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Der alte Mann und die Wut

Ein neues Buch berichtet von heftigen Ausfällen Helmut Kohls gegenüber Parteifreunden. Es ist aber auch ein Dokument über den Streit um das Erbe des Alt-Kanzlers.

Seit seinem schweren Unfall 2008 schweigt er zumeist: Altkanzler Helmut Kohl im Juni 2013 in Berlin. Foto: Thomas Peter (Reuters)
Seit seinem schweren Unfall 2008 schweigt er zumeist: Altkanzler Helmut Kohl im Juni 2013 in Berlin. Foto: Thomas Peter (Reuters)

Er ist an den Rollstuhl gefesselt, er kann kaum mehr sprechen, und sein Gesicht wirkt starr wie eine Maske. Doch Helmut Kohl (84) wühlt seine Landsleute immer noch auf, er polarisiert, er interessiert. Zu besichtigen war das gestern in Berlin, wo Kohl-Biograf Heribert Schwan und Co-Autor Tilman Jens ein neues Buch über den Kanzler der Einheit vorstellten. Bis auf den letzten Platz war der grosse Saal gefüllt, Blitzlichter, Kameras, Laptops. So viel Auflauf ist selten für gedrucktes Papier.

Doch «Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle» hat es auch in sich: aus dem Buch spricht Kohl, der Mann, der seit einem schweren Unfall 2008 hauptsächlich schweigt. Grundlage sind Gespräche, die Autor Schwan zwischen März 2001 und Oktober 2002 mit Kohl geführt hat. Über 100-mal trafen sich die beiden Männer im Bungalow des Altkanzlers im pfälzischen Oggersheim; insgesamt entstanden rund 600 Stunden Tonbandaufnahmen. Einzigartig daran ist die Offenheit, mit der Kohl sprach. Nie zuvor hatte er derart unverblümt mit einem Journalisten gesprochen. Einzigartig ist aber auch, dass Kohl inzwischen mit ­seinem Biografen gebrochen hat. Er hat vor Gericht die Rückgabe der Tonbänder ­erstritten, selbst die Auslieferung des Buches wollte Kohl offenbar mithilfe von Anwälten verhindern.

Autor Schwan hat gestern keinen Hehl daraus gemacht, wen er hinter dem Streit vermutet: Kohls zweite Ehefrau Maike Kohl-Richter. Diese habe angefangen, sich bis in die Kommasetzung in die Abfassung der von Kohl in Auftrag gegebenen Memoiren einzumischen. Es kam zum Konflikt – und schliesslich wurde Schwan wie auch andere Vertraute des Altkanzlers «vor die Tür gesetzt». «Helmut Kohl hat mir vertraut», so Schwan gestern. Er habe sich gefühlt als derjenige, der das Vermächtnis des Altkanzlers verwalte. Inzwischen, so der Autor, könne er sich nicht einmal mehr unter vier Augen mit Kohl unterhalten.

Ein Zeugnis der Zeitgeschichte?

«Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle» ist nicht die erste Runde im Ringen um die Deutungshoheit über den Altkanzler. Auch in der CDU gibt es Unmut darüber, dass das Ehepaar Kohl das Archiv bei sich zu Hause bunkert – statt es über eine Stiftung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Maike Kohl-Richter ihrerseits verlangt die «alleinige Entscheidungs­befugnis» über den historischen Nachlass ihres Mannes. Manche in Berlin befürchten, die 34 Jahre jüngere Ehefrau werde in Zukunft einen objektiven Blick auf Kohl verhindern wollen. Sie sei mehr an einer Art Heiligengeschichtsschreibung interessiert als an einem vielschichtigen Bild eines kantigen Mannes.

Das Autorenduo Schwan/Jens scheint diese Sorge mitzutragen. «Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle» sei nicht «staatstragende Memoiren-Literatur», sagten sie gestern. Sie verstehen ihr Buch als «einzigartiges Zeugnis der Zeitgeschichte». Ein «authentisches Porträt» des Altkanzlers wollen sie gezeichnet haben – und tatsächlich kommt Helmut Kohl differenziert daher auf den rund 230 Seiten. Als Mann, der über den Freitod seiner ersten Gattin weint, diese «blendend aussehende Frau, eine Blondine mit gewaltiger Mähne»; als Staatsmann a. D., der seinen Ghostwriter halb anerkennend, halb herablassend «Volksschriftsteller» nennt oder auch als neidischer alter Mann, der seine Verdienste um die Wende nicht genug gewürdigt sieht. «Brandt», sagt er an einer Stelle über seinen Vorvorgänger, SPD-Kanzler Willy Brandt, «war für den Pöbel die Heiligenfigur, nicht ich.»

«Die Merkel hat keine Ahnung»

Über weite Strecken handelt es sich aber um eine eigentliche Abrechnung: mit ehemaligen politischen Verbündeten, mit Gegnern und mit Figuren der Zeitgeschichte. Schonungslos etwa spricht Kohl über die Umstände, die zum Zusammenbruch der DDR und später zur Wiedervereinigung geführt haben. Nicht die Bürgerbewegung in der DDR, sondern die katastrophale Wirtschaftslage im Ostblock habe die Wende ermöglicht, so Kohl. «Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und habe die Welt verändert.»

Vielmehr sei der damalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow «über die Bücher» gegangen und habe erkennen müssen, «dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte.» Gorbatschow habe den Kommunismus retten und reformieren wollen, sei aber letztlich «gescheitert», weil er «keinen Bimbes» (Dialekt für Geld – die Red.) mehr hatte.

Hart ins Gericht geht Kohl auch mit ­seinen Parteifreunden, die ihn nach Bekanntwerden der Spendenaffäre abgesägt hatten. Die heutige Kanzlerin und damalige CDU-Generalsekretärin Angela Merkel etwa veröffentlichte 1999 einen vielbeachteten Artikel in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», in dem sie Kohl parteischädigendes Verhalten vorwarf. Es sei an der Zeit, sich vom alten Schlachtross zu trennen, schrieb sie. Kohl muss den Text als ungeheuren Verrat empfunden haben – schliesslich war er es gewesen, der Merkel – und viele andere auch – gefördert hat. Entsprechend wütend gibt sich Kohl: «Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen», zitiert ihn das Autorenduo Schwan/Jens. «Sie lungerte sich bei den Staatsessen herum, sodass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste.» An anderer Stelle heisst es über die heutige Regierungschefin: «Die Merkel hat keine Ahnung.» Ausfällig wurde Kohl auch gegen andere. Dem SPD-Politiker Wolfgang Thierse attestiert er ein «Volkshochschulhirn», den ehemaligen Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) nennt er einen «Verräter», den einstigen Unionsfraktionschef Friedrich Merz ein «politisches Kleinkind».

Vor allem diese kernigen Aussagen sind es, die im politischen Berlin für Aufsehen gesorgt haben. Dabei sind sie über zehn Jahre alt, entstanden in einer Zeit, als Kohl gerade von seiner Partei zum Teufel gejagt worden war – und seine Frau Selbstmord begangen hatte. Wie aber denkt er heute über Merkel? Wie möchte der Kanzler der Einheit seinen Nachlass geregelt haben? Wie sieht er das jüngste Buch über ihn? Vielleicht erfährt die Nation heute etwas mehr. Kohl hat sich für einen Kurzauftritt auf der Frankfurter Buchmesse angemeldet. Eines ist sicher: Das Interesse wird riesig sein.

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