Den Chefs ans Bein gekickt

Die Journalistin der BBC Carrie Gracie kündigt aus Protest ihren Job.

Männer mit der gleichen Arbeit verdienten mindestens 50 Prozent mehr als sie: Carrie Gracie.

Männer mit der gleichen Arbeit verdienten mindestens 50 Prozent mehr als sie: Carrie Gracie.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bevor sie auf Sendung ging, twitterte Carrie Gracie: «Wünscht mir Glück.» Die 55-Jährige arbeitet seit 30 Jahren bei der BBC und wusste: Sie hat etwas Unerhörtes gemacht. Sie hat einen öffentlichen Brief geschrieben und ihrem Arbeitgeber heftig ans Bein gekickt. Einen Brief, der erklärt, weshalb sie sich vom Korrespondentenposten in China zurückzieht: Männer mit der gleichen Arbeit verdienen mindestens 50 Prozent mehr. Sie hat mehrmals darauf hingewiesen. Die Chefs der BBC hielten sie hin. Vieles wurde versprochen, nichts gehalten.

Eine Gehaltserhöhung lehnte sie ab. «Ich wollte nicht mehr Geld, ich wollte gleich viel», sagt Gracie, die von Kollegen als «mutig und brillant» beschrieben wird und fliessend Mandarin spricht. Sie hat Preise für ihre Arbeit bekommen und bezeichnet die Zeit in China trotz Staatszensur als grösstes Privileg ihrer Karriere.

«Genug ist genug»

Sie schreibt, wie ihre «Fassungslosigkeit zu Schrecken» wurde, dass das Verhalten der BBC «illegal» sei und dass irgendwann der Gedanke kam: «Genug ist genug.» Sie kündigte, weil sie keinen Ausweg mehr sah. Sie nahm einen weniger prestigeträchtigen Job bei der BBC in London an (mit Lohngleichheit) und schrieb ebendiesen Brief, der nun viral um die Welt geht.

Am nächsten Tag musste Gracie (weiblich, Journalistin, etwa 178'000 Franken Lohn) um 7.30 Uhr morgens mit Kollege John Humphry (männlich, Journalist, 794'000 Franken Lohn) die Radiosendung «Today» moderieren. Darum der Tweet: «Wünscht mir Glück.»

Mehr Lohn für gleiche Arbeit

90 Minuten lang erklärten die beiden der Hörerschaft die Welt, dann sagte Humphry: «Lasst uns über die Geschichte dieser Frau neben mir sprechen.» Statt dass er sich nun aber der Kollegin zuwandte, wurde eine zweite Kollegin zugeschaltet. Weil Moderatorin Carrie Gracie das Thema Carrie Gracie moderiert, darf Carrie Gracie nicht über Carrie Gracie sprechen. Das sind die journalistischen Regeln, da nimmt es die BBC sehr genau.

Nicht aber bei den Löhnen. Die BBC musste im Juli erstmals die Saläre der Topverdiener veröffentlichen, die mehr als 200'000 Franken pro Jahr erhalten. Das Resultat war vernichtend: Zwei Drittel von ihnen waren Männer, Gracie war nicht dabei, obwohl Kollegen mit gleicher Arbeit auf der Liste waren. Sie begann zu kämpfen.

Journalisten und Politiker aus allen Lagern haben sich mit Gracie solidarisiert, die Gleichberechtigungskommission hat nun begonnen zu ermitteln. Gracie will eine Entschuldigung der BBC und diese zu Ausgleichszahlungen für alle betroffenen Frauen zwingen. Warum, das erklärt sie am Ende ihres Briefes, wo sie über ihre «brillanten, jungen» Kolleginnen in der BBC schreibt: «Ich will nicht, dass ihre Generation diesen Kampf in der Zukunft austragen muss, nur weil meine Generation daran gescheitert ist, ihn heute zu gewinnen.»

Erstellt: 09.01.2018, 18:50 Uhr

Artikel zum Thema

Kampf gegen ungleiche Löhne stösst auf Widerstand

Die Löhne von Firmen mit mehr als 50 Angestellten sollen künftig extern auf Lohndiskriminierung überprüft werden. SVP und FDP drohen damit, gar nicht auf die Vorlage einzutreten. Mehr...

Island macht bei Lohngleichheit Ernst

Seit dem 1. Januar ist das Lohngefälle zwischen Mann und Frau illegal. Mehr...

Die Schweiz ist für Frauen eine Karrierewüste

In welchen Ländern haben es Frauen leicht, Karriere zu machen? In welchen werden sie gebremst? Wo steht die Schweiz? Das Wirtschaftsmagazin «The Economist» hat die Antworten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...