Der Brachialpolitiker

Markus Söder verkörpert die Zukunft der bayerischen CSU. Aber steht er für mehr als die Hoffnung, es solle noch einmal so sein wie früher, zu Franz Josef Strauss’ Zeiten?

Markus Söder, ein bemerkenswert moderner, zugleich ein seltsam vormoderner Politiker. Foto: Andreas Gebert (DPA, Keystone)

Markus Söder, ein bemerkenswert moderner, zugleich ein seltsam vormoderner Politiker. Foto: Andreas Gebert (DPA, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit 16 trat er in die Christlich-Soziale Union ein, mit 27 wurde er Abgeordneter des bayerischen Parlaments, mit 36 Generalsekretär der CSU, mit 40 Minister von Bayerns Regierung. Zuletzt war er für Finanzen, Landesentwicklung und Heimat zuständig, für ziemlich alles also, was den Bayern lieb und teuer ist. Und nun, mit 50, wird er auf dem Parteitag, der heute in seiner Heimatstadt Nürnberg beginnt, als Spitzenkandidat für die Landtagswahl und baldiger bayerischer Ministerpräsident inthronisiert.

Markus Söders Aufstieg an die Macht verlief gradlinig und schnell – zuletzt aber auch quälend langsam, zumindest aus Sicht des Emporkömmlings. Jahrelang rang er mit dem alten Patriarchen Horst Seehofer erbittert um dessen Nachfolge. Selbst in der an Intrigen reichen CSU-Geschichte galt ihr Machtkampf als beispiellos brutal. Am Ende war Seehofer zu schwach, um Söder noch länger von der Macht fernzuhalten.

Fast zwei Meter gross, massig und breitbeinig, kantiger Schädel und Haifischlächeln, ein politischer Raufbold und Egobrocken, eine clevere und schamlose Machtmaschine, 100 Prozent tiefschwarze CSU – Söder ist ein politisches Urviech. Als Dauergast poltert er durch die Talkshows und provoziert die Deutschen wie wenig andere Politiker. Seehofer, selbst ein Machtmensch, hält ihn für einen rücksichtslosen Charakterlump, der Bayern und die CSU spalten werde, statt sie zu versöhnen. Söders Fans erwarten, dass er die rechten Wähler zurückholt, die die Partei zuletzt an die FDP und die Alternative für Deutschland (AfD) verloren hat. In der politischen Mitte und links von ihr reibt man sich dagegen die Hände, weil Söder auch seine Gegner motiviert wie kein Zweiter.

Er kann führen und verwalten

Söder geht alles Leichte und Landesväterliche ab, das Ministerpräsidenten wie Seehofer oder Franz Josef Strauss ausstrahlten, es fehlt ihm auch an jenem Gestaltungswillen, den Edmund Stoiber verkörperte, sein politischer Ziehvater. Seine Gegner sagen Söder nach, er brenne nur für sich selber, nicht für Bayern, deswegen habe er auch keine Vorstellung von dessen Zukunft. Unstrittig ist, dass Söder wie ein Besessener ackert, dass er führen und verwalten kann und als Minister einen nahezu untadeligen Leumund aufweist. Um ein guter Finanzvorsteher zu sein, braucht es in einem reichen Land wie Bayern freilich nicht sehr viel.

Markus Söders Vater war Maurermeister, seine Mutter Hausfrau, er wuchs, wie er stets betont, in der armen Nürnberger Westvorstadt auf. Dass der promovierte Jurist später in eine reiche Unternehmerfamilie heiratete und heute mit Frau und drei Kindern im Villenviertel residiert, erzählt er weniger oft. Söder ist also Franke, nicht Bayer, er ist auch kein Katholik, sondern Protestant. Wie sein Vater aber bewunderte er von klein auf Franz Josef Strauss, den er als «Kraftuhrwerk» und «Titan der Worte» verehrte. In seinem Dachzimmer hängte der Jugendliche ein riesengrosses Poster des CSU-Übervaters auf.

Kein Fass Bier wird in Bayern angestochen, ohne dass Markus Söder vorbeischaut.

