Der betrogene Süden

Napoli ist im Rennen um den Meistertitel. Aber wahrscheinlich gewinnt wieder die Juve aus dem Norden. Das passt zur Opferrolle Süditaliens.

Metropole am Fusse des Vesuvs: Früher war Neapel mal die stolze Hauptstadt des ganzen Südens, nun zählt sie über eine Million Einwohner und ist doch viel kleiner geworden. Foto: Getty Images

Metropole am Fusse des Vesuvs: Früher war Neapel mal die stolze Hauptstadt des ganzen Südens, nun zählt sie über eine Million Einwohner und ist doch viel kleiner geworden. Foto: Getty Images

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Da kommt der Kardinal, herangeschwebt wie in Zeitlupe. Sein schwarzer Dienstwagen gleitet lautlos über den grossen Platz, vorbei am Gran Caffè Gambrinus und an den Sicherheitsschranken, auch die Fenster sind schwarz. In der Ferne steht der Vesuv in milchigem Dunst, rechts funkelt der Golf von Neapel. Es ist viel zu heiss für die Jahreszeit, dreissig Grad schon vor Mittag. Zum Glück spielt die Blaskapelle der Carabinieri, sie schmettert gerade die italienische Nationalhymne über die Piazza del Plebiscito. Nicht perfekt, o nein, aber fröhlich beschwingt.

Dann geht die Türe hinten links auf. Der Kardinal schält sich aus dem Fond, eingehüllt in kalten Zigarettenrauch. Menschen drängen sich zu ihm, greifen nach seiner Hand, küssen sie. «Eminenza, ein Gebet für meinen Bruder!» Crescenzio Sepe, der Erzbischof von Neapel, lässt alles Küssen zu, er zieht die Hand nie zurück, wie das andere Prälaten tun, wenn ihnen das Untertänige der Gläubigen unangenehm ist. «Aber natürlich, ein Gebet.» Sepe ist da, um die vielen freiwilligen Blutspender zu segnen, die sich auf dem Platz versammelt haben. Von überall in Italien sind sie angereist. Sie tragen die Banner ihrer Dörfer wie Standarten mit sich herum, damit man sie dann am Fernsehen leichter erkennt. Auf dem Shirt eines Rentners steht: «Hundert Prozent Vollblüter.»

Hinter der Bühne hat der Zivilschutz ein weisses Zelt aufgestellt, eine Umkleide für den Kardinal. Da steht er nun im Schatten und redet über Fussball, wie in Neapel gerade alle nur über Fussball reden, über Napoli, die Società Sportiva Calcio, die zum ersten Mal seit 1990 wieder italienischer Meister werden könnte, zum ersten Mal seit Diego Ar­mando Maradona, dem halben Heiligen aus den goldenen Zeiten. «Eminenza, wie wichtig wäre es denn, wenn Napoli Meister würde?» – «Eine Erlösung wäre das», sagt Sepe und strahlt. «Ich glaube fest daran.» – «Und Sie würden diese Meisterschaft feiern wie ein Fan?» – «O ja, ich bin ein grosser Anhänger des Vereins, bei Napoli geht mir das Herz über.» Als der Club mal eine Weile in den unteren Ligen spielte, vergessen und ignoriert vom Rest der Fussballwelt, habe er sich die Fernausgabe des «Corriere del Mezzogiorno» überall hinschicken lassen, wo er gerade wohnte. Nur wegen der Spielberichte und der Sondernummern über den Fussball. «Ich erinnere mich, wie sich dieses dünne, fein beschichtete Papier anfühlte.» Sepe reibt mit dem Daumen am Zeige- und Mittelfinger. Dann zieht er das weisse Messgewand über.

