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Demonstranten stürmen Bürogebäude in London

Am grössten Streik seit 30 Jahren beteiligten sich in Grossbritannien fast zwei Millionen Menschen. In London eskalierte gestern Abend die Situation. Dennoch hält Premier Cameron am Sparkurs fest.

Wut auf das Etablissement: Mitglieder der Occupy-Bewegung stürmen Bürogebäude im Londoner West-End. (30. November 2011)

Aus Protest gegen die Sparmassnahmen ihrer Regierung sind gestern die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Grossbritannien in den grössten Streik seit Jahrzehnten getreten. Ihr Widerstand richtete sich gegen das Vorhaben, die Pensionen neu zu ordnen. Angesichts leerer öffentlicher Kassen sollen das Renteneintrittsalter früher als geplant auf 67 Jahre heraufgesetzt und die Rentenbeiträge erhöht werden.

Am Abend stürmten Demonstranten ein Büro im Londoner West End. Nach Angaben der Polizei bestand kein Zusammenhang mit dem Streik. Die Polizei nahm mehr als 70 Personen fest. Allein nach Zusammenstössen in Hackney im Osten von London seien 37 Personen in Gewahrsam genommen worden, teilte die Polizei mit.

Hälfte aller Schulen geschlossen

Nach Angaben der Gewerkschaften beteiligten sich bis zu zwei Millionen Menschen an dem eintägigen Ausstand. Laut der britischen Regierung legten jedoch weniger als ein Drittel der zivilen Angestellten im öffentlichen Dienst die Arbeit nieder. Die Hälfte der 21'700 staatlichen Schulen in England blieb am Mittwoch geschlossen.

Das Gesundheitsministerium ging davon aus, dass in den Kliniken Englands 60'000 nicht dringende Operationen, Untersuchungen und Folgetermine verschoben wurden. In Schottlands Krankenhäusern seien mindestens 3000 Operationen und Tausende weitere Termine betroffen.

Rettungsdienste rücken nur im Notfall aus

Die Rettungsdienste rückten nur bei lebensgefährlichen Verletzungen aus. «Wir stehen wegen des Streiks unter erheblichem Druck», sagte der stellvertretende Direktor der Londoner Rettungsdienste, Jason Killens. «Viele unserer Patienten warten darauf, dass ihnen einen Krankenwagen geschickt wird.»

An den Flughäfen blieb das erwartete Chaos vorerst aus. Der Betreiber des Londoner Flughafens Heathrow hatte zuvor geschätzt, dass Reisende wegen des Streiks des Sicherheitspersonals bis zu zwölf Stunden auf ihre Einreise warten müssten. Am Mittwochmorgen wurden Flüge aus Europa, Asien und den USA jedoch wie gewohnt abgefertigt.

«Die Schlangen vor der Passkontrolle sind derzeit auf einem normalen Niveau», teilte Heathrows Betreibergesellschaft BAA in einer Erklärung mit. Um streikende Mitarbeiter zu ersetzen, war zusätzliches Personal angefordert worden. Dazu gehörten auch Mitarbeiter aus dem Stab von Premierminister David Cameron.

Der Streik war als grösste Arbeitskampfmassnahme seit dem sogenannten «Winter der Unzufriedenheit» im Jahre 1979 angekündigt worden. Damals zeichnete sich der Beginn der Ära Margaret Thatchers als Premierministerin bereits ab.

Cameron kündigte trotz des Streiks an, an seinen Sparplänen festzuhalten. «Ich will keine Streiks, ich will keine geschlossenen Schulen, ich will keine Probleme an unseren Grenzen, aber diese Regierung muss verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen», sagte er im Unterhaus. «Wir glauben, dass es im öffentlichen Sektor grosszügige Pensionen geben sollte. Aber die Menschen leben länger und so ist es nur gerecht, dass sie höhere Beiträge leisten.»

Schatzkanzler Osborne zeigt sich entschlossen

Schatzkanzler George Osborne versicherte, die Regierung werde sich nicht beugen. «Der Streik wird nichts bewirken», sagte Osborne. «Er wird nur unsere Wirtschaft schwächen und möglicherweise Arbeitsplätze kosten.»

Einige Demonstranten trugen am Mittwoch T-Shirts mit der Aufschrift «Sei wütend und wehre dich» in Anlehnung an die Durchhalteparole des Zweiten Weltkriegs «Bleibe ruhig und mache weiter». «Ich bin wütend, dass ich 50 Prozent mehr Pensionsbeiträge zahlen soll, und ich bin wütend, dass ich länger arbeiten soll und am Ende weniger bekomme», sagte ein Polizist in Liverpool. «Die Situation wurde durch die Regierung und die Banker herbeigeführt und die Leute, die jetzt zahlen sollen, sind die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes.»

Der Streik sei für sie das letzte Mittel gewesen, sagte die Klinikangestellte Maria Haverton. «Ich verstehe, dass die Regierung Schwierigkeiten mit dem Haushalt hat, aber warum hat sie das nicht schon früher kommen sehen? Ich habe Angst um meine Rente. Ich habe Angst um die Zukunft meines Sohnes», sagte sie.

Die Vorsitzende der grössten britischen Gewerkschaft Unison, Eleanor Smith, sagte, viele Beschäftigten hätten sich erstmals an einem Streik beteiligt. «Die Regierung will, dass wir länger arbeiten, weniger verdienen und am Ende weniger bekommen», sagte Smith. «Wie gerecht ist das?»

dapd/mrs

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