Der Doppelagent, der das Eis brach

Im Kalten Krieg war Oleg Gordijewski der ranghöchste KGB-Überläufer. Dank ihm wurde Gorbatschows London-Besuch 1984 zum wegweisenden Erfolg.

Von Queen Elizabeth II geehrt: Oleg Gordijewski nach der Auszeichnung mit dem «Orden vom Heiligen Michael und Georg» im Jahr 2007. Foto: Reuters

Von Queen Elizabeth II geehrt: Oleg Gordijewski nach der Auszeichnung mit dem «Orden vom Heiligen Michael und Georg» im Jahr 2007. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für Margaret Thatcher war dieses Begräbnis ein Geschenk Gottes. Tausende standen auf dem Roten Platz, um Juri Andropow die letzte Ehre zu erweisen. Es war der 14. Februar 1984 und bitterkalt in Moskau. Die britische Premierministerin, ganz in schwarz und mit Pelzhut, wirkte runder als sonst, sie trug unter ihrem Mantel eine Bettflasche mit heissem Wasser.

Die überzeugte Antikommunistin war nach Moskau gereist, um mit den Sowjets ins Gespräch zu kommen. Denn der Schock von «Able Archer» sass tief: Das grosse Nato-Manöver «Kräftiger Bogenschütze» drei Monate zuvor hätte beinahe zum Dritten Weltkrieg geführt. Die europaweite geheime Kommandostabsübung wirkte auf den Kreml wie die Vorbereitung für einen atomaren Überraschungsangriff.


30 Jahre Mauerfall – Serie zur Wende von 1989


Es war der russische Doppelagent Oleg Gordijewski, der dem britischen Geheimdienst MI6 mitgeteilt hatte, der Kreml rechne mit einem Angriff und habe Massnahmen für einen Gegenschlag eingeleitet. Die Sowjets bestückten ihre Bomber in der DDR und in Polen mit Atomwaffen, die U-Boote gingen unter dem Polareis auf Gefechtsstation, und etwa 70 SS-20-Mittelstreckenraketen, die auf Westeuropa gerichtet waren, wurden startklar gemacht. Gordijewski, KGB-Oberst auf der sowjetischen Botschaft in London, warnte vor einem fatalen Missverständnis, worauf die Nato «Able Archer» vorzeitig abbrach. Damit habe Gordijewski geholfen, den dritten Weltkrieg zu verhindern, schreibt der britische Historiker Ben Macintyre. Für sein Buch «The Spy and the Traitor» hat er Gordijewski insgesamt mehr als 100 Stunden lang befragt.

Die Kombination sowjetische Paranoia und amerikanische Rhetorik – Ronald Reagan hatte vom «bösen Imperium» gesprochen – hatte im Kreml zu einer fatalen Fehlwahrnehmung der westlichen Absichten geführt. In Washington war man sich dessen nicht ganz bewusst, die Eiserne Lady hingegen war tief beunruhigt. Sie wollte diese Gefahr unbedingt beseitigen und ergriff nach dem Moskauer Begräbnis die Initiative. Die Premierministerin schlug Andropows Nachfolger, dem 73-jährigen Konstantin Tschernenko, ein umfassendes Abrüstungsabkommen vor. «Jetzt haben wir eine Chance, vielleicht die letzte Chance.»

Die Sowjets schätzten Thatchers stilvollen, dem Anlass angemessenen Auftritt. Während andere Vertreter westlicher Staaten kicherten, als Andropows Sarg in der Gruft verschwand, wirkte Thatcher ernst und feierlich. Sie spielte ihre Rolle perfekt, das Skript stammte von Gordijewski. «Frau Thatcher ist über ihren Schatten gesprungen», stellte der sowjetische Botschafter in London fest, wie Gordijewski seinem MI6-Kontakt berichtete – es war ein perfekter Spionage-Kreislauf.

Arbeitete ab 1963 für den KGB – und ab 1974 für den britischen Geheimdienst MI6: Oleg Gordijewski. Foto: Keystone

Was Thatcher jedoch beunruhigte, war Tschernenko, ein Fossil aus der kommunistischen Vergangenheit, ein Greis hatte einen Greis beerbt. «Um Gottes Willen, findet mir einen jungen Russen», sagte sie zu ihren Beratern auf dem Flug zurück nach London. Tatsächlich hatten die Briten bereits jemanden identifiziert, der sich als Gesprächspartner anbieten könnte. Michael Gorbatschow war ein neuer Stern am kommunistischen Firmament. In der Hierarchie rasch aufgestiegen, wurde er noch vor seinem 50. Geburtstag Mitglied des Politbüros und galt als der wahrscheinliche Nachfolger des moribunden Tschernenko.

