Den IS mit seinen eigenen Waffen schlagen

Die Terrormiliz rekrutiert seine Kämpfer erfolgreich übers Internet. Daher setzt Terrorismus-Expertin Anne Speckhard nun auch bei der Gegenpropaganda auf Videos.

Anne Speckhard verbreitet die Berichte ehemaliger Kämpfer in sozialen Medien. (Screenshot)

Anne Speckhard verbreitet die Berichte ehemaliger Kämpfer in sozialen Medien. (Screenshot)

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Die Psychiaterin Anne Speckhard von der Georgetown-Universität in Washington hat mit rund 500 Terroristen, Selbstmordattentätern, Weggefährten, Geiseln und Familienangehörigen gesprochen. Eines hätten die Männer und Frauen gemeinsam, die sich dem radikalen Islam anschlössen, sagte die Terrorismusexpertin kürzlich dem «Tages-Anzeiger»: Es fehle ihnen an Zuwendung. «Sie sehnen sich danach, dass sich jemand ihrer annimmt. Dass sich jemand für sie interessiert.»

Die Rekrutierung verläuft laut Speckhard in den meisten Fällen rasch. Sie stellt fest, dass die Terrormiliz neue Mitglieder hauptsächlich und sehr erfolgreich übers Internet anwirbt. Seit dem Ausruf des sogenannten Kalifats vor zwei Jahren habe der Islamische Staat (IS) mit einer «beispiellosen Rekrutierungskampagne» in den sozialen Medien 30'000 Kämpfer aus über 100 Ländern angelockt – zum Teil mehr als 1500 pro Monat, sagt Speckhard. «Das Wichtigste ist es, die Ideologie der Terrororganisation zu diskreditieren. Sonst wird man der Rekrutierung im Netz nicht Herr.» Sie sagt auch: «Wir wollen die Terrororganisation mit ihren eigenen Waffen schlagen.»

40 Interviews mit Deserteuren

Wie das gehen soll, beschreibt Speckhard in ihrem neuen Buch. Sie hat dafür knapp 40 Interviews mit Abtrünnigen des IS geführt, darunter 30 syrische Männer, Frauen und sogar Kinder, die sich seit ihrer Flucht in der Türkei verstecken, sowie 2 europäische IS-Deserteure. Zudem hat die Amerikanerin mit sieben Eltern von Kämpfern gesprochen, die noch immer in Syrien oder aber verstorben sind. Sie alle schlossen sich voller Hoffnungen und Erwartungen dem IS an – und flohen desillusioniert und unter grösster Lebensgefahr aus dem Kriegsgebiet.

Da ist beispielsweise ein 13-jähriger Kämpfer, der mit ansah, wie Gleichaltrige als Einführungsritual Gefangene enthaupteten (und vermutlich dasselbe tat). Er floh, weil der IS, wie er im Interview erklärt, Kinder mit Lügen dazu brachte, sich als Selbstmordattentäter in die Luft zu sprengen. Heute ist er 15 Jahre alt. Da ist zum Beispiel eine Jihadistin aus Europa, die einen IS-Kämpfer heiratete, von ihm schwanger wurde und, als er starb, den Befehl erhielt, ihr Baby der Terrormiliz zu überlassen. Sie wurde von ihrem Vater gerettet.

Manche ehemalige Kämpfer erzählen von gefangenen Frauen, die sexuell versklavt wurden, von institutionalisierten Massenvergewaltigungen. Andere reden vom «Pakt mit dem Teufel», wie es Speckhard nennt – gemeint ist der syrische Diktator Bashar al-Assad. Alle Geschichten zeichneten «das Bild einer korrupten, brutalen, scheinheiligen, unislamischen Welt», sagt Speckhard.

Die meisten der Interviews hat die Terrorismusexpertin auf Video aufgenommen. Kurzclips davon sind ab sofort für die Öffentlichkeit zugänglich – unter anderem bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet, wo zwei rund fünfminütige Videos gezeigt werden. Im ersten Video spricht der erwähnte 15-jährige Jugendliche, im zweiten ein Mann ungenannten Alters.

(Quelle: International Center for the Study of Violent Extremism)

Speckhard hat die beiden Videos in IS-Chatrooms platziert, auf den sozialen Netzwerken, in Internetforen – überall da also, wo sich potentiell neue Jihadisten tummeln. Ebenso Mitglieder des IS, die alles dafür tun, diese Männer und Frauen für ihren Kampf zu rekrutieren.

«Authentische Geschichten»

Und was ist die Idee hinter der Aktion? «Man muss der aggressiven und gut gemachten Propaganda, die der Islamische Staat im Internet verbreitet, diesen Tausenden Videos, Posts und Tweets, etwas entgegenhalten», sagt Speckhard, die unter anderem die Nato und das US-Verteidigungsministerium berät. «Die Videos der Überläufer eignen sich deshalb besonders gut dafür, weil sie den IS von innen kennen.» Authentische Geschichten seien das einflussreichste Instrument, der Propaganda der Terrormiliz entgegenzuwirken und Menschen davon abzuhalten, sich ihr anzuschliessen, sagt Speckhard. Das Wichtigste sei es, die Ideologie der Organisation zu diskreditieren. Sonst werde man der Onlinerekrutierung nicht Herr.

Mit der Gegenpropaganda im Internet ist es laut Speckhard aber längst nicht getan. Sie fordert auch für die Schweiz professionell geführte Helplines, an die sich besorgte Angehörige und Freunde wenden können. Wenn sich Menschen radikalisierten, dem Jihad anschlössen oder gar bereit seien, für den IS zu kämpfen, wüssten die Angehörigen in den meisten Fällen davon. Diese Erstberatung dürfe aber nicht von der Polizei, sondern müsse von geschulten Spezialisten geleistet werden, die Meldungen an lokale Gewaltpräventionsstellen weiterleiten. Nur so könne das nötige Vertrauen für eine solche Helpline geschaffen werden.

Im weiteren brauche es rasch einsetzbare Interventionsteams, wenn jemand Anzeichen einer Radikalisierung zeige. «Wir können gegen den IS, der sich umsichtig und fast pausenlos um diese potenziellen Kämpfer kümmert, nur gewinnen, wenn wir bereit sind, uns deren ebenso engagiert anzunehmen.» Trotz des grossen Erfolgs der Terrormiliz bei der Rekrutierung neuer Mitglieder gibt Speckhard zu bedenken, dass 10 bis 30 Prozent der ausländischen Kämpfer den IS wieder verlassen. «Wenn wir Zugang zu diesen Abtrünnigen haben, müssen wir unbedingt dafür sorgen, dass ihre Stimmen gehört werden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2016, 12:10 Uhr

Anne Speckhard

Extremismusforscherin

Anne Speckhard ist Adjunct Associate Professor der Psychiatrie an der Universität Georgetown und Direktorin des International Center for the Study of Violent Extremism (ICSVE). Die Amerikanerin hat rund 500 Terroristen, Selbstmordattentäter, Weggefährten, Geiseln und Familien­angehörige interviewt. Daneben ist sie Autorin mehrerer Bücher. (sir)

Anne Speckhard und Ahmet S. Yayla: Isis Defectors: Inside Stories of the Terrorist Caliphate. Advanced Press, Juli 2016. 372 Seiten.
Das Buch ist vorerst nur auf Englisch erhältlich.

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