Der Abschied eines Ungeliebten

François Hollande übergibt Emmanuel Macron die Macht. Es ist der Abgang eines stillen Taktikers, der es nicht schaffte, seine Nation zu überzeugen.

Glänzte in der Tragödie, aber nicht im Alltag: François Hollande. Foto: Reuters

Glänzte in der Tragödie, aber nicht im Alltag: François Hollande. Foto: Reuters

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Der Nebensatz klebt an ihm. Seit Jahren gehören die Worte zu ihm, wie ein Attribut zum Namen: «François Hollande, der unpopulärste Präsident in der Geschichte der V. Republik.» Unzählige Male hat der 62-jährige Sozialist die Bemerkung hören, lesen und schlucken müssen. Er weiss, dass er in den Augen der allermeisten Landsleute als Gescheiterter gilt. Und er weiss, warum.

Vor sechs Wochen hat Hollande, eher ungewollt, einen der Gründe preisgegeben. Da weilte der Präsident eine knappe Autostunde entfernt von Paris in den malerischen Ruinen der Abtei von Vaux-de-Cernay. Er kam ins Grübeln – über sein Verhältnis zu Angela Merkel, über die EU und den Euro. Und er stellte sich einem Thema, das ihm viele Franzosen bis heute vorhalten: Was denn eigentlich aus seinem linken Wahlversprechen geworden sei, «Europa neu zu orientieren».

Hollande stutzte. Fast amüsiert blickte er ins Publikum. «Die Idee Europas», so belehrte der Präsident den Fragesteller, «das ist der Kompromiss.» Und überhaupt, was hätte es denn gebracht, zwischen Paris und Berlin die politische Konfrontation zu suchen? Damals taumelten die Aktienmärkte, Banken standen am Abgrund. «Die Krise war schon da. Hätte ich da noch eine poli­tische Krise hinzufügen sollen?» Hollande gibt die Antwort selbst. Wortlos, per Kopfschütteln: Nein!

Abwägen, zaudern, taktieren

So denkt, so tickt François Hollande. Er ist ein Vernunftpolitiker, durch und durch. Einer, der immer abwägt, zaudert, taktiert. So kannten ihn seine Franzosen. Nur einmal, im Wahlkampf Anfang 2012, hat sich Hollande anders präsentiert. Da hat er – wider sein Naturell, entgegen seinen Überzeugungen – den linken Volkstribun gegeben. In seiner berühmten Wahlrede von Le Bourget, einer Arbeitervorstadt im Norden von Paris, versprach er das Rote vom Himmel: Er kündigte eine Sondersteuer für Reiche in der Höhe von 75 Prozent an, er erklärte Banken und Grossfinanz zu seinem «eigentlichen Gegner».

Und er verhiess ein anderes Europa: weniger sparsam und weniger deutsch, mit mehr Ausgaben für Wachstum und Jobs. Hollande tat dies wider besseres Wissen. Denn schon damals wusste dieser Realist: «Die Krise ist schon da.» Die Geister von Le Bourget ist Hollande nie wieder losgeworden. Frankreichs Linke, inklusive der Hälfte seiner eigenen sozialistischen Partei (PS), hat den Präsidenten seither gejagt mit jenen Versprechen, zu denen er sich als Kandidat hatte hinreissen lassen. Sogar die rechte Opposition hielt Hollande regelmässig vor, er habe «keine Legitimation» für seine marktorientierte Reformpolitik, weil er 2012 eben links geblinkt habe, um dann ab 2014 rechts abzubiegen.

Der Fluch falscher Versprechen war die erste Ursache für Hollandes magere Bilanz. Der zweite Grund ist, dass Hollande zu spät auf den Kurs einschwenkte, den er selbst für richtig hielt. Zunächst erhöhte er die Abgaben und verhängte die Reichensteuer. Seine Popularität bricht ein, aber der Präsident hat noch Kraft: Gegen den erbitterten Widerstand konservativer Katholiken boxt Hollande im Frühjahr 2013 die «mariage pour tous» durch, das Gesetz zur Legalisierung der Homo-Ehe. Es bleibt der vielleicht schillerndste Erfolg seiner Amtszeit.

«Ich glaube, ich habe das Richtige getan. Aber ich habe es nicht richtig erklärt.»François Hollande

Sein wirkliches Coming-out als gemässigter Sozialdemokrat riskiert Hollande erst, als bereits 20 Monate seiner Präsidentschaft vergangen sind. In seiner Fernsehansprache zum Neujahr 2014 kündigt Hollande seinen Verantwortungspakt an. Eine Wende: Der Staat, so Hollande, werde mehr sparen und die Abgabenlast senken, im Gegenzug müssten die Unternehmen mehr Jobs schaffen. Ein Arbeitgeberfunktionär verspricht voreilig 1 Million zusätzlicher Arbeitsplätze – aber diese Ernte seiner Agenda wird Hollande bis zum Ende seiner Amtszeit nie einfahren. Seine Popularität stürzt in Rekordtiefen, die Linke geisselt «die Geschenke» an die Bosse als Klassenkampf von oben. In der sozialistischen Parlamentsfraktion formiert sich eine linke Front: Parteirebellen, die Hollande Verrat vorwerfen.

