habe ich turbulente Zeiten in der Türkei erlebt. Und die Überzeugung gewonnen, dass die Dinge nicht statisch sind, dass es immer Veränderungen gibt.

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