Der Anschlag schockiert, doch überrascht hat er nicht

Viele Juden fühlen sich unsicher und ungeschützt – und das nicht erst seit dem Anschlag in Halle.

«Wir weichen nicht», sagen Berliner Juden nach dem Anschlag in Halle: Der Eingang zur Synagoge Rykestrasse. Foto: Getty Images

«Wir weichen nicht», sagen Berliner Juden nach dem Anschlag in Halle: Der Eingang zur Synagoge Rykestrasse. Foto: Getty Images

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Mitten auf der Strasse stehen zwei Polizeiwagen – quer vor der Syna­goge. Es ist Samstagmorgen in Berlin-Kreuzberg. In der Fraenkelufer-Synagoge beten zwei Dutzend Frauen und Männer. Bewaffnete Polizisten kontrollieren jeden, der die Metalltür passieren möchte, zwei junge israelische Securitykräfte werfen einen zweiten prüfenden Blick auf Besucher. Sie stehen in der wärmenden Herbstsonne, neben dem Mast, an dessen Ende mehrere Videokameras befestigt sind.

Die beiden jungen Männer sind ehemalige Angehörige der israelischen Armee, erst vor ein paar Monaten sind sie nach Berlin gekommen. Sie wollten eine Auszeit nehmen von Israel – und sind begeistert von Berlin. Vor allem «von der Ruhe hier, kein Vergleich zum hektischen Alltag in Israel», sagt einer der beiden.

Poller mussten reichen

Weniger angetan sind sie von der «Naivität», mit der Deutschland auf Terroranschläge reagiere und diese hier eingeordnet würden. Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt seien dort Poller errichtet worden, «Poller!», sagt er. Die beiden fragen sich nun, ob der Anschlag in Halle vergangene Woche etwas ändern werde. Deutschland fehle einfach «ein Bewusstsein für Terrorismus». Attentäter würden immer als «verrückte Einzelgänger» bezeichnet. «Dabei sind das doch Terroristen!»

Gewalt gegen Juden ist Teil des deutschen Alltags geworden. 1800 antisemitische Übergriffe hat das deutsche Bundeskriminalamt im Jahr 2018 registriert. 90 Prozent wurden von Rechtsextremisten begangen. Der versuchte Mordanschlag auf betende Juden in der Synagoge in Halle in der vergangenen Woche hat auf schockierende Weise gezeigt, wie gefährdet sie in Deutschland sind.

Wer sich in Berliner Synagogen am ersten Wochenende nach dem Anschlag umhört, vernimmt viele nachdenkliche Stimmen. Angst und Unsicherheit prägen die Gedanken vieler Jüdinnen und Juden – aber auch der ­unbedingte Wille, jüdischen Alltag nicht nur hinter Panzerglas zu leben.

Wunsch nach offenen Türen

Am Eingang zur Fraenkelufer-Synagoge steht nun auch eine Gruppe junger Juden. Sie sind ebenfalls zum Schabbatgottesdienst gekommen, aber an diesem Wochenende fällt ihnen das Beten nicht leicht. Immer wieder müssen sie den Gebetsraum verlassen, weil sie von Gefühlen überwältigt werden. Die jungen Juden waren am vergangenen Mittwoch in der Synagoge in Halle, als Stephan B. versuchte, mit Gewehren und Granaten die Eingangstür zu zerstören, um ein Massaker zu verüben.

Die Fraenkelufer-Gemeinde ist eine ganz besondere. Jahrzehntelang wirkte sie verwaist, es kamen nur wenige Mitglieder, ein richtiges Gemeindeleben mit regelmässigen Gottesdiensten und Festefeiern fand kaum statt. Bis Nina und Dekel Peretz, das deutsch-­israelische Paar, zusammen mit Dutzenden anderen jungen Juden vor sieben Jahren beschlossen, der Synagoge wieder Leben einzuhauchen. Mitten im muslimisch geprägten Kreuzberg gibt es jetzt wieder jüdisches Leben.

