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Der Drang, sich mit fremden Federn zu schmücken

Im Zusammenhang mit den Plagiatsvorwürfen gegen den deutschen Verteidigungsminister kritisiert eine Professorin die zunehmende «Titelverliebtheit» in der Gesellschaft. Das Phänomen ist aber nicht neu.

Steht unter dem Verdacht, bei seiner Doktorarbeit geschummelt zu haben: Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.
Steht unter dem Verdacht, bei seiner Doktorarbeit geschummelt zu haben: Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.
Keystone

Schon Bertold Brechts Dreigroschenoper war ein Plagiat: «Denn auch Brecht hat sich genommen, was er brauchte, und seine Dreigroschenoper in grossen Teilen aus der Übersetzung der Gedichte von François Villon durch Karl Ammer zusammengesetzt», schreibt die Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, Debora Weber-Wulff, in ihrem Beitrag «Mogelpackung - Was leisten Plagiatserkennungssysteme?» in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «Forschung & Lehre» von Februar 2011.

Im Zusammenhang mit den Plagiatsvorwürfen gegen den deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kritisiert Weber-Wulff eine zunehmende «Titelverliebtheit» in der Gesellschaft. «Die Leute wollen gerne ihre Titel haben», sagt die Wissenschaftlerin am Mittwoch der Nachrichtenagentur dapd. Das habe in der Politik und in der Wirtschaft aber nichts zu suchen, sondern sei nur für die Wissenschaft wichtig - als erste eigenständige wissenschaftliche Arbeit. «Wir müssen davon wegkommen, dass der Doktor gesellschaftlich relevant ist.»

Passagen wortwörtlich übernommen

Die Debatte angestossen hat der Bremer Jura-Professor Andreas Fischer-Lescano, der Guttenberg vorwirft, in seiner Dissertation einige Passagen wortwörtlich von anderen Autoren ohne wissenschaftlich vorgeschriebene Kennzeichnung übernommen zu haben. Die Arbeit sei an mehreren Stellen «ein dreistes Plagiat» und «eine Täuschung», sagte Fischer-Lescano der «Süddeutschen Zeitung» (Mittwochausgabe). Guttenberg wehrte sich gegen die Vorwürfe und nannte sie «absurd». «Ich habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt.»

Bei den in der «Süddeutschen Zeitung» veröffentlichten Passagen aus Guttenbergs Doktorarbeit von 2009 handelt es sich nach Ansicht der Medien-Professorin um eine quellenlose «Eins-zu-eins-Kopie». «Das geht so nicht», sagt Weber-Wulff. Die Bayreuther Universität werde jetzt zu prüfen haben, ob es weitere übernommene Passagen gibt, und entscheiden müssen, ob sie eine Rüge ausspricht, die Note herabstuft oder die Anerkennung der Dissertation entziehen wird.

«Wie viele Fälle es gibt, wissen wir nicht»

Beispiele dafür gibt es durchaus. So wurde laut Weber-Wulff 2004 einem Doktoranden der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen im Nachhinein der Titel entzogen. Einen weiteren Fall habe es an der Universität in Saarbrücken gegeben. «Wie viele Fälle es gibt, wissen wir nicht», räumte die Professorin ein.

Belastbaren Zahlen für solche Raubkopien gibt es Angaben des Deutschen Hochschulverbandes nicht. Doch würden im «Zeitalter von Copy & Paste und dem Internet» wohl Fälschungen zunehmen, sagte Verbandssprecher Matthias Jaroch der dapd. Eines aber sei klar: «Mit dem wissenschaftlichen Ethos lässt sich das nicht vereinbaren.»

«Der Fall Guttenberg ist bedenklich»

Letzter prominenter Fall war Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, die sich vor einem Jahr gegen Vorwürfe wehren musste, bei ihrer Dissertation geschummelt zu haben. Schröder habe Dienste ihrer Partei genutzt, um die Forschung zu machen, hiess es. So seien etwa Fragebögen von der CDU-Zentrale versandt worden. Das sei nicht in Ordnung, denn die Arbeit müsse selbstständig sein, sagte Weber-Wulff. Konsequenzen habe es aber nicht gegeben, der Doktorvater habe Schröder «den Rücken gestärkt». Der Fall Guttenberg sei jedoch «bedenklich».

(dapd)

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