Der Aufstand der russischen Agenten

Der frühere Geheimdienstler Alexander Litwinenko wurde 2006 in London ermordet. Jahre zuvor exponierte er sich mit heftigen Vorwürfen gegen seine Chefs.

Skurrile Pressekonferenz: Alexander Litwinenko (r.) mit einem vermummten Geheimagenten 1998. Foto: Sergei Kaptilkin (Reuters)

Skurrile Pressekonferenz: Alexander Litwinenko (r.) mit einem vermummten Geheimagenten 1998. Foto: Sergei Kaptilkin (Reuters)

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Der erste Auftritt von Alexander Litwinenko in der Öffentlichkeit war selbst für die chaotischen 90er-Jahre in Russland aussergewöhnlich. An seiner Seite sass ein Mann mit einer Sturmhaube über dem Kopf, daneben zwei Geheimdienstoffiziere, die ihre Augen hinter verspiegelten Brillen versteckten. Was wirkte wie eine Mischung aus Gangsterfilm und Putschkommando war eine Pressekonferenz, zu der Litwinenko und seine Begleiter am 17. November 1998 in die Agentur Interfax eingeladen hatten.

Eigentlich sei es ihnen als Mitarbeiter des Geheimdienstes FSB nicht erlaubt, mit den Medien zu sprechen, erklärte Litwinenko zu Beginn. Aber sie hätten sich trotzdem dazu entschieden, weil das Land in Gefahr sei: Generäle an der Spitze des FSB seien ein Bündnis mit der organisierten Kriminalität eingegangen. Sie ordneten Entführungen und Morde an, um deren wirtschaftliche Interessen zu schützen. Unter anderem steckten sie hinter einem Anschlag auf den Oligarchen Boris Beresowski.

Die Rebellen vom Dienst forderten transparente Ermittlungen gegen die Generäle, die die demokratischen Errungenschaften der letzten Jahre blockierten, die Rolle des Geheimdienstes pervertierten und ihre Macht missbrauchten, um ungesetzliche Anweisungen zu geben – für Terroranschläge, Mord, Geiselnahmen, Erpressung. «Wenn die ehrlichen Ermittler gegen die organisierte Kriminalität nicht ihre Arbeit machen können, kann sie morgen vielleicht niemand mehr aufhalten.»

Freispruch, Festnahme, Flucht

Zu diesem Zeitpunkt hatte der ehemalige KGB gerade einen neuen Chef bekommen. Vier Monate zuvor hatte Boris Jelzin ein Mann aus Sankt Petersburg zum FSB-Direktor gemacht, den in Russland kaum jemand kannte: Wladimir Putin. Über Putin äusserten sich die Männer damals positiv. Er bemühe sich, den Dienst neu zu strukturieren. Ihnen selber gehe es darum, den FSB «zu reinigen und zu stärken».

Doch bald nach der skurrilen Pressekonferenz wurde Litwinenkos Abteilung zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität aufgelöst. Den aufmüpfigen Agenten wurde der Prozess gemacht. Als Litwinenko nach einem Freispruch noch im Gerichtssaal erneut vom FSB festgenommen wurde, nutzte er die nächste Möglichkeit, ins Ausland zu fliegen. Ab 2000 lebte er in London.

Ob Litwinenko und seine Mitstreiter im November 1998 aus hehren Motiven handelten oder ob die Öffentlichkeit nur Zeuge eines Machtkampfes rivalisierender Gruppen wurde, liegt im Dunkeln. Beresowski jedenfalls, der später selbst nach Grossbritannien emigrierte und dort 2013 erhängt in seinem Badezimmer aufgefunden wurde, war damals noch nicht der Putin-Gegner, zu dem er in seinen späten Tagen wurde.

Im Exil setzte Litwinenko seinen Kampf fort, schrieb Bücher über die Verbindungen der Mafia zu den Sicherheitsstrukturen und beriet Ermittler; der britische Geheimdienst MI6 zahlte ihm ein regelmässiges Salär. Auch der spanische Staatsanwalt José Grinda González war an Litwinenkos Insiderwissen interessiert. González führt die Ermittlungen gegen die russische Mafia, die ihre Einkünfte in Spanien anlegte und sich teilweise dort niedergelassen hatte. Wenige Tage bevor Litwinenko vor González aussagen sollte, traf Litwinenko im Londoner Millennium-Hotel seine Mörder.

Giftanschläge hat es im Umfeld der russischen Politik immer wieder gegeben. Die Journalistin Anna Politkows­kaja, die wenige Wochen vor Litwinenkos Ermordung in Moskau erschossen wurde, hatte zwei Jahre zuvor das Bewusstsein verloren, nachdem sie einen Tee getrunken hatte, den man ihr im Flugzeug reichte. Während des Wahlkampfes 2004 wurde der ukrainische Präsidentschaftskandidat Wiktor Jusch­tschenko mit Dioxin vergiftet. Und 2015 musste der russische Oppositionspolitiker Wladimir Kara-Mursa mit Vergiftungserscheinungen über Monate im Krankenhaus behandelt werden.

Putin und die Mafia

In jüngster Zeit werden alte Indizien auf Verbindungen Putins aus Petersburger Tagen zur organisierten Kriminalität neu diskutiert. So hat etwa der Kampf­sportler Leonid Uswjasow nicht nur Putin in Judo trainiert, sondern ihm angeblich auch einen Studienplatz verschafft. Als hoher Mafioso verbrachte Uswjasow 20 Jahre hinter Gittern. 1994 wurde er bei einer Schiesserei getötet. Als der Oppositionelle Alexei Nawalny im Dezember aufdeckte, dass Angehörige der russischen Generalstaatsanwaltschaft Geschäfte mit einer der grausamsten Mafiabanden des Landes machten, gab es aus dem Kreml keine Reaktion.