Als mache der Herrgott Unterschiede

Eine Erlösung also, selbst für den Gesandten des Erlösers. Un riscatto. Dieses schöne Wort hört man oft im Süden, schon lange. Als wäre es eine ewige Losung ohne Reim. Auch diesmal wieder, im Kleinen und Fussballerischen. Nur wenige Stunden nach der Messe auf der Piazza wird Napoli in Florenz verlieren. Wahrscheinlich wird nun Juventus Turin den Titel gewinnen, der reiche Verein der Agnelli, der Besitzer von Fiat, der Grosskapitalisten aus dem Piemont. Einmal mehr. Zum siebten Mal in Folge. Natürlich haben die Schiedsrichter Juve wieder begünstigt, wie immer. Der Kardinal nennt die Konkurrenz aus Turin auch schon mal den «blasierten Norden», als mache der Herrgott Unterschiede.

Da ist alles drin, die ganze Geschichte des benachteiligten und betrogenen Südens. Beschissen nach Strich und Faden. So fühlt man sich im Mezzogiorno, als Opfer eines grossen Komplotts. Seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten ist das schon so, seit der Einigung Italiens 1861, die nur in den Geschichtsbüchern eine Einigung ist. Im Leben klafft da ein Graben, zwischen oben und unten. Neapel ist schon unten.

Luigi De Magistris, der Bürgermeister, postete nach dem unglückseligen Wochenende diesen Text auf Facebook, der sich in seiner ganzen epischen, filterlosen Länge lohnt: «Ich bin ein stolzer Neapolitaner, immer, in der Freude und im Schmerz, mit allen Unzulänglichkeiten und Tugenden. Unsere Stadt, unser Volk, hat die Ungerechtigkeiten satt. Wir werden uns alles zurückholen, was ihr uns genommen habt, alles, was uns zusteht. Nur das. Der Unterschied zwischen uns und denen, die unsere Rechte missachten, ist, dass wir trotz allem leben, weil wir lieben, weil wir ein grosses Herz haben, eine tiefe Menschlichkeit. Die anderen hingegen fühlen sich stark und mächtig, weil sie stehlen. Es sind Diebstähle in der Politik und Diebstähle im Fussball. Wir werden uns alles zurückholen, ohne Klagen und Betteln, mit geradem Rücken und mit Kampf. Unsere Würde trägt kein Preisschild, unser Verlangen nach Gerechtigkeit ist gross und tief. Vereint gewinnen wir, vereint bringen wir die Paläste der korrupten Mächte zum Einstürzen, vereint erreichen wir alle unsere Ziele. Viva Napoli!»

Die Altstadt Neapels mit ihren zahllosen engen Gassen zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Foto: Laif

Der frühere Staatsanwalt, ein Star der alternativen Linken, sitzt jetzt auf einem barocken Sofa in seinem Büro im zweiten Stock des Rathauses. Die Fenster stehen weit offen, der Wind weht die schweren Vorhänge in den grossen Raum. «Un caffè?» Der Post auf Facebook ist ihm wohl etwas peinlich, in allen italienischen Medien wird er verhandelt. Im Norden heisst es, der Süden gebe sich der alten Opferpose hin, er wälze sich mal wieder in «eiskalten Verschwörungstheorien», schreibt die Zeitung «La Stampa» aus Turin. «Piagnoni!» Heulsusen! «Schauen Sie», sagt De Magistris und streicht sich mit beiden Händen übers Haar, «Neapel wird ständig angegriffen.» Man kürze der Stadt die Zuschüsse, hänge ihr Schulden an, für die sie nichts könne, Gesetze würden erlassen, die den Süden benachteiligten, Infrastrukturen entstünden nur im Norden. «Der Fussball passt gut ins Bild der vielen Ungerechtigkeiten.»

Dabei wäre das ein grossartiger Moment, eine Chance zur Erlösung. «Neapel ist ein Symbol des Aufbruchs», sagt De Magistris und gerät ins Schwärmen. Kulturell und touristisch wachse keine Stadt Italiens so stark wie seine, und das schon seit Jahren. Was er eigentlich sagen will, in aller Bescheidenheit natürlich: Sie wächst, seit er sie regiert. Die gefährlichsten Banden der Mafia? Die finde man nicht mehr ab Neapel südwärts. Sondern ab Rom nordwärts. Nur gefalle dieses Narrativ im Norden nicht, es bedrohe den Status quo. «Darum hält man uns klein, wie eine Kolonie.»