Söder verdankt seine Karriere im Wesentlichen drei Strategien: unerschütterlichem Populismus, dem kompromisslosen Einsatz sozialer Medien und einem ausgeklügelten System von Gefälligkeiten. Es gibt kein politisches Thema, das der Populist nicht bierzeltgerecht zuzuspitzen wüsste. Es gefällt ihm, dem Pöbel nach dem Maul zu reden. Unvergessen ist sein Kampf fürs «Sandmännchen», für den Vornamen «Klaus statt Kevin» und fürs tägliche Absingen der Nationalhymne im Schulzimmer, um «Heimatgefühle und Integration» zu stärken. Er forderte ein Verbot der Burka, bevor die meisten wussten, was das Wort bedeutet, später auch den Austritt Griechenlands aus dem Euro oder Grenzzäune für Bayern. Söder sei ein «smarter Flachdenker», lästern seine Verächter.

Ungeheure 1200 Auftritte absolviert er im Jahr. Kein Fass Bier wird in Bayern angestochen, ohne dass Söder vorbeischaut, kein Fasching gefeiert, ohne dass er als Shrek, Punk, Gandhi oder Homer Simpson verkleidet paradiert. Und immer entstehen dabei Bilder, die Söder über Facebook und Twitter verbreitet. Seine Gegner haben ihn für diesen medialen Ganzkörpereinsatz lange belächelt. Heute versuchen viele, ihn nachzuahmen. Ironischerweise ist seine Leutseligkeit zum grössten Teil simuliert, wie Begleiter berichten: Nach seiner Rede im Bierzelt interessiere er sich mehr für sein Handy als für die Nachbarn am Tisch. Auch am Bier nippe er höchstens. Er trinke eigentlich nur Wasser.

Alles noch eimmal so wie früher

«Tu jedem, den du brauchst, drei Gefallen», hat ein Veteran dem jungen Söder einmal geraten. «Dann muss er dich wählen.» Söder hat sich vor allem als Finanzminister eisern daran gehalten. Wie sommerlichen Dauerregen liess er Subventionen und Förderbescheide üppig übers bayerische Land rieseln. Stets brachte er die Checks persönlich vorbei und hatte Land und Partei so bald in der Hand. Auf den «Markus» sei halt Verlass, heisst es. «Der liefert.»

Söder ist ein bemerkenswert moderner, zugleich ein seltsam vormoderner Politiker. Kann einer, der mit seinem brachialen Stil wie aus der Zeit gefallen scheint, die Zukunft einer Partei verkörpern, die sichtlich um ihr Selbstverständnis ringt? Kann ausgerechnet er den Sturz der CSU aus den Höhen ihrer Selbstherrlichkeit moderieren und das Ende ihrer Alleinherrschaft organisieren? Dafür müsste er jedenfalls alle überraschen, meinte kürzlich die «Zeit». Wahrscheinlicher ist, dass Söder ein letztes Mal die Hoffnung bedient, es könnte in Bayern alles noch einmal so sein wie früher: als Strauss als Quasi-Monarch regierte und die AfD noch nicht einmal eine Idee, geschweige denn eine Konkurrenz war. Ob das reicht?

Erstellt: 14.12.2017, 20:23 Uhr

Artikel zum Thema

CSU entpuppt sich nach der Wahl als Unsicherheitsfaktor

Die Christsozialen inszenieren sich gerne als Garant für Sicherheit und Ordnung. Doch seit Sonntagabend demonstriert die CSU vor allem eines: Wankelmut. Mehr...

SPD will über Koalition mit Merkel verhandeln

Der Parteivorstand der deutschen Sozialdemokraten hat sich einstimmig für «ergebnisoffene Gespräche» mit der Union ausgesprochen. Mehr...

Seehofer schindet noch etwas Zeit

Video Der geschwächte CSU-Chef Horst Seehofer verspricht eine «befriedende» Lösung für seine Nachfolge. Er scheint sogar bereit, seinem Erzfeind Markus Söder ein Amt zu überlassen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...