Die jungen Juden verlassen den Gebetsraum. Sie werden von ihren Gefühlen überwältigt.

Nach dem Anschlag von ­Halle sagt Nina Dekel, man wolle sich «von Terroristen nicht einschüchtern lassen. Wir weichen nicht.» Neu allerdings sei, sagt ihr Mann, dass manche Eltern in Whatsapp-Gruppen fragten, wie sie ihren Kindern erklären sollten, dass Juden in Deutschland gefährdet sind. Einige ältere Kinder hätten gesagt, dass sie Angst hätten, in die Synagoge zu kommen. Eine Mutter sei am Jom-Kippur-Abend allein gekommen, sagt Nina Peretz, ihre Kinder habe sie zu Hause gelassen.

Dekel Peretz, der vor 17 Jahren aus Israel nach Deutschland gekommen ist, sagt, Angst dürfe das jüdische Leben in Deutschland nicht dominieren. «Wir wollen eine offene Gemeinde sein.» Aller­dings habe der Anschlag von ­Halle ihr Konzept für die hier geplante neue Synagoge ein wenig ins Wanken gebracht. «Unser Wunsch ist es, für das neue Zentrum so ­offene Türen wie möglich zu ­haben», sagt er. «Wir wollen uns nicht hinter Mauern verstecken müssen, Leute sollen einfach reinlaufen können.» Aber nach dem Anschlag, sagt er, «müssen wir ­genau überlegen, wie sich dieser Wunsch umsetzen lässt, wenn man überlegt, dass eine Tür in Halle die Betenden gerettet hat».

Die Frage sei aber auch, wie Deutschland mit Gewalt und Hass gegen Juden und mit Antisemitismus umgehen sollte. Mit Zivil­courage, findet Dekel Peretz. ­Jeder Mensch müsse schon einschreiten, wenn jemand in der U-Bahn antisemitisch angepöbelt werde oder wenn ein antijüdischer Witz gerissen werde. Frauke Ohnholz, auch vom Verein Freunde des ­Fraenkelufers, sagt beim Gespräch in einem Park nahe der ­Synagoge: «Die Gesellschaft muss erkennen, dass ein Angriff auf eine ­Synagoge auch ein Angriff auf die Zivilgesellschaft ist.»

Der Rabbiner wird deutlich

Ähnlich denkt Boris Ronis, Rabbiner in der Gemeinde Rykestrasse im Stadtteil Prenzlauer Berg. «Ich bin geschockt von dem Attentat», sagt Ronis, der seit neun Jahren in der Gemeinde arbeitet. «Aber ich kann nicht sagen, dass es mich überrascht hat.» Es ist Freitagabend, gleich beginnt der Schabbat. Zusehends füllt sich die Synagoge mit Besuchern, Eltern kommen mit Kindern, manche berichten, sie hätten kurz ­gezögert, ob sie überhaupt kommen sollten.

«Es gibt plötzlich ein mulmiges Gefühl, dass man als Jude ins Fadenkreuz gerät, dass man wirklich gefährdet ist. Dieses Gefühl macht sich auch bei mir breit», sagt Ronis. Eine Kippa trägt er nicht, nur innerhalb der ­Synagoge. Warum? «Ich habe keine Lust, mich zu duellieren.»

Der Rabbiner redet Tacheles, denn er möchte, dass sich etwas ändert. Nach jedem Angriff auf Juden oder wie jetzt nach Halle gebe es «Lippenbekenntnisse und Bilder, die zeigen, dass man natürlich hinter Juden steht. So was ist richtig und gut. Aber das alles sind keine Handlungen.» Dass die Synagoge in Halle nicht von der Polizei gesichert gewesen sei, sagt Ronis, «zeigt doch, dass die Synagoge den verantwortlichen Leuten egal ist».

Erstellt: 13.10.2019, 22:31 Uhr

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