«Der Brexit ist ein Fehler. Das wird die Hölle»

Nordirlands Grenzen sind der Knackpunkt für Mays Brexit-Deal. Und Drummully steckt mittendrin – Besuch in einem Ort, der praktisch nur aus Grenzen besteht.

Wer die Strassen Drummullys entlangfährt, übertritt ständig Grenzen. Diese Brücke liegt in Irland, das Gebiet vor und hinter ihr in Nordirland. Foto: Cathrin Kahlweit

Wer die Strassen Drummullys entlangfährt, übertritt ständig Grenzen. Diese Brücke liegt in Irland, das Gebiet vor und hinter ihr in Nordirland. Foto: Cathrin Kahlweit

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Die Vordertür der Conlons hat keine Falle und keine Klingel. Hinter dem Haus muhen ein paar Kühe im Stall, sonst ist alles still. Das Klopfen an der Haustür führt zu kurzer Verunsicherung bei den Bewohnern. Von vorn kommen nur Fremde, und Fremde sind selten in dieser Gegend. Man kennt sich hier, in Drummully im Landkreis Monaghan, und wer Tom Conlon besuchen will, geht üblicherweise hintenherum.

Conlons Frau öffnet nach einigem Zögern die Haustür, räumt Krimskrams von Stühlen und Tischen, wirft Feuerholz ins kalte Cheminée. Die Messe in der Kirche ist vorbei, sie wurde bereits morgens um neun gehalten. Tom Conlon ist 80 Jahre alt und geht nicht mehr viel raus. Sein Geld verdient er, immer noch, mit einem Marktstand für Kleider und nützliches Allerlei, doch der Markt findet samstags statt.

Der alte Herr ist nicht nur Bauer und Händler, er gilt auch als regionale Institution und Hobbyhistoriker. Conlon kennt sich aus: Er ist hier geboren und besitzt Land auf beiden Seiten der Grenze. «Fragen Sie Tom», hatte Noel Rafferty in seinem Haus auf dem Hügel gesagt, obwohl er selbst auch sein ganzes Leben an der Trennlinie zwischen der Republik Irland und dem Königreich gelebt und eine sehr klare Meinung zu der ganzen Misere hat. «Der Brexit ist ein Fehler. Das wird die Hölle. Wir sind die Opfer.»

«Ruhig bleibt das hier nicht.»

«Fragen Sie Tom», hatte auch der Polizist geraten, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte und seit 37 Jahren an der Grenze Dienst schiebt, nie weiter als zehn Kilometer von ihr entfernt. Polizeikräfte und Armee in Belfast und Dublin hätten längst umfassende Pläne für die Zeit nach dem EU-Austritt erstellt, sagt der Beamte. Denn «ruhig bleibt das hier nicht».

Die grosse Politik ist eigentlich weit weg von Drummully, die meisten Nachbarn hier wollen nichts damit zu tun haben. Sie reden untereinander, aber sie halten sich gegenüber Fremden bedeckt. Dabei stecken sie doch mittendrin. Konflikte in dieser Gegend spielten sich immer an der Grenze ab. Denn die Grenze war ein Grund für die Konflikte – und ist es wieder. Vor allem hier, in Drummully, ist das alles so präsent wie nirgendwo sonst. Der kleine Fleck Land, elf Kilometer lang und maximal drei Kilometer breit, bekannt als Drummully Polyp oder Drummully-Landzunge, ragt in den nordirischen Landkreis Fermanagh hinein und besteht praktisch nur aus Grenze, mit ein paar Bauernhöfen und Schafen, einer Kirche, einem Kirchhof und etwa 200 Bewohnern.

