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Sprechchöre gegen Erdogan bei Trauerfeier in Ankara

Tausende gedenken in Ankara der Opfer des Anschlags vom Samstag. Die Kritk an Präsident Erdogan nimmt zu.

Trauerfeier nach dem Anschlag von Ankara: Angehörige am Sarg von Korkmaz Tedik. (11. Oktober 2015)
Trauerfeier nach dem Anschlag von Ankara: Angehörige am Sarg von Korkmaz Tedik. (11. Oktober 2015)
AFP
Minister- und Justizpräsident Ahmet Davutoglu erklärt am Montag, dass die Regierung Forschritte bei der Ermittlung gemacht habe. Erste Priorität bei der Untersuchung habe der IS. (7. Oktober 2015)
Minister- und Justizpräsident Ahmet Davutoglu erklärt am Montag, dass die Regierung Forschritte bei der Ermittlung gemacht habe. Erste Priorität bei der Untersuchung habe der IS. (7. Oktober 2015)
Emrah Gurel, Keystone
Die Situation vor Ort ist chaotisch. (10. Oktober 2015)
Die Situation vor Ort ist chaotisch. (10. Oktober 2015)
screenshot/Twitter
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Nach dem verheerenden Terroranschlag auf eine Friedenskundgebung in Ankara hat die prokurdische Partei HDP schwere Vorwürfe gegen die türkische Regierung erhoben. Einer der beiden Parteiführer, Selahattin Demirtas, sagte vor Trauernden in der Hauptstadt: «Der Staat, dem kein Flügelschlag eines Vogels entgeht, war nicht in der Lage, ein Massaker im Herzen von Ankara zu verhindern».

Zum Begräbnis von einem der 95 Anschlagsopfer kamen Tausende. Bei der Zeremonie für den 25-jährigen Korkmaz Tedik wurden die Namen aller Opfer verlesen, die bisher von den Behörden identifiziert wurden. Nach einer Schweigeminute gab es Sprechchöre gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und die Regierung.

IS und PKK verdächtigt

Am Ort des Anschlags gab es ein Handgemenge zwischen Polizisten und Trauernden, die angeführt von Demirtas und der HDP-Kovorsitzenden Figen Yüksekdag der Opfer gedenken wollten. 70 von ihnen wurde es schliesslich gestattet, den abgeriegelten Platz vor dem Hauptbahnhof zu betreten.

Wer hinter dem Anschlag auf die Demonstration von Oppositionellen steckte, war auch am Sonntag noch unklar. Die Regierung hatte erklärt, einiges deute auf kurdische Rebellen oder die Terrormiliz Islamischer Staat hin. 14 mutmassliche IS-Mitglieder wurden am Sonntag in der Stadt Konya festgenommen. Ob es einen Zusammenhang zu dem Anschlag gab, war aber unklar.

Die Türkei geht seit mehreren Monaten verstärkt gegen den IS vor, auch mit vereinzelten Luftangriffen in Syrien. Vor allem richtete sich der Militäreinsatz aber gegen die kurdischen Rebellen der PKK. Diese verkündeten nach dem Anschlag eine einseitige Waffenruhe bis zur Parlamentswahl am 1. November. Das türkische Militär griff aber am Sonntag weiter PKK-Stellungen im Nordirak an.

Die Bomben explodierten am Samstag im Abstand von wenigen Sekunden in der Nähe des Hauptbahnhofs, als sich dort gerade zahlreiche Aktivisten versammelten. Die Regierung sprach am Abend von 95 Toten und 248 Verletzten, von denen sich 48 in einem kritischen Zustand befänden. Die Ärztekammer des Landes gab die bisherige Zahl der Toten mit 97 an. Sie könne wegen der zahlreichen Verwundeten noch steigen, sagte ein Sprecher.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte die Attentate und rief das Land zur Einheit auf. «Die grösste und bedeutsamste Antwort auf diesen Angriff ist die Solidarität und die Entschlossenheit, die wir ihm gegenüber zeigen werden», sagte er. Politiker aus aller Welt wie Bundeskanzlerin Angela Merkel sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. US-Präsident Barack Obama sagte der Türkei in einem Telefonat mit Erdogan weitere Unterstützung im Kampf gegen Terrorismus und andere Sicherheitsgefahren zu.

IS könnte profitieren

Das Massaker könne die ethnischen Spannungen in der Türkei entflammen, sagte Soner Cagaptay, ein Türkeiexperte am Washington Institute. Der Angriff könne das Werk von Gruppen sein, «die hoffen, die PKK oder ihre radikaleren Jugendelemente veranlassen zu können, weiter gegen die Türkei zu kämpfen.» Dafür würde am meisten der IS profitieren, so Cagaptay.

Es war der dritte Anschlag auf kurdische Aktivisten in der Türkei in den vergangenen Monaten. Im Juli kamen 33 Friedensaktivisten in der Grenzstadt Suruc ums Leben. Der Anschlag wurde dem IS zugeschrieben. Im Juni wurden bei einer Wahlkampfveranstaltung der pro-kurdischen Partei HDP zwei Menschen getötet. «Diese Attacke ähnelt den Attentaten von Diyarbakir and Suruc und ist eine Fortsetzung davon», sagte der HDP-Vorsitzende Selahattin Demirtas. «Wir sind mit einem riesigen Massaker konfrontiert.»

Kalkül Erdogans?

Nach der Attacke von Suruc war die Türkei nicht nur aktiv in die Offensive gegen den IS eingestiegen, sondern begann auch, Angriffe auf die PKK zu fliegen. Rund 150 Polizisten und Soldaten und Hunderte Rebellen wurden seitdem getötet. Am Samstag verkündete die PKK jedoch eine Waffenruhe bis zur Wahl. Gegen türkische Angriffe würde sie sich aber verteidigen, hiess es.

Regierungskritiker vermuten hinter der Gewaltspirale ein Kalkül Erdogans, die HDP unter die Zehnprozenthürde zu drücken und die Mehrheit für die AKP zurück zu gewinnen. Er braucht für seinen Plan, die Türkei zu einer Präsidialrepublik umzubauen, eine deutliche Parlamentsmehrheit. Derzeit hat der Präsident überwiegend repräsentative Aufgaben.

SDA/rre

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