Ein Unhold der Geschichte

«La colonia» ist ein altes Motiv unten, im Mezzogiorno. Bewirtschaftet wird es von einer irrsinnig erfolgreichen und wachsenden Bewegung, deren Name sich anhört, als wäre sie trunken von Nostalgie: Movimento Neoborbonico, die Neubourbonen. Ihre Anhänger sind überzeugt, dass alle Leiden des Südens auf jene Zeit zurückgehen, als das bourbonische Königreich beider Sizilien, 1816 bis 1861, im Zuge der Einigung Italiens den Piemontesen zufiel, dem Haus Savoyen.

Neapel war bis dahin eine stolze Hauptstadt, die Kapitale des Südens. Es gab tolle Paläste und ein Opernhaus, das Teatro San Carlo, das mal das prächtigste der ganzen Welt gewesen sein muss, prächtiger noch als die Scala von Mailand. Im Banco di Napoli lag Gold zuhauf. Die Industrien blühten. Die kurze Zugverbindung von Neapel nach Portici war die erste überhaupt in ganz Italien. Das Heer der Bourbonen gehörte zu den mächtigsten Armeen. Die grosse Welt, man duzte sie. Man war Avantgarde, in fast allem. Dann kam Giuseppe Garibaldi mit seinen «Mille», einer Tausendschaft Freischärler, und relegierte den Süden in die zweite, dritte Liga. Die Savoyen sanierten ihre Schulden mit dem Gold der Rivalen. Alle wichtigen Industriebetriebe wurden nach Turin, Mailand und Genua verlegt, samt den Arbeitern aus Sizilien, Kalabrien, Kampanien.

So sehen das die Neubourbonen. Garibaldi, Italiens Volksheld, ist hier ein Unhold der Geschichte, ein Vorbote des Ungemachs, das folgen sollte: die Plünderung und Bevormundung des Mezzogiorno. In der Politik. In der Wirtschaft. Und im Fussball.

Siege des SSC Napoli werden in der drittgrössten Stadt des Landes frenetisch gefeiert. Foto: Reuters

Gennaro De Crescenzo, der Gründer und Präsident des Movimento Neoborbonico, lässt nicht einmal die Dankesformel «Grazie mille» gelten, weil sie ihn an Garibaldi und den Feldzug der «Mille» erinnert. «Grazie 999 reicht vollends aus», schreibt er, als man sich mit einer Serie von Kurznachrichten im Palazzo Reale verabredet. «Schenken wir uns die mille!» De Crescenzo ist 54 Jahre alt, ein Mann mit einem runden Gesicht und einem ansteckenden Lachen. Er unterrichtet Italienisch und Geschichte an einer Mittelschule im schwierigen Vorort Scampia, dem Schauplatz von «Gomorrha».

Ernst wird er nur kurz, für ein Foto vor der polierten Marmortreppe des Palasts. De Crescenzo verschränkt die Arme vor der Brust, starr vor Ehrfurcht. Dann lacht er wieder. Manchmal sei er ja selber überrascht vom Erfolg seiner Bewegung. Alles ist so gross geworden seit 1993, als er damit anfing, jedes Jahr grösser. Seine Website sei zwar völlig veraltet, doch sie ziehe Millionen Besucher an. Am liebsten lesen die Leute historische Essays. «Es dürstet sie nach Geschichte, gerade jetzt, in dieser globalisierten Zeit, da alles eingeplattet und standardisiert wird. Die Menschen wollen wissen, woher sie kommen, warum alles so ist, wie es ist, und warum ihre Scholle zur Kolonie degradiert wurde.»

Getrieben wie ein Missionar

Da ist sie wieder: la colonia. Wenn De Crescenzo redet, wirkt er getrieben wie ein Missionar, dem man nur zwei Minuten Zeit gewährt, um mal alles zu sagen. Er reiht Jahreszahlen in schneller Folge aneinander, zitiert Historiker, deren Namen man vor allem in seinen Kreisen kennt, nennt Prozentzahlen, die für die Misere stehen sollen. «Die Leute sollen die ganze Wahrheit kennen.»