Diesen Gorbatschow wollte Margaret Thatcher treffen, ein Reformer, ein Mann mit einer Vision, der auch die Welt ausserhalb des Ostblocks kannte. So streckte das britische Aussenministerium die Fühler aus. Im Sommer 1984 akzeptierte Gorbatschow eine Einladung nach Grossbritannien für den kommenden Dezember – eine einmalige Chance, um mit der nächsten Generation der kommunistischen Führung ins Gespräch zu kommen. Noch trennten Gorbatschow und Thatcher Welten, sie waren Gegner im Kalten Krieg, einem Konflikt, der unüberwindbar schien. Dass Michael Gorbatschow, der künftige Architekt von Glasnost und Perestroika, dereinst die Sowjetunion abwracken würde, war undenkbar.

Gordijewski choreographierte ein Gipfeltreffen, indem er beide Seiten briefte.

Damit schlug die Stunde für Oleg Gordijewski, der seit 1974 für die Briten spionierte. Als Chef der politischen Abteilung des KGB in London – die Nummer 2 in der sowjetischen Geheimdienstfiliale – war er dafür zuständig, Gorbatschow auf seinen Besuch vorzubereiten. Gleichzeitig konnte er den MI6 über die sowjetischen Absichten informieren, und das aus allererster Hand. Wohl einzigartig in der Geschichte der Spionage choreographierte ein Agent ein Gipfeltreffen, indem er beide Seiten briefte: Gordijewski schlug Gorbatschow vor, was er Thatcher sagen sollte und umgekehrt. Alle Memoranden, die der Doppelagent für den Kreml verfasste, übergab er auch dem MI6. Mehr noch, der britische Geheimdienst fütterte ihn mit Informationen, die er in seine Berichte für Gorbatschow einbaute - Gordijewski wurde zum Scharnier zwischen Ost und West.

Michael und Raissa Gorbatschow trafen am 15. Dezember 1984 in London ein. Bereits bei seiner Ankunft sagte der kommende Mann des Kremls, er hoffe, dass das Wettrüsten bald ende und die Beziehungen zwischen Ost und West besser werden. Während des achttägigen Besuchs pilgerte Gorbatschow in die British Library, wo Karl Marx «Das Kapital» geschrieben hatte. Des weitern besuchte er mit seiner Frau die St. Paul's Cathedral, Edinburgh und die Austin-Rover-Werke in Oxford. Zentral waren jedoch die Treffen mit der britischen Premierministerin auf deren Landsitz Chequers, wo sich die beiden Gegner im Kalten Krieg kennenlernten.

«Ein Mann, mit dem man ins Geschäft kommen kann»: Margaret Thatcher über Michail Gorbatschow, der im Dezember 1984 nach London reiste. Foto: Keystone

Gorbatschow verlangte jeden Abend von seinen Leuten einen kurzen Bericht, was am nächsten Tag anstand. Das war schwierig für den KGB, da die britischen Gastgeber die Agenda prägten. Doch der MI6 konnte weiterhelfen: Der britische Geheimdienst besorgte sich bei Thatchers Aussenminister Geoffrey Howe die Punkte, die angesprochen werden sollten, übergab sie Gordijewski, der vom geheimen Treffpunkt zurück in die Botschaft eilte, und sie dort umgehend auf russisch übersetzte. Ganz zum Gefallen seiner Vorgesetzten. «Das ist genau das, was wir brauchen», hiess es in der sowjetischen Botschaft. Offenbar verfügte der KGB-Mann über exzellente Quellen in der britischen Verwaltung, so der Eindruck der Russen. Und der war nicht falsch.

Gorbatschows Besuch wurde ein voller Erfolg. Natürlich gab es bei den Gesprächen mit Thatcher auch Meinungsverschiedenheiten, etwa als die Premierministerin auf den Vorzügen des freien Marktes gegenüber der Planwirtschaft beharrte. Gorbatschow widersprach und lud Thatcher zum Gegenbesuch ein, um die glücklichen sowjetischen Menschen zu treffen. Auch warf Thatcher ihrem Gast vor, die streikenden britischen Bergarbeiter zu finanzieren, was Gorbatschow bestritt. Das war eine Lüge, und die Britin wusste es.

Thatchers Empfehlung an Reagan

Trotz aller ideologischer Differenzen fanden die Beiden eine Gesprächsbasis. Es schien, als würden Thatcher und Gorbatschow den selben Instruktionen folgen, was sie ja auch taten. «Wir haben etwas Neues ausprobiert», erinnerte sich ein MI6-Analytiker im Interview mit Buchautor Macintyre, «wir benutzten die Informationen, um eine Beziehung zu pflegen und neue Chancen zu erschliessen.» Gorbatschow zeigte sich bei der Abreise sehr zufrieden, ebenso Margaret Thatcher: «Seine Persönlichkeit könnte sich nicht mehr von einem durchschnittlichen sowjetischen Apparatschik unterscheiden.» Auch in Moskau war man begeistert, wie Oleg Gordijewski umgehend dem MI6 rapportierte.

