Gestatten, Gaius Julius Cäsar Mussolini

Der Mussolini-Nachfahre kandidiert für die Fratelli d’Italia für das Europaparlament. Ein Name wie eine Marke – und gerade ziemlich in Mode.

Glücksfall des politischen Marketings: Caio Giulio Cesare Mussolini, der Urenkel des Duce, will ins Europaparlament. Foto: RR, Ropi

Glücksfall des politischen Marketings: Caio Giulio Cesare Mussolini, der Urenkel des Duce, will ins Europaparlament. Foto: RR, Ropi

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Da ist es wieder, das mächtige M. Wie ein Dreizack steckt es in der Geschichte des Landes, immer noch. Das M von Mussolini. Es sondert süsses Gift ab.

Fratelli d’Italia, eine postfaschistische Partei mit sicherem Gespür für die unterschwelligen und neuerdings gar nicht mehr so unterdrückten Regungen in einem Teil der Bevölkerung, hat für die Europawahlen wieder einen Nachfahren des Duce «ausgegraben», wie es der «Corriere della Sera» beschreibt. Einen echten Mussolini, vierte Generation. Urenkel von Benito Mussolini. Enkel von Vittorio Mussolini, dem viertgeborenen Kind des Faschistenführers. Sohn von Guido Mussolini.

Ein Erbe mehr, der es nie für angebracht hielt, seinen Nachnamen zu ändern. Ginge ja einfach, jedes Einwohneramt hätte Verständnis.

Gruss aus der Antike

In diesem besonderen Fall ist auch der Vorname schwer, pompös, ein bisschen lächerlich: Caio Giulio Cesare. So heisst der 50-jährige frühere Marineoffizier tatsächlich. Auch dafür kann er nichts. Doch auch das hätte er ändern können, ganz leicht. Zur Freude der Nostalgiker und der Fratelli d’Italia tat er es nicht.

Gaius Julius Cäsar Mussolini! Schon der Urgrossvater neigte dazu, sich in der Grösse der römischen Antike zu spiegeln und zu wälzen, sie überall anklingen zu lassen, wo es nur ging, städtebaulich und architektonisch vor allem. Er liess Obeliskenerrichten, Mosaike legen, und das M war überall. Er brannte es in die Köpfe der Italiener. Gross sollte er selber wirken, kaiserlich gross.

Und so war es nur logisch, dass der Nachfahre nun vor einem Symbolbau des Faschismus vorgestellt wurde, vor dem Palazzo della Civiltà Italiana im Stadtteil EUR. Die Römer sagen dem Haus «Colosseo Quadrato», weil es dem Kolosseum nachempfunden ist. Entworfen hatten es einst die Architekten des Duce, es sollte die Weltausstellung 1942 schmücken. Dann kam der Krieg dazwischen. Fertig gebaut wurde der Palazzo trotzdem, nach den alten Plänen, einfach nach dem Krieg.

Der Dienst am Land

Da standen sie also, unten an der Treppe des Colosseo Quadrato: Giorgia Meloni, die Chefin der Brüder Italiens, und der ausgegrabene Mussolini. Das Video mit der Ankündigung dauert nur 38 Sekunden, es wurde in den vergangenen Tagen Hunderttausende Male gestreamt.

«Ich bin stolz», sagt Meloni, «dass Caio Giulio Cesare Mussolini auf unserer Wahlliste steht.» Er bereichere die Partei, ein wahrer Patriot sei dieser Mussolini. Darauf er: «Ich fühle mich geehrt, für die Fratelli d’Italia kandidieren zu dürfen, sie sind Patrioten wie ich.» Mussolini sagt noch was vom Dienst am Land, dem er sich verpflichtet fühle, sein ganzes Leben schon. Meloni nickt eifrig und lächelt triumphierend. Ein Coup ist das. Im Video sieht man sie nur ab der Hüfte aufwärts, ihre Hände sieht man nicht. Doch die Körperhaltung lässt erahnen, dass sie sich die Hände reibt.

Zur Welt kam dieser Glücksfall des politischen Marketings in Argentinien, die Teenagerjahre verbrachte er in Venezuela. Erst mit achtzehn zog die Familie in die Heimat, er ging zum Militär und wurde Kommandant bei der Marine. Sein Vater, ein Mussolini durch und durch, versuchte einmal, für die Neofaschisten von Forza Nuova Bürgermeister von Rom zu werden, verlor aber krachend.

Deutlich mehr Erfolg hatten Caios Tanten Rachele und Alessandra, die Töchter von Romano Mussolini, dem zweitgeboren Sohn des Duce. Rachele wurde römische Gemeinderätin. Alessandra, so etwas wie die Pasionaria unter den Nachfahren mit ihren oftmals lauten und grellen Auftritten am Fernsehen, schaffte es fünfmal ins italienische Parlament: viermal als Abgeordnete und einmal als Senatorin, mit jeweils unterschiedlichen Parteien. Sie sitzt nun im Europaparlament, auf den Rängen der Europäischen Volkspartei. Eine richtige Karriere gelang ihr da, dank dem M.

Der Mythos M lebt fort, wider besseres Wissen.

Caio G. C. Mussolini, wie er auf Twitter signiert, hat zuletzt zwölf Jahre in den Emiraten gelebt, in Abu Dhabi. Er war lange Generalmanager des grossen italienischen Rüstungskonzerns Finmeccanica für die Golfregion. Auch deshalb kannte ihn bisher kaum jemand in Italien. Auf Twitter hat er nur 1508 Follower. Über seinen Tweets prangt das Bild eines Kriegsschiffs im Sturm, in Öl gemalt, am Heck weht die italienische Trikolore.

Als man ihn jetzt fragte, was er vom historischen Nachlass seines Urgrossvaters halte, sagte er, der habe viele positive Dinge geleistet und einige Fehler begangen. So reden viele Italiener. Der Mythos M lebt fort, wider besseres Wissen. Drei politische Parteien werben offen damit, neben den Fratelli d’Italia sind das die kleinen neofaschistischen Gruppierungen Casa Pound und Forza Nuova.

Und in der Lega, der momentan stärksten Partei im Land, wuchs in den vergangenen Monaten vor allem der faschistoide Flügel. Er wird täglich genährt von Matteo Salvini, dem Innenminister. Der braucht auch gerne mal markige Sprüche aus dem Ventennio, der zwanzigjährigen Herrschaft der Faschisten.

Wie der Limoncello

Mussolini, schreibt Michele Serra in der «Repubblica», sei so absolut selbstverständlich präsent im italienischen Alltag wie die Aquarellbilder der Tante, der Limoncello im Schrank und der Gummibaum im Treppenhaus. «Dabei war er ein Diktator, ein Rassist, eine Ikone des Lächerlichen und der Ruin seines Volkes.»

Der Urenkel sagt, er habe sich nie geschämt für seine Familie. Eine Rückkehr faschistischer Triebe, wie ihn die politischen Analysten da und dort ausmachen, hält er für unwahrscheinlich. Das sei eine Schimäre, ein Ablenkungsmanöver der Linken.

Wirklich gefährlich seien dagegen das Einheitsdenken, die Diktatur des politisch Korrekten, die unkontrollierte Einwanderung, der islamische Fundamentalismus. «Gemach», sagte er noch, «ich werde nicht mit Liktorenbündeln, Faschistengruss und Fes auf Wahlkampf gehen.»

Braucht er nicht, reden muss er auch nicht. Der Name reicht.

Erstellt: 09.04.2019, 22:23 Uhr

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