Mehr als hundert Anlässe organisiert er dafür im Jahr: Konferenzen, Auftritte in Schulen, Prozessionen, Gedenktage, Messen für König Ferdinand II., Stadtrundgänge. Er verlegt Bücher, schreibt selber welche, das jüngste hat er mitgebracht: «Wir, die Neubourbonen! Geschichten des südlichen Stolzes». Auf dem Umschlag prangt die Fahne des Königreichs beider Sizilien, ein opulentes Banner mit Krone und vielen bunten Wappen und Ketten. Die Fahne hängt nun auch an Balkonen, in den Fankurven der Stadien, vor den Kiosken mit den Gadgets, den Münzen, den Marken, den T-Shirts mit dem Aufdruck «Napoli Capitale», Hauptstadt Neapel. «Nur damit das klar ist», sagt De Crescenzo, «wir verdienen nichts an diesem Boom.»

In den Souvenirläden in Neapel gibt es auch den Pass des Regno delle Due Sicilie, für fünf Euro, ein Jux, aber wer weiss? Bei den Parlamentswahlen im März sorgte ein Ergebnis für besonders viel Beachtung, ein geografisches Phänomen. Die Protestbewegung Cinque Stelle eroberte den ganzen Süden mit ihrem Versprechen, alles neu zu machen und das kleine Volk ganz gross. Koloriert man die italienische Landkarte mit den Farben der jeweils siegreichen Partei, dann deckt das Gelb der Fünf Sterne genau das Gebiet ab, das früher zum Königreich beider Sizilien gehörte. Dazu Sardinien.

Es ist eine Woge des verletzten, lange Zeit unterdrückten Stolzes.

Die Neubourbonen und die Cinque Stelle haben einander gegenseitig in die Hand gespielt, sagt De Crescenzo. «Wir reiten auf derselben Welle.» Es ist eine Woge des Zorns und des verletzten, lange Zeit unterdrückten Stolzes. Der Süden lehne sich endlich auf gegen das alte System. Alle Fragen kommen wie Antworten daher. Warum verdienen die Menschen im Norden doppelt so viel wie im Süden? Warum endet das Liniennetz der Frecciarossa, des Hochgeschwindigkeitszugs, in Salerno bei Neapel? Wie kann es sein, dass in 157 Jahren italienischer Geschichte nur während insgesamt 28 Jahren ein Premierminister aus dem Süden das Land regierte?

«Hätte Pjanic etwa nicht die Rote Karte verdient?», fragt De Crescenzo jetzt. «Na?» Im Hofgarten des Palasts rennen Kinder einem Ball hinterher. Miralem Pjanic, so heisst ein bosnischer Mittelfeldspieler von Juventus Turin. Im Spiel gegen Inter Mailand am letzten Wochenende hätte er tatsächlich die Rote Karte verdient gehabt, für ein Foul, das ganze Land hats gesehen. Doch der Schiedsrichter war mal wieder grossherzig mit den Grossen, wie so oft. Vielleicht hätte Juve sonst verloren, und Napoli wäre noch voll dabei im Rennen um den Titel, um Ehre und Erlösung.

Es geht auch nüchterner, mit deutlich weniger Mythen und Weinerlichkeit. Dafür muss man ins Castel Nuovo, eine Burg mit mächtigen Wehrtürmen hoch über dem Hafen Neapels. Eine Baustelle für die U-Bahn verstellt den Weg, sie hätte 2013 fertig werden sollen, so steht es auf dem Schild. Die Historikerin Renata De Lorenzo leitet in der Burg die Società Napoletana di Storia Patria, das Archiv des Südens mit vielen verstaubten Büchern, Akten, Verträgen auf Pergamentpapier. «Die Geschichte ist längst nicht nur schwarz», sagt De Lorenzo. Neapel habe in der Zeit nach der Einigung Italiens auch viele Momente des Aufschwungs erlebt, helle Phasen. Dass der Süden nur bestraft wurde, sei ein falscher Mythos. Damit wird das Selbstmitleid gefestigt, der Fatalismus genährt.