Nach dem Treffen schrieb Margaret Thatcher an ihren engsten Verbündeten, den US-Präsidenten Ronald Reagan: «Ich glaube, Gorbatschow ist ein Mann, mit dem man ins Geschäft kommen kann. Ich mag ihn, er ist ohne Zweifel vollständig loyal zum sowjetischen System, aber er ist bereit zuzuhören.» Als im März 1985 auch Tschernenko starb, kam Gorbatschow an die Macht. Fortan galt im Westen Thatchers Einschätzung des neuen sowjetischen Staatschefs.

Auf Empfehlung der britischen Premierministerin stimmte Reagan einem direkten Dialog mit Gorbatschow zu. Die beiden trafen sich erstmals am 19. November 1985 in Genf zum Gipfel. Sie einigten sich darauf, «dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals ausgefochten werden darf». Es war rückblickend der Anfang vom Ende des Kalten Kriegs.

Brückenbauer zwischen Ost und West: Oleg Gordijewski im Gespräch mit US-Präsident Ronald Reagan im Jahr 1987. Foto: Wikimedia/Ronald Reagan Presidential Library

Die KGB-Spitzte rühmte Gordijewski für seine Arbeit während Gorbatschows Besuch in Grossbritannien, nun galt er als Topagent, der sich für noch höhere Aufgaben im sowjetischen Geheimdienst empfohlen hatte. Sein direkter Vorgesetzter, der KGB-Stationschef in London, bat ihn ins Büro. Vor ihm lag ein Bericht über den britischen Aussenminister und dessen Rolle während Gorbatschows Besuch. «Hmm, sehr guter Report», sagte der Stationschef, um nach einer Kunstpause hinzuzufügen: «Er erinnert vom Stil her an ein Dokument des britischen Aussenministeriums.»

Exekutionsbefehl gegen Gordijewski gilt immer noch

Oleg Gordijewski hatte zu gut gearbeitet. Im Mai 1985 wurde er plötzlich nach Moskau zurückberufen und verhört. Die Spionageabwehr des KGB hatte Verdacht geschöpft, konnte ihm aber nichts nachweisen, weshalb er wieder auf freien Fuss kam. Trotz der fortan permanenten Überwachung gelang ihm mit Hilfe seiner britischen Freunde die waghalsige Flucht über Finnland und Norwegen nach England. Gordiewski wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Seine Familie konnte ihm 1991 trotzdem folgen, weil sich Margaret Thatcher bei Gorbatschow für die Ausreise der Gattin und der zwei Töchter eingesetzt hatte. Die Ehe zerbrach kurz darauf.

Oleg Gordijewski ist der höchstrangige, öffentlich bekannte KGB-Überläufer in den Westen. Der 80-Jährige lebt heute mit neuer Identität in Grossbritannien. «Er ist einer der tapfersten Menschen, die ich je getroffen habe, und einer der einsamsten», schreibt Historiker Macintyre. Seit dem Fall Skripal wird Gordijewskis kleines Reihenhaus während 24 Stunden bewacht. Der Exekutionsbefehl, ausgestellt von den sowjetischen Behörden nach seiner Flucht, ist immer noch in Kraft.

Erstellt: 01.11.2019, 19:11 Uhr

Serie zur Wende von 1989, Teil 3

Vor 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. 28 Jahre lang hatte sie Berlin in Ost und West geteilt, die Mauer war Brennpunkt und Symbol des Kalten Kriegs. Ihr Fall markierte dessen Ende. Inzwischen ist die damalige Euphorie Ernüchterung gewichen, erneut ist die Rede von einem Kalten Krieg.

Wir blicken zurück auf die Wende. Heute erzählen wir die Geschichte von Oleg Gordijewski, einem Doppelagenten des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Es folgen Porträts des Stabschefs des damaligen amerikanischen Präsidenten sowie des Architekten der deutschen Wiedervereinigung. Ein Interview mit einer Historikerin schliesst die sechsteilige Serie ab. (chm)

Artikel zum Thema

«Der Gedanke, die DDR könnte kollabieren, kam uns absurd vor»

Serie Als die Berliner Mauer fiel, war Marianne Birthler Bürgerrechtlerin. Die spätere Hüterin der Stasi-Unterlagen blickt zurück – und sorgt sich um die Zukunft. Mehr...

«Die Tore in der Mauer stehen weit offen»

Serie Die Nachricht des ARD-Sprechers vom 9. November 1989 traf Deutschland ins Mark. Auftakt zur Serie «30 Jahre Mauerfall». Mehr...

Auferstanden aus Ruinen

Ostalgiker feiern den 70. Jahrestag der DDR-Gründung – und reden sich die Diktatur schön. Mehr...

Video

Kurzfilm über Doppelagent Oleg Gordijewski. Quelle: Youtube/GP

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fliegende Körner: Ein Bauer erntet Reis auf einem Feld in Nepal. (15. November 2019) A farmer harvests rice on a field in Lalitpur, Nepal November 15, 2019.
(Bild: Navesh Chitrakar ) Mehr...