Gerade zu dieser Zeit wiegt ein Manko bleiern schwer, das Hollandes Politikstil seit je prägt. Der Mann ist kein Kommunikator, es widerstrebt ihm zutiefst, sich selbst und sein Handeln zu erklären. «Ich glaube, dass ich das Richtige getan habe», hat der Präsident rückblickend in mehreren Interviews gesagt, «aber ich habe es nicht richtig erklärt.» Hollande wirkt im Umgang oft jovial, offen, seine Neigung zu kleinen Witzen ist Legende. Aber im Kern ist dieser Mann ein Einzelgänger. «François hat keine Gefühle», sagt François Rebsamen, der frühere Minister und einer seiner treuesten Mitarbeiter, «er ist wie ein Kieselstein.» Kalt, glatt. Hollande hört meist den Rat von vielen Beratern. Was er jedoch selbst denkt, offenbart er selten. Und er entscheidet allein. «Einsamkeit», so sagt es ein langjähriger Beobachter, «ist für ihn die Garantie für seine Freiheit.»

Die schwierigsten Veränderungen kamen zu spät

Andere, etwa sein damaliger Wirtschaftsberater Emmanuel Macron, erklärten 2014 sehr genau, wie Hollande seine Nation per Reformagenda fitmachen wollte. Samt Kommastellen, Kleingedrucktem und Fahrplan. Hollande jedoch konnte das nicht, und er wollte es nicht. Der Mann im Elysée glaubte, er könne seine Reförmchen so präzise ­dosieren, dass er keinen Aufstand von Frankreichs Linken provoziert. Also verschleierte er und wagte die schwierigsten Veränderungen erst im letzten Jahr seiner Amtszeit. Die Liberalisierung des Arbeitsrechts und die Lockerung der 35-Stunden-Woche trieben die Franzosen 2016 in Massen auf die Strasse.

Am Ende seiner Amtszeit zählt Frankreich eine halbe Million Arbeitslose mehr. Die Reform kam zu spät, um noch Jobeffekte auszulösen vor der Wahl. Aber sie zerlegte Frankreichs Linke endgültig in Lager und Sekten. Hollandes Erzfeind, der Linksradikale Jean-Luc Mélenchon, ergatterte bei der Präsidentschaftswahl dreimal so viele Stimmen wie der sozialistische Benoît Hamon. Ausgerechnet Hollande, der als PS-Sekretär elf Jahre lang seine Partei vor Brüchen bewahrt hatte, hat nach fünf Jahren Regentschaft seine Sozialisten in den Bankrott geführt. Er hat nicht nur seine Präsidentschaft ruiniert, sein Lebenswerk als Parteikader ist ebenso zerstört.

Das überschattet alles, auch Hol­landes Europapolitik. Da hat der Taktiker zwar einiges erreicht, aber laut mag er das nicht sagen. Er hat den Grexit verhindert, Griechenlands Verbannung aus der Eurozone. Und er hat im Kompromiss mit Merkel der Europäischen Zentralbank den politischen Rückhalt verschafft für die Geldpolitik, die letztlich den Euro rettete. Doch blieb es Hollandes Tragik, dass er immer in der Angst vor dem Zank in den eigenen Reihen lebte. «Diese Sorge hinderte ihn daran, seine Erfolge zu verkaufen. Oder gar visionär zu sein», glaubt Yves Bertoncini, Direktor des Jacques-Delors-Instituts in Paris.

Gross im Ausnahmezustand

Es gab nur wenige Momente, da sich die Franzosen um den siebten Präsidenten ihrer V. Republik scharten. Der 11. Januar 2015 war so ein Tag: Nach den Terrorattentaten auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» gingen Millionen Menschen schweigend durch die Strassen. Hollande kannte einige der Terroropfer persönlich, bei der Manifestation umarmt er seinen Freund Patrick Pelloux: Der «Charlie»-Kolumnist hatte den Staatspräsidenten Minuten nach dem Blutbad angerufen, eine Stunde später stand Hollande vor der Redaktion.

Auch nach den Morden im Bataclan im November 2015 setzte sich Hollande in der Nacht den Horrorbildern des Terrors aus. Kriegspräsident war eine Rolle, die er mit Würde ausfüllte. Der Mann, der «ein normaler Präsident» hatte sein wollen, bewies sich im Ausnahmezustand. Nicht so sehr im Alltag.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2017, 20:35 Uhr

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