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Der Fall des «nuklearen Angriffs auf den Strassen Londons»

In einem Bleisarg liegt die Leiche von Alexander Litwinenko in der britischen Hauptstadt. Zu stark strahlen seine Gebeine – zu stark strahlt aber auch seine unglaubliche Geschichte.

Schwere Vorwürfe gegen Putin: Marina Litwinenko mit Anwalt Ben Emmerson auf dem Weg zum Gericht in London. (27. Januar 2015)
Schwere Vorwürfe gegen Putin: Marina Litwinenko mit Anwalt Ben Emmerson auf dem Weg zum Gericht in London. (27. Januar 2015)
Reuters

Ihr Mann liegt auf einem Londoner Friedhof – begraben in einem mit Blei ausgekleideten Sarg, weil seine Leiche noch immer starke radioaktive Strahlung abgibt. Es ist Marina Litwinenko zu verdanken, dass der Krimi um die Vergiftung Alexander Litwinenkos in England wieder zum Thema in der Öffentlichkeit wird. Gegen sämtliche Widerstände hat sie sich dafür eingesetzt, dass der Tod ihres Ehemannes im Jahr 2006 nochmals aufgerollt wird – sogar die britische Regierung hatte sich geweigert, seine Akten zum Fall herauszugeben.

Litwinenko arbeitete ab 2003 als Informant des britischen Geheimdienstes. Am 1. November 2006 traf er sich mit den ehemaligen russischen Geheimagenten Andrei Lugowoi und Dmitri Kowtun in einem Londoner Hotel. Dort trank er einen Tee, der radioaktives Polonium-210 enthielt – drei Wochen später war er tot. Offenbar war Litwinenko kurz davor, Verbindungen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und einer grossen kriminellen Organisation in Europa publik zu machen.

Polonium im Hotel und im Flugzeug

Im Verfahren, das seit gestern läuft, soll ermittelt werden, ob der russische Staat eine Verantwortung für Litwinenkos Tod trägt. Es findet hinter verschlossenen Türen statt, die erste Anhörung war jedoch öffentlich. Dabei erhob Ben Emmerson, der Litwinenkos Witwe vertritt, schwere Vorwürfe gegen Putin, wie der «Guardian» berichtet. Beim Tod Litwinenkos handle es sich um einen erschreckenden politischen Mord, sagte er. «Die Spur des Poloniums führt nicht nur von London nach Moskau, sondern direkt zur Türe von Wladimir Putins Büro», sagte er.

Die Poloniumspur ist dabei keinesfalls bloss eine Metapher: Nachdem die Vergiftung Litwinenkos festgestellt worden war, fanden Ermittler Polonium in sämtlichen Hotelzimmern, in denen Lugowoi und Kowtun übernachteten. Ebenso auf dem Flugzeugsitz im Flugzeug von Moskau. Ein Hotelbadezimmer sei massiv kontaminiert gewesen, weil Lugowoi das Polonium offenbar in einen anderen Behälter umgefüllt hatte. «Ein grosser Teil des organisierten Verbrechens in Russland wird direkt aus den Büros des Kreml organisiert. Putins Russland ist ein Mafiastaat», sagte Emmerson bei der Anhörung.

Russland verweigert Unterstützung

Die beiden Verdächtigen sollen Polonium im Wert eines zweistelligen Millionenbetrages mit sich geführt haben, schreibt die «Daily Mail». Mit einem Gramm der Chemikalie könnten 100 Millionen Menschen getötet werden. Tausende Bürger Grossbritanniens waren also gefährdet – zumal davon ausgegangen wird, dass Lugowoi und Kowtun nicht wussten, welche Art von Gift sie mit sich trugen. Richter Robert Owen bezeichnete das Vorgehen gegen Litwinenko denn auch als «kleinen nuklearen Angriff auf den Strassen Londons».

Lugowoi und Kowtun wurden 2007 in England wegen Mordes angeklagt, Russland verweigert jedoch die Auslieferung ebenso wie die Unterstützung bei den Ermittlungen im aktuellen Prozess. Die beiden Verdächtigen bestreiten trotz der Spuren ihre Schuld am Tod Litwinenkos. Lugowoi verdächtigte den britischen Geheimdienst des Mordes an Litwinenko. Dabei gibt es weitere belastende Beweise gegen ihn und seinen Kollegen: In einer Haarprobe Litwinenkos wurde festgestellt, dass dieser bereits am 16. Oktober – rund zwei Wochen vor der Vergiftung, die zu seinem Tod führte – zum ersten Mal mit Polonium in Berührung kam. Just an diesem Tag traf er sich mit den beiden Hauptverdächtigen im Büro einer privaten Sicherheitsfirma. Auf dem Tisch und an den Stühlen wurden Poloniumspuren entdeckt. Die Dosis war jedoch weit tiefer als diejenige, an der Litwinenko schliesslich starb.

Dass Lugowoi und Kowtun der Vorladung folgen und beim Prozess via Video aussagen, gilt als unwahrscheinlich. Die Verhandlung soll insgesamt zehn Wochen dauern, Ende Jahr wird der Bericht von Richter Owen erwartet.

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