Litwinenkos mutmassliche Mörder machten unterdessen eine steile politische Karriere. Die rechtspopulistische LDPR schickte Andrei Lugowoi als Abgeordneten in die Staatsduma. Dort bringt er seitdem in rascher Folge Gesetze auf den Weg, die die Freiheitsrechte beschränken. Etwa ein Gesetz, das es dem Staat erlaubt, kritische Websites zu schliessen. Der Einsatz zahlt sich aus: Im März vergangenen Jahres verlieh ihm Putin den Orden für Verdienste um das Vaterland. «Für seinen grossen Beitrag zur Entwicklung des Parlamentarismus und seine aktive gesetzgeberische Tätigkeit.»


«Wahrscheinlich» segnete Putin die Vergiftung ab

Die britische Untersuchung zum Fall Litwinenko führt zu neuen Spannungen zwischen Moskau und London. Von Peter Nonnenmacher, London

Der Untersuchungsbericht der britischen Justiz lässt wenig Zweifel an der Urheberschaft des Mordes an Alexander Litwinenko im Jahr 2006. «Starke Indizien» sprächen dafür, dass der russische Geheimdienst FSB dahinterstecke, schreibt Richter Robert Owen. Die Operation gegen Litwinenko in London sei «wahrscheinlich» vom damaligen Geheimdienstchef und auch von Präsident Wladimir Putin gebilligt worden. Die britische Innenministerin nannte das Fazit der Untersuchung «zutiefst verstörend» und bestellte den russischen Botschafter ein. Von russischer Seite wurde das Verdikt dagegen als «üble Provokation» bezeichnet, die «politisch motiviert» sei.

Alexander Litwinenko, der selbst einmal dem FSB angehört hatte, war nach der Kritik an seinem früheren Arbeitgeber und dem Kreml aus Russland geflohen und lebte seit dem Jahr 2000 mit seiner Familie in London. Er starb im November 2006 an einer Vergiftung mit dem hochradioaktiven Isotop Polonium-210. Scotland Yard verfolgte die Spur des Giftes zurück zu einem Treffen Litwinenkos mit zwei russischen Agenten namens Andrei Lugowoi und Dmitri Kowtun in einer Teestube des Millennium Hotel im Londoner Stadtteil Mayfair. Starke Spuren des Giftes wurden an der benutzten Teekanne, aber auch bei anderen Gästen und auf Lugowois und Kowtuns Weg vom Flughafen zum Hotel geortet. Für die britische Polizei war klar, dass Litwinenko von den beiden vergiftet worden war.

Weiteren Ermittlungen zufolge hatte Lugowoi die Ermordung des Ex-Kollegen womöglich schon von 2004 an geplant –zumal sich Litwinenko in seinen letzten Jahren in London in den Dienst des britischen Geheimdienstes stellte und sich vorbereitete auf mehrere Gerichtsverfahren, bei denen er als Schlüsselzeuge auftreten sollte. Litwinenko selbst beschuldigte auf seinem Sterbebett noch Putin, ihn auf dem Gewissen zu haben.

Eine «hämische» Bestätigung

Londoner Bemühungen um eine Auslieferung Lugowois und Kowtuns schlugen fehl. Lugowoi ist heute Abgeordneter im russischen Parlament. Er liess 2010 einem der prominentesten Exilrussen und Putin-Kritiker, dem ebenfalls nach London geflüchteten Boris Beresowski, ein T-Shirt mit der Aufschrift «Polonium 210» und «Der nukleare Tod klopft an deine Tür» zukommen. Das kann gemäss Untersuchungsbericht nur als «hämische Bestätigung der Teilhabe an Litwinenkos Tod» verstanden werden.

Darüber hinaus kommt Sir Robert Owen im Bericht zum Schluss, zu den vielfältigen Motiven für die Ermordung Litwinenkos habe wohl auch «der persönliche Gegensatz» zwischen ihm und Putin gehört. «Führende Gegner von Präsident Putin, einschliesslich solcher, die in Russland leben, waren von Ermordung bedroht», schreibt der Richter. «Und eins der Risiken, dem sie ausgesetzt waren, war, vergiftet zu werden.»

Drastische Aktionen verlangte nach der Veröffentlichung des Berichts Marina Litwinenko, die Witwe des Opfers. London müsse «die Spione» in der russischen Botschaft in London aus dem Land werfen, Vermögen Putin-freundlicher Oligarchen beschlagnahmen und über Putin selbst ein Einreiseverbot verhängen. Ein solcher «Akt nuklearen Terrorismus in London» dürfe nicht ungeahndet bleiben, sagte sie. Auch andere Briten sind der Ansicht, dass London nach dem Richterverdikt hart reagieren sollte – zumal hier eine fremde Macht nicht nur im Herzen Londons einen britischen Staatsbürger umgebracht, sondern mit hochgiftigen Stoffen Hunderte von Menschen gefährdet habe. Die Regierung hielt sich aber zurück. Das Innenministerium beschränkte sich auf die Androhung neuer Massnahmen gegen Lugowoi und Kowtun, die beiden mutmasslichen Mörder.

Erstellt: 21.01.2016, 22:04 Uhr

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