«Die Neubourbonen sollten sich eher mal fragen, warum ihr Königreich so leicht zusammenbrach, wenn es doch so grossartig war, die beste Flotte besass, das stärkste Heer.» Ihre Helden waren eben höchstens halbe Helden. Und die Plünderer höchstens halbe Plünderer. So differenziert will das aber niemand hören. «Die Nostalgiker behaupten auch, die Bourbonen hätten das Bidet erfunden, und sind ganz stolz darauf. Was ist denn so toll am Bidet?»

Von wegen Paradies

Im Süden waren vor der Einigung Italiens 80 Prozent Analphabeten, im Piemont nur 40 Prozent. Die Schulen im Reich der Bourbonen waren schlechter, das Strassennetz kleiner, die Steuern höher. Von wegen Paradies. Früher, sagt De Lorenzo, sei die Nostalgie auch nur ein Nischenphänomen gewesen, eines unter Adligen. «Mittlerweile ist es eine Flut. Es verführt alle sozialen Schichten.» Junge, Ältere, Notare und Arbeiter, Ingenieure, Ultras, Studenten, Intellektuelle. Es sei halt bequem, alles der Vergangenheit anzulasten, auch heute noch. Als wäre inzwischen nicht genug Zeit gewesen, das vermeintlich Unumkehrbare zu wenden. Ihr mache das Angst, sagt De Lorenzo. «So wächst nie etwas Neues.»

Gottesmann und Napoli-Fan: Erzbischof Crescenzio Sepe mit dem Blut des Stadtheiligen. Foto: Reuters

Sie führt durch die Säle der Società, verteilt auf zwei Stockwerke, öffnet Jalousien. Das Sonnenlicht fällt auf Sammlungen, ganze Regalwände voller Bücher über den Süden aus der Zeit des Risorgimento, die hinter Gittern aufbewahrt werden, wie weggesperrt. «Sogar der Fussball wir neu gelebt», sagt sie. Mit dieser Fiebrigkeit, die alles vermischt und überhöht. Und dann redet De Lorenzo noch von Gonzalo Higuaín, einem argentinischen Stürmer, leicht korpulent, der mal einige Jahre in Neapel gespielt hat, viele Tore schoss, geliebt wurde, als wäre er ein Sohn der Stadt, und danach für viel Geld zu Juventus Turin wechselte, ausgerechnet. Hochverrat. Grazie 999. In der Stadt hängen noch immer Poster von Higuaín. Sie sind vergilbt, da und dort hat jemand ein Kreuz auf den Kopf gemalt. Der verlorene Sohn, er steht jetzt im Dienst der dunklen Mächte des Nordens und macht Neapel klein.

Manchmal gibt es Wunder in diesem Sport. Ganz selten, aber doch oft genug, dass der Glauben lebt. In Neapel hängt er an zwei Glasampullen mit Blut, aufbewahrt in einer Kapelle des Doms. Es ist das Blut von San Gennaro, dem Stadtheiligen und Märtyrer, den sie im Jahr 305 geköpft haben. Dreimal im Jahr holt die Kirche die Ampullen aus dem Schrank und versammelt das Volk, damit es dem Wunder beiwohnt. Ziemlich oft verflüssigt sich das verkrustete Blut beim Schütteln der Fläschchen, dann meint der Heilige es gut mit der Stadt und den Menschen. Manchmal bleibt es fest, dann kann schon mal die Erde beben oder der Vesuv ausbrechen. Die Wissenschaft ist natürlich skeptisch, irgendwas stimmt da nicht, irgendwas wird dem Blut beigemischt. In Neapel aber hat man Mitleid mit den Skeptikern.

Meistens dreht und wendet der Kardinal die Ampullen. Crescenzio Sepe, der Fan. Heute Samstag war es wieder so weit, um 17 Uhr. Verflüssigt sich das Blut, wird wohl auch nichts besser. Aber wenigstens lebt dann die Hoffnung, diese Hoffnung auf Erlösung.

Erstellt: 05.05.2018, 17:30 Uhr

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