Pfund und Euro im Portemonnaie

Er ist eine geografische Besonderheit, eine Semi-Enklave, die zu Irland gehört, aber nur aus Nordirland, also aus Grossbritannien, erreichbar ist. An der schmalsten Stelle öffnet sich der Polyp gerade mal hundert Meter, der Fluss Finn fliesst hindurch. Über die zweitschmalste Stelle führt eine Brücke. Noel Rafferty könnte über sie, wenn er wollte, schnell die paar Hundert Meter zu Tom Conlon zum Sonntagsbesuch fahren.

«Wir Einheimischen haben unsere Gegend früher auch Drummully-Republik genannt», sagt Conlon und richtet sich in seinem Lehnstuhl ein, «weil wir uns hier immer als etwas Besonderes, Eigenständiges betrachtet haben. Die Einheimischen in der Gegend haben gut kooperiert, egal, wo sie politisch standen. Etwas anderes konnten wir uns – schon wegen der Geografie – auch nie leisten.» Wenn es Tote gegeben habe während des Bürgerkriegs, «dann waren das Fremde».

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Wohnt Conlons alter Freund Noel Rafferty in seinem Haus hinter der Brücke eigentlich in Nordirland oder in Irland? Man hatte vergessen, ihn zu fragen. Aber gegenwärtig, kurz vor dem Brexit, wäre das ja auch völlig irrelevant; die Grenze existiert längst nur noch virtuell. Rafferty, Conlon und die anderen Nachbarn, sie alle tragen sowohl Pfund als auch Euro in der Hosentasche. Sie haben, weil es das Friedensabkommen von 1998 erlaubt, alle einen irischen Pass, teils eben zusätzlich zum britischen, wenn sie im Norden geboren wurden. Sie fahren zum Einkaufen nach Norden und zum Arzt nach Süden, und meist wissen nur noch die ganz Alten, wo sie gerade sind – hüben oder drüben. Gefühlt ist alles eins. Noch.

Die Grenze war schon vergessen, unsichtbar geworden. Nordirland und Irland waren mit dem Start des Europäischen Binnenmarktes 1993 und dem Friedensabkommen, das den Bürgerkrieg beendete, in rasender Geschwindigkeit zusammengewachsen. Aber seit drei Jahren, seit dem Brexit-Referendum, ist die Grenze in den Köpfen wieder da. Alle reden darüber. Die Zeitungen drucken Spezialausgaben mit Karten und Analysen. Ökonomen rechnen aus, was eine – wie auch immer geartete – Zollgrenze auf der Insel die Wirtschaft kosten könnte.

Grosse Mehrheit für weiche Grenze

Der irische Premier, Leo Varadkar, sagt, es dürfe niemals wieder eine befestigte, sichtbare Grenze in Irland geben. Gut möglich, dass es anders kommt. Die Chefin der gesamtirischen Sinn-Fein-Partei, Mary Lou McDonald, die für eine Wiedervereinigung von Nord und Süd kämpft, wütet: «Wir Iren lassen uns nicht beiseiteschieben, damit die Briten den Fantasie-Brexit erreichen können, von dem sie ständig salbadern. Es darf keine harte Grenze geben, und wir werden Rechte und Schutz verteidigen, die uns das Karfreitagsabkommen gewährt.» Gut möglich, dass sie sich irrt.

Was nach dem 29. März kommt? Ein harter Brexit, ein weicher Brexit, gar kein Brexit? Wird es den sogenannten Backstop geben, mit dem Nordirland praktisch im EU-Binnenmarkt bliebe, bis sich London und Brüssel auf ein Freihandelsabkommen geeinigt haben? In London ist der Backstop so umstritten unter den Abgeordneten, dass das ganze Abkommen daran scheitern könnte.

Bis auf die probritische, protestantische DUP, die Theresa May in London ihre Mehrheit beschafft, ist in Nordirland praktisch jeder dafür, dass der Backstop kommt – als Versicherung für Wohlstand und Frieden. Damit alles bleibt, wie es ist. Aber Teile der Tories und die DUP wollen dagegen stimmen, weil sie sagen, die Sonderlösung für Nordirland spalte das Königreich.

Totalcrash möglich

Bisher hat Theresa May ihren Austrittsvertrag – wegen des Backstops – nicht durch das Unterhaus bekommen, sie spielt auf Zeit. Sollte es einen Deal in letzter Minute geben, würden trotzdem Zollkontrollen nötig, egal, wie elegant die Lösung wird. Es müsste immerhin Stichproben geben, mobile Zollposten vielleicht, aber auch Personenkontrollen, um illegale Einwanderung zu verhindern, die Polizei müsste Schmuggler bekämpfen. Man könne das schönreden, sagen Conlon und seine Nachbarn. Aber das gemeinsame Gefühl der Bedrohung wächst.

Gibt es gar keinen Kompromiss im Unterhaus, könnte es sogar einen Totalcrash geben, einen Austritt ohne Vertrag, weil sie sich in London verspekulieren und vertaktieren. In der EU-Kommission in Brüssel wird die Gefahr eines No Deal derzeit als extrem hoch eingeschätzt. Damit wäre dann sogar wieder eine klassische Zollgrenze zwischen den zwei Ländern da, mit Posten, Kontrollen und Drohnen, mit Zollbeamten und Polizisten.

Es drohen Schlangen an der Grenze

Bis die Grenzen mit dem Binnenmarkt fielen, war der Drummully-Polyp Beispiel für Gesetz und Gesetzlosigkeit, für Theorie und Praxis, für Irrsinn und Bürgersinn. Nur zwei offizielle Posten habe es früher im Osten und Westen der Enklave gegeben, sagt Conlon. Schliesslich mussten ja alle – Iren, Briten, Nordiren, Zivilisten und Militärmitglieder – mittendurch, um den längeren Weg aussen herum zu vermeiden. Die Durchgangsstrasse, deren Name ständig zwischen N54 (irisch) und A3 (nordirisch) wechselt, war eine «concession road», eine Art Mautstrasse ohne Maut. Eine Stunde, manchmal mehr, habe man an den Kontrollposten gestanden, die Soldaten bewaffnet bis an die Zähne. «Wir haben uns einen Spass gemacht, die Soldaten auszutricksen. Sind hinter den Häusern herum, über die Höfe», sagt Conlon.

Die Polizei hatte die Strassen quer über die Grenze mit hohen Spikes abgesperrt, weil das Personal fehlte, um alle Wege zu kontrollieren: Mit dem Töff – und auch mit Mulis – kam man gut durch. Strassen, die absichtlich zerbombt waren, wurden nachts heimlich wieder aufgefüllt. Conlon hat so eine Ahnung, dass alles wiederkommt. «Die junge Generation», sagt er, «hat noch weniger Respekt vor Autoritäten als wir. Und es werden auch wieder Leute kommen, die ihre Chance suchen: Schmuggler, politische Hasardeure, Träumer, die für die Wiedervereinigung kämpfen. Es ist den Menschen angeboren, dass sie frei sein wollen.» Seit dem Osteraufstand von 1916, sagt Conlon nachdenklich, kämpften viele seiner Landsleute für eine unabhängige, gesamtirische Republik. «Jetzt sind die Leute dafür wieder empfänglich. Mit dem Brexit wird alles von vorn losgehen.»

In Drummully Polyp und drumherum ist man sich einig: Brexit ist Mist. Und der Backstop, der Status quo, muss her, damit die Grenze nicht wiederkommt. Dabei sind beileibe nicht alle glühende Europa-Fans. Das sei schon eine korrupte Kaste da in Brüssel, hört man immer wieder, die sich in alles einmischen wolle. Aber der Preis, finden sie, ist einfach zu hoch. Viele Iren, glaubt Tom Conlon, fühlten sich, wie schon so oft in ihrer Geschichte, von den Briten ignoriert, überfahren, geopfert. «Das wird Ärger geben.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.03.2019, 09:13